Psychologin über Glücksforschung: „Es geht nicht darum, täglich mit einem Lächeln aufzuwachen“

taz: Frau Mangelsdorf, was ist Glück?

Judith Mangelsdorf: In der Positiven Psychologie, die oft auch als Glücksforschung bezeichnet wird, unterscheiden wir insbesondere zwischen zwei verschiedenen Arten. Hedonisches Glück bedeutet die Anwesenheit positiver Emotionen und die relative Abwesenheit negativer Emotionen. Dabei geht es also darum, Freude und Genuss zu maximieren und Schmerz und Leid eher zu vermeiden. Quasi die emotionale Art des Glücks. Das Gegenstück dazu ist das eudaimonische Glück. Dabei geht es nicht um das Streben nach glücklichen Momenten.

taz: Sondern?

Mangelsdorf: Um ein Gewahrsein dafür, was die eigenen Stärken sind, welchen Sinn ich im Leben habe und wie ich zur Welt beitragen kann. Das eudaimonische Glück wird eher mit dem Begriff von Erfüllung überschrieben.



Bild: Foto: Jennifer Sanchez

Im Interview: Judith Mangelsdorf

ist Professorin an der Deutschen Hochschule für Gesundheit und Sport in Berlin. Dort leitet sie den ersten deutschen Master­studiengang in Positiver Psychologie.

taz: Können wir lernen, in diesem Sinne glücklich zu sein?

Mangelsdorf: Wenn wir uns fragen, weswegen Menschen eigentlich glücklich sind, dann gibt es immer drei verschiedene Wirkkräfte, die gleichzeitig Einfluss nehmen. Zum einen sind das unsere Gene. Dann unsere Lebensumstände. Also beispielsweise: Welchen sozioökonomischen Hintergrund habe ich? In welcher politischen Struktur, in welcher Gesellschaft lebe ich? Die dritte Wirkkraft ist die Lebensgestaltung. Da geht es zum Beispiel darum, wie viel Sport ich mache, wie ich im Alltag handele, welche Denkmuster ich habe. Die Forschung der Positiven Psychologie zeigt, dass wir durchaus etwas für unser subjektives Glückserleben tun können.

taz: Gene, gesellschaftliche Umstände, Lebensgestaltung – welche der drei Kräfte wirkt am stärksten?

Das ist nicht so leicht zu sagen, weil alle drei Komponenten in einem Wechselspiel zueinander wirken. Wir wissen aber, dass ungefähr 36 Prozent der Unterschiede zwischen Personen im Glückserleben auf die Gene zurückzuführen sind. Das ist wissenschaftlich gesichert. Der Rest verteilt sich auf die Faktoren Lebensumstände und Lebensgestaltung.

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taz: Gibt es Lebensphasen, in denen meine Glücksfähigkeiten besonders geprägt werden?

Mangelsdorf: Entscheidend sind frühe Lebensphasen, in denen ich Muster meines Denkens, Fühlens und Handelns auspräge. Diese Muster führen dazu, dass ich später Gewohnheiten habe, die das Lebensglück unterstützen oder eben auch behindern. Wer zum Beispiel sehr herausfordernde Kindheitserfahrungen macht, prägt oft Muster und Erwartungen an die Welt aus, die zu einer Lebensgestaltung führen, die eher unglücklich macht. Das muss aber nicht sein. Die Forschung zeigt: Nur weil ein Mensch in der Kindheit etwas Schwieriges erlebt hat, zum Beispiel schmerzhafte Verlusterfahrungen gemacht hat, bedeutet das noch nicht, dass er oder sie als Erwachsene per se unglücklich sein muss.

taz: Was gibt den Ausschlag, ob es so kommt oder nicht?

Mangelsdorf: Grundsätzlich gehören schwierige und herausfordernde Erfahrungen zum Leben aller Menschen dazu, wenn auch natürlich in unterschiedlichem Umfang und unterschiedlicher Massivität. Der zentralste Befund aus der Resilienzforschung ist der: Kinder sind vor den negativen Folgen potenziell traumatischer Erfahrungen dann geschützt, wenn es mindestens eine Bezugsperson gibt, die stabil und emotional verfügbar ist. Selbst wenn das Elternhaus versagt und komplett unter mir zusammenbricht, genügt manchmal schon eine Lehrkraft, die sich an meine Seite stellt, die ansprechbar ist, die mich nicht verlässt in herausfordernden Zeiten.

taz: Seit einigen Jahren können sich Lehrer*innen zu Glückslehrkräften weiterbilden. Was halten Sie davon?

Mangelsdorf: Das Schulfach Glück ist einer der sehr wenigen Ansätze im klassischen Schulsystem, die menschliche Themen wie Freundschaft, Charakterstärken oder Lebenssinn überhaupt behandeln. Dabei geht es nicht darum, zu lernen, wie ich jeden Tag mit einem Lächeln aufwache und wieder ins Bett gehe. Sondern darum, wie es gelingt, tiefe Beziehungen aufzubauen, wie ich eine Antwort darauf finde, was meine Stärken und Schwächen sind, wie ich einen Beitrag für unsere Gesellschaft leisten kann. Natürlich führt das idealerweise dazu, dass ich auch glücklicher im emotionalen, im hedonischen Sinne bin, aber das ist nicht das primäre Ziel.

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taz: In zwei Unterrichtsstunden pro Woche Antworten auf die großen Fragen des Lebens finden, ist das realistisch?

Mangelsdorf: Um nachhaltig Lebenszufriedenheit aufzubauen, bräuchte es eine Integration dieser Themenfelder in den kompletten Schulalltag. Denn wenn ich im Fach Glück über meine Stärken spreche und in der nächsten Stunde Mathematik mein Lehrer zu mir sagt „Du bist ja wirklich zu blöd für alles!“, dann ist die Wirkung natürlich eingeschränkt. Ich finde den Ansatz aber unterstützenswert. Gerade weil die Alternative aktuell dazu nur wäre, dass solche Themen einfach gar nicht in der Schule vorkommen.

taz: Um die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen steht es nicht gut. Ein Viertel der Schüler*innen fühlt sich laut Deutschem Schulbarometer überdurchschnittlich stark psychisch belastet. Viele haben mit Depressionen und Angststörungen zu kämpfen.

Die Schülerschaft war noch nie so hoch belastet wie im Jahr 2026. Das liegt aber nicht daran, dass wir zwangsläufig in einer krisenhafteren Zeit leben. Die Realität hat sich sehr viel weniger verändert, als wir das vielleicht annehmen. Der Grund ist eher, dass wir und gerade junge Menschen mit den Krisen dieser Welt stärker in Kontakt sind als früher. Dass wir zum Beispiel durch Videos aus unseren Social-Media-Kanälen direkt in die Kriegszonen reingezogen werden.

taz: Social Media ist also das Problem?

Mangelsdorf: Der kürzlich erschienene „World Happiness Report“, die weltweit größte Befragung zur weltweiten Lebenszufriedenheit, kommt zum Ergebnis: nicht zwingend. Zum einen ist Social Media nicht in allen Ländern gleich schädlich für Jugendliche. In Ländern, in denen junge Menschen eine starke Zugehörigkeit zu ihrer sozialen Gruppe, zu ihrer Schule, zu ihrem Bezugssystem erleben, spielt Social Media eine geringere Rolle als bei jungen Menschen in unserer hoch individualisierten westlichen Gesellschaft. Das heißt, Social Media ist nicht die Frage oder die Antwort. Es ist das Verhältnis der sozialen Beziehungen in der wahren Welt, was die Schädlichkeit stark beeinflusst.

taz: Solange ich genug Freund*innen habe, kann Social Media mich nicht unglücklich machen?

Mangelsdorf: Es kommt natürlich auf die Art und Intensität der sozialen Beziehungen an. Und auch, welche Social-Media-Kanäle ich nutze. Ein weiteres Ergebnis des Berichts ist, dass nicht jeder Kanal gleich schädlich ist. Das passive, algorithmisch getriebene Content Scrolling, Tiktok zum Beispiel, ist potenziell sehr destruktiv. Aber die Apps, die soziale Verbindungen der realen Welt in die digitale Welt tragen und verstärken – so was wie WhatsApp oder Telegram –, können durchaus positiv wirken. Denn sie vermitteln ja genau das, was wichtig ist für das persönliche Glück: Zugehörigkeit und Miteinander. Da schließt sich der Kreis.

taz: Aber kann unglücklich sein nicht auch einen politischen Wert haben? Schließlich ist es auch ein Anzeiger dafür, dass gesellschaftlich etwas falsch läuft. Wenn wir unsere politische Wut über den Zustand der Welt durch Achtsamkeitsübungen wegmeditieren, freuen sich im Zweifel die Verursacher dieser Ungerechtigkeit.

Mangelsdorf: Hier müssen wir Huhn und Ei unterscheiden lernen. Gerade Unzufriedenheit ist einer der politisch am meisten instrumentalisierten Faktoren. Man nehme einen mit seinem Leben unzufriedenen Menschen, erkläre ihm, dass für diese Unzufriedenheit eine bestimmte Gruppe verantwortlich ist – Migranten, Eliten, Politik –, und biete sich als Alternative an. Schürt man nun nicht nur Unzufriedenheit, sondern gleichsam Wut, ist gesellschaftliche Polarisierung die direkte Folge.

taz: Wie lässt sich das lösen?

Mangelsdorf: Es geht darum, die eigene Unzufriedenheit nicht vereinnahmen zu lassen. Achtsamkeit kann helfen, Abstand zu gewinnen. Aus diesem Abstand heraus kann ich mich aktiv – und vor allem selbstbestimmt – in die Gesellschaft einbringen statt aus blinder Wut heraus. Und das ist de facto immer der weisere Weg zu mehr Wohlergehen für alle.

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