Krieg in Nordgaza: Die Hungersnot wächst

Berlin taz | Samen waren die „einzige Hoffnung“ des 24-jährigen Farmers Yousef Abu Rabie, um den Hunger im Norden Gazas zu bekämpfen. Nachdem er im Dezember vor dem Einmarsch israelischer Truppen aus dem Norden von Gaza flüchtete, kehrte er im April zu seinen zerstörten Feldern in Beit Lahia zurück. „Mehl, Gemüse, Fleisch – alles war nicht verfügbar. Daher hatte ich die Idee, anzubauen“, sagte er den Nachrichtenagentur Reuters im August. Er rettete Samen aus dem Schutt, züchtete Stecklinge. Am 21. Oktober 2024 wurde er durch einen israelischen Luftangriff getötet.

Durch Israels jüngste Offensive im Norden des Gazastreifens wurden nach palästinensischen Angaben etwa 100.000 Menschen von Nahrung und medizinischer Versorgung abgeschnitten. Der Katastrophenschutz nannte am Montag Dschabalia, Beit Lahia und Beit Hanun als betroffene Orte. Die drei Krankenhäuser der Region teilten mit, sie könnten kaum noch den Betrieb aufrechterhalten. Zwei gaben an, durch israelischen Beschuss beschädigt worden zu sein und über keine Medikamente, Lebensmittel oder Brennstoff mehr zu verfügen. Mindestens ein Arzt, eine Pflegekraft und zwei behandelte Kinder seien gestorben, weil sie nicht hätten versorgt werden können.

Seit dem Beginn des Krieges im Gazastreifen vor über einem Jahr wurden gut 43.000 Menschen getötet. Der Küstenstreifen ist weit­gehend zerstört. Am Dienstag wurde in der Stadt Beit Lahija nahe der israelischen Grenze ein fünfstöckiges Haus getroffen. Der Angriff habe laut Gesundheitsministerium mindestens 93 Menschen das Leben gekostet, darunter viele Frauen und Kinder.

Der Sprecher des US-Außenministeriums, Matthew Miller, sprach von einem „schrecklichen Vorfall“ in Beit Lahija und verlangte Aufklärung. Der Direktor des nahe gelegenen Kamal-Adwan-Krankenhauses, Hossam Abu Safija, sagte, zahlreiche Verwundete seien in die Klinik gebracht worden. Die israelischen Streitkräfte hatten am Wochenende in dem Krankenhaus Dutzende Mitarbeiter festgenommen.

Oxfam warnt vor Hungersnot

Das israelische Militär macht im Norden von Gaza ganze Häuser und Felder dem Erdboden gleich. Die Hilfsorganisation Oxfam warnt, dass dort einige Pa­läs­ti­nen­se­r*in­nen bereits verhungern. „Es gibt nichts. Wir sprechen hier von mehreren Dutzend Tagen, an denen sie keine Lieferungen erhalten“, sagte der Leiter für Ernährungssicherheit in Gaza, Mahmoud Alsaqqa, am Sonntag.

Seit drei Wochen verhindert Israel Hilfskonvois nach Nordgaza. Der Plan des Militärs sieht vor, den Norden auszuhungern, Menschen gewaltsam zu vertreiben und eine militärische Sperrzone zu erklären. Der verantwortliche General, Giora Eiland, sagte, Menschen, die blieben, würden als Terroristen betrachtet. Sie sollten, so Eiland, entweder fliehen oder verhungern.

Laut UN leiden 96 Prozent der gesamten Bevölkerung in Gaza in hohem Maß an Nahrungsmittelknappheit; fast eine halbe Million Menschen sind vom Hungertod bedroht. Das Kinderhilfswerk Unicef berichtet, dass 37 Kinder bereits verhungert sind. UN-Angaben zufolge hat die israelische Regierung seit Beginn des Krieges 83 Prozent der Nahrungsmittelhilfe blockiert. Der Anbau von Obst und Gemüse ist nahezu unmöglich, 68 Prozent des Farmlands in Gaza sind zerstört.

„Trotz all dieser Zerstörungen bestehen die Menschen darauf, zu bleiben, zu pflanzen und wieder aufzubauen“, sagte Youssef Abu Rabie in einem Video. Wenige Tage später wurde er getötet.

  • informationsspiegel

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