Fake News im Boulevarblatt „Exxpress“: Klicks mit Corona-Lügen

Wien taz | Mit Corona lässt sich in Österreich gut Politik und Auflage machen – noch immer. Das weiß die FPÖ, die auch mit diesem Thema die jüngsten Wahlen gewann. Das weiß auch das österreichische Boulevardportal Exxpress, das jüngst über eine „brisante“ Studie zu Corona-Impfungen berichtete. 240 von 325 untersuchten „plötzlichen und unerwarteten“ Todesfällen seien auf die verabreichten mRNA-Impfstoffe zurückzuführen, heißt es darin. Das Problem: Der Bericht ist nicht nur reißerisch, er ist schlicht falsch.

Bei der zitierten Untersuchung, erschienen in Science, Public Health Policy and the Law, handelt es sich um eine Metastudie mit 44 Autopsie-Sammelberichten.

Schon die Vorauswahl war nicht repräsentativ: Es ist wahrscheinlich, dass hauptsächlich auffällige Fälle für die Autopsien ausgewählt wurden. Ebenso willkürlich ist dann die von den Autoren getroffene Auswahl dieser 44 Berichte. Und ebenso schwerwiegend: Anstatt einer standardisierten Methodik beurteilten drei Ärzte nach eigenem Ermessen, ob nun Impffolgen für den Tod ausschlaggebend waren oder nicht. Begleiterkrankungen und Risikofaktoren wurden nicht ausreichend berücksichtigt. Zudem gibt es keine Kontrollgruppe mit nichtgeimpften Verstorbenen, es lassen sich also keinerlei validen Ableitungen treffen.

Diese Kritikpunkte und Störfaktoren räumen die Autoren auch selbst ein. Dennoch kritisierten sie angebliche „Zensur“ darin, als die Studie kurz nach Veröffentlichung im Foren­sic Science International Journal wegen methodischer Mängel wieder zurückgezogen wurde. Zuvor hatte bereits das renommierte Journal The Lancet eine Veröffentlichung abgelehnt.

Ein Blick auf die Autoren der Studie offenbart zudem eine klare Agenda, wie das Medienwatchblog Kobuk berichtete: Peter McCullough ist bekannt dafür, öffentlich von der Corona-Impfung abzuraten und stattdessen das Entwurmungsmittel Ivermectin zu bewerben. Roger Hodkinson bezeichnete die Coronapandemie 2020 als den „größten Schwindel aller Zeiten“. Beide sind an The Wellness Company beteiligt, einem Unternehmen, das unter anderem Nahrungsergänzungsmittel zum angeblichen Schutz vor Impfstoffen verkauft.

Ohnehin niedrige Qualitätsstandards

Der reißerische und faktisch falsche Beitrag ist ursprünglich beim deutschen Partnerportal Nius erschienen, das seit Kurzem mit 50 Prozent der Anteile am Exxpress beteiligt ist.

Die 2021 gegründete Onlinezeitung „für Selberdenker“ unterschreitet sogar die im österreichischen Boulevard ohnehin niedrigen Qualitätsstandards. Eine Schlägerei in einem Wiener Freibad hat der Exxpress etwa erfunden. Ebenso angebliche Pläne der österreichischen Bundesregierung, „mit der Nato in den Krieg ziehen“ zu wollen. Unwidersprochen und kritiklos kam hingegen die Propaganda des russischen Botschafters in Wien zu Wort.

Die Pandemie bespielt das Portal schon länger einschlägig: „Welch Überraschung: 98 Prozent der Corona-Toten nicht primär an Covid verstorben“ titelte es im Sommer 2023, die Daten des US-amerikanischen CDC verfälschend. Schon während der Lockdowns informierte das Medium falsch über die konkreten Maßnahmen. Es empfiehlt sich, den Werbeclaim „für Selberdenker“ bei der Exxpress-Lektüre tatsächlich wortwörtlich zu nehmen.

  • informationsspiegel

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