Über Wohltätigkeit: Das Ding mit der Charity

A lle Jahre wieder veranstaltet der 82-jährige Schlagersänger Frank Zander sein Weihnachtsessen für Obdachlose. Auch dieses Jahr sollen 2.500 Menschen von Promis und Po­li­ti­ke­r*in­nen mit einem festlichen Gänsemenü bewirtet werden. In der vergangenen Woche wurde außerdem bekannt, dass der Youtuber „MrBeast“ eine ganze Edeka-Filiale leergekauft hat, um die Waren an verschiedene Hilfsorganisationen zu verteilen. Umgerechneter Geldwert: mehr als eine halbe Million Euro.

Laut dem Deutschen Spendenrat wird im Dezember am meisten gespendet. Das mag daran liegen, dass die bevorstehenden Feier­tage traditionell eng mit Nächstenliebe und Barmherzigkeit verbunden werden. Aber nicht alle Gründe fürs Spenden sind altruistisch: Neben ehrenamtlichen Tätigkeiten sorgen auch Geld- und Sachspenden für ein gutes Gefühl, das sogenannte „Helper’s High“.

Mit Spenden lassen sich außerdem Steuern sparen – und sie bringen soziales Prestige. Seht her, was ich alles gebe, ich bin ja so ein guter Mensch! Also hört meine Musik und kauft meine Schokolade, die zufällig von derselben Supermarktkette vertrieben wird, bei der ich gerade medienwirksam meinen gigantomanischen Einkauf für den guten Zweck erledigt habe.

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Klar, private Spenden sind in einer Gesellschaft, in der der Sozialstaat mehr und mehr beschnitten wird, oft das letzte Mittel, um wenigstens etwas Linderung zu verschaffen. Deshalb ist auch jede Spende wichtig, die Menschen brauchen sie. Behandelt werden dabei oft trotzdem nur Symptome anstelle der Ursachen für Armut und Ungleichheit. Wo Ausbeutung stattfindet, wird automatisch Armut produziert. Das macht Wohl­tätigkeit überhaupt erst notwendig.

Geld und Macht muss umverteilt werden

Wo Ausbeutung stattfindet, wird automatisch Armut produziert. Das macht Wohltätigkeit erst notwendig

Während die Reichen ihr Vermögen gerade in nie da gewesener Geschwindigkeit vermehren, muss sich die Mehrheit psychisch, körperlich und finanziell verausgaben, um würdig leben zu können. Diese Mehrheit ist damit letztlich einem Obdachlosen viel näher als einem Elon Musk, auch wenn das vielen nicht bewusst ist.

Wer im großen Stil spendet, tut Gutes, hat aber auch die Macht zu entscheiden, wann, wie und wem geholfen wird – und wem nicht. Soziale Härten werden dadurch zwar etwas abgemildert, aber der Status quo bleibt erhalten. Armut ist ein strukturelles Problem, und noch nie haben Spenden die Armut abgeschafft. Dafür müssten schon Geld und Macht umverteilt werden, aber dazu sind die allerwenigsten bereit.

Besonders perfide: Wer sich ohnehin schon um Wohnraum kloppt und in präkeren Jobs ackert, hat weniger Kraft, für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Und so manchen Reichen freut es, wenn gemeinhin die Doppelbödigkeit des Spendens übersehen wird.

Politiker bei „Ein Herz für Kinder“: Gar nicht cool

Apropos Reiche: Bei der diesjährigen Charity-Gala „Ein Herz für Kinder“ knüpfte Kanzlerkandidat Friedrich Merz die Höhe seiner Spende zunächst an die Umfragewerte seiner Partei, frei nach dem Motto: Ich gebe mehr, wenn mir mehr gegeben wird. Und der frisch entlassene Christian Lindner scherzte über die eigene „Bedürftigkeit“, nur um im Anschluss einen winzigen Bruchteil seines Vermögens herzugeben. Erst neoliberale Politik machen und dann bei Armutsbetroffenen Stacheldraht im Portemonnaie haben. Gar nicht cool.

Zum diesjährigen Gänseessen in Neukölln hat sich auch Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) angekündigt. Der fuhr auch schon im Kältebus mit und schenkte in der Bahnhofsmission Kaffee aus. Auf eine sozialere Politik wartet man bei Wegner derweil vergeblich. Die eklatante Wohnungsnot und die Sparmaßnahmen sprechen für sich.

  • informationsspiegel

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