Operette „Ab in den Ring!“: Zwischen Rave und Commedia dell’Arte

KRAWUMM! – Die Abrissbirne zerschmettert das Bühnenbild. Aus den Trümmern, die an Reste einer mittelalterlichen Burg gemahnen, taucht ein Tenor in Korsage auf. Siegfried, Held der Nibelungen, umfasst eine blondbezopfte Schöne und besingt ihre strohige Perücke. Wenig später wird der zarte Moment durch eine Rapperin unterbrochen: „Habt ihr euch schon mal selbst im Spiegel angeschaut? Da bröckeln die Jahrhunderte wie Staub auf eurer Haut!“.

„Da kommt später noch ein Beat drunter“, ruft Regisseurin Anna Weber aus dem Zuschauerraum. Begeistertes Gelächter unter den Beteiligten. Indes baumeln zwei monströse Drachenfiguren von der Decke der Tischlerei-Bühne der Deutschen Oper, wo das Berliner Thea­terkollektiv tutti ­d*a­mo­re das bildungsbürgerliche Wagner-Erbe seziert, um es als gut gelaunten Klamauk zu servieren.

Die Operette „Die lustigen Nibelungen“ von Oscar Straus, die am Freitag, den 28. Februar in einer Interpretation des Berliner Kollektivs tutti d*a­mo­re als „Ab in den Ring!“ Premiere feiert, wurde 1904 als Parodie auf den deutschnationalen Kult um Richard Wagners Ring-Zyklus geschrieben. Bei Operette denken viele an die walzerselige Piefigkeit ihrer Großeltern- und Urgroßelterngeneration: Eierlikör, Spitzendeckchen, süßliche Heimatfilme, Revuen mit Marika Rökk.

Doch das Genre hat eine subversive Vergangenheit. In seinem Standardwerk „Operette – Porträt und Handbuch einer unerhörten Kunst“ schreibt Volker Klotz: „Was im staatlich geregelten Alltag fest und sicher hochgehalten wird, rutscht hier in sich zusammen. Und was im Alltag kurz und klein gehalten wird, macht hier sich stark.“

Anarchische Lust am Chaos

Seit ihren Anfängen in den 1850er Jahren kehrte die Operette augenzwinkernd Herrschaftsverhältnisse um: In rasanten ­Verwechslungskomödien wurden Bauern zu Generälen, Herrscher von ihren Dienern an der Nase herumgeführt und die bürgerliche Oberfläche durch anarchische Lust am Chaos gesprengt.

In den 1920er und 30ern importierten deutsche Operettenkomponisten wie Paul Abraham Jazz aus den USA und tanzten mit freizügiger Erotik und zeitpolitischen Anspielungen in den Privat- und Kellertheatern der Weimarer Republik gegen die Verhältnisse an. 1933 war damit Schluss. Viele der – oft jüdischen – Operettenschöpfer wurden vertrieben oder ermordet, Privattheater geschlossen.

Die Operette

„Ab in den Ring!“ Premiere am 28. Februar. Wieder zu sehen am 2., 6., 7., 9., 15. und 16. März

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Halten konnten sich vor allem affirmative Vertreter der Gattung wie Paul Lincke oder Johann Strauß, die spießbürgerlichen Provinzialismus oder soldatische Schneidigkeit verklärten. Nach 1945 retteten sich aus der einstmals so vielschichtigen Kunstform nur noch ein paar nostalgiegeschwängerte Schmachtfetzen auf Schallplatten und in restaurative Fernsehsendungen. Der Operette war der politische Stachel gezogen worden.

Tutti d*a­mo­re – Mezzosopranistin Caroline Schnitzer, Regisseurin Anna Weber und die Tenöre Ludwig Obst und Ferdinand Keller – will den systemkritischen Geist dieser Kunstform wieder zum Leben erwecken, allerdings unter modernen Vorzeichen. „Es ist uns bei den Produktionen wichtig, das Geschehen näher an die Realität heranzuholen. Deshalb schreibe ich neue Rahmenhandlungen und neue Textfassungen“, sagt Anna Weber.

Handfester Kulturkampf bei den Nibelungen

Am Beispiel der „Lustigen Nibelungen“ verhandelt das Kollektiv einen handfesten Kulturkampf: Wegen der Kürzungen des Berliner Senats muss die Nibelungenfamilie um Intendant Gunther, altehrwürdiger Gralshüter des Wagner’schen Erbes, mit dem Berliner Underground-Kollektiv „Die wilde Brünhilde“ fusionieren. „Überspitzt gesagt sind die Nibelungen Traditionalisten, ‚Die wilde Brünhilde‘ steht für Wokeness und Innovation“, sagt Caroline Schnitzer.

Auch in sonstigen Produktionen holt tutti d*a­mo­re politische Sujets von damals ins Heute: Der Kampf eines Kleinunternehmers gegen einen gierigen Großkonzern aus Mischa Spolianskys „Das Haus dazwischen“ wird zum Kampf gegen Gentrifizierung im Berlin der 2020er, und in „Magna Mater“ – eine Stückentwicklung nach Paul Lincke und Franz von Suppé – untersucht das Kollektiv strukturelle Fragen rund um Sexismus und Machtmissbrauch.

Der subkulturellen Logik der Operettengeschichte folgend, ist das Kollektiv tutti d*a­mo­re eng mit dem Berliner Nachtleben verwachsen: Seit seinem Debütauftritt im Berliner Techno-Club „Sisyphos“, 2019, frischt es eingängige und tanzbare Operettenmusik mit Synthesizer-Sounds und elektronischen Beats auf.

Auch der Look des Kollektivs ist irgendwo zwischen Rave und Commedia dell’Arte angesiedelt: Das Logo glitzert in poppigem Pink, Produktionsfotos zeigen halbnackte Rauschgoldengel, giftgrüne Stiefel, unförmige Fleisch-Anzüge und unvorteilhafte Perücken. „Man darf sich selbst nicht zu ernst nehmen und muss auch Spaß an der Sache haben“, findet Ludwig Obst.

Jenseits jedes Funfaktors sieht tutti d*a­mo­re seine Arbeit auch immer als Chance, Klassik für ein neues Publikum zugänglich zu machen. Caroline Schnitzer sagt dazu: „Wir sind Bindeglied für Leute, die gegenüber großen Institutionen eine Barriere fühlen. Für die können wir eine Brücke bauen“.

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