Angriffe auf Journalisten: Intifada gegen die Presse

E s ist eine ­antidemokratische Spirale der Radikalisierung: Seit dem 7. Oktober 2023, dem von der Hamas geführten Angriff auf Israel, und dem darauffolgenden Krieg in Gaza werden Jour­na­lis­t*in­nen zunehmend zur Zielscheibe, deren Berichterstattung sich als propalästinensisch gerierenden Linken nicht gefällt.

Es kommt regelmäßig zu Beleidigungen, Anfeindungen, Diffamierungen, Bedrohungen, gar körperlicher Gewalt. Es trifft Re­por­te­r*in­nen von der Boulevardpresse bis zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Ganze Medienhäuser werden zum Feind erklärt.

Die neuesten Zahlen der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) überraschen daher kaum: Es gab letztes Jahr auf Versammlungen mindestens 118 Übergriffe auf die Presse, davon 66 auf propalästinensischen und antiisraelischen Demos. Auch in der Statistik von Reporter ohne Grenzen lösen solche Demos die vom rechten Rand an der Spitze ab.

Wer in den vergangenen anderthalb Jahren auf solchen Demos berichtet hat, kann davon ein Lied singen. Viele Medienschaffende bleiben solchen Versammlungen längst fern – zu gefährlich ist die Lage geworden. Denn sie werden beschimpft, angespuckt, getreten, geschlagen.

Ein Reporter wurde nach Hause verfolgt und mit einem Messer bedroht. Ein Videojournalist wurde von einem mutmaßlichen Demoordner krankenhausreif geprügelt. Inzwischen kursiert in der Szene eine Art Feindesliste mit den Namen und Adressen von Berliner Journalist*innen.

Hamas-Symbole als Feindmarkierung

Teilweise vor den Redaktionen selbst werden Jour­na­lis­t*in­nen eingeschüchtert. Im Mai 2024 blockierten antiisraelische Ak­ti­vis­t*in­nen die Eingänge zum Büro der New York Times, weil die renommierte Zeitung, die im vergangenen Jahr sogar den Pulitzer-Preis für ihre Berichterstattung zum Nahostkonflikt gewann, „Zustimmung für den Genozid“ herstelle.

In Berlin wurde die Fassade des Sitzes der Tagesspiegel-Redaktion mehrfach mit Hamas-Symbolen besprüht. In den Sozialen Medien bezeichnete ein in Berlin lebender Medienaktivist in einem inzwischen gelöschten X-Beitrag die Zeitung als „TageSSpiegel“.

Auch ich persönlich bin einer Diffamierungskampagne samt Bedrohungen und Beleidigungen in den Sozialen Medien ausgesetzt. Inzwischen kleben Sticker mit meinem Namen und Gesicht an Straßenlaternen, Litfaßsäulen und Ticketautomaten in Berlin. Ich werde damit als Feind markiert. Das Ziel: mich einschüchtern, um meine Berichterstattung zu verhindern.

Die Kampagne ist koordiniert, sie wurde von dem russlandnahen Portal Red lanciert – dem Nachfolger des RT-Mediums Redfish, über das ich im Oktober für die taz berichtete. Die Plattform berichtet nicht nur live von antiisraelischen Demos in Berlin, sie interviewt auch unkritisch Terroristen der Hisbollah und Hamas. Das hielt die einschlägigen Akteure der Szene nicht davon ab, gemeinsame Social-Media-Beiträge zu veröffentlichen – von einer sozialistischen Tageszeitung bis hin zu einem Bundestagsabgeordneten der Linken.

Fahndungsplakate und Feindeslisten

Das ist die Kehrseite der zunehmenden Pressefeindlichkeit in dieser Szene: ein Kuschelkurs mit antidemokratischen Propagandakanälen, die autoritären Staaten nahestehen. Zwei szenebekannte Medienaktivisten ließen sich neulich vom türkischen Staatsmedium TRT für eine Doku interviewen – von einem Propagandasender des Erdoğan-Regimes. Eine frühere feministische Podcasterin aus Wien, inzwischen hauptsächlich als antiisraelische Aktivistin bekannt, schreibt nun für den Pro-Hisbollah-Sender Al Mayadeen.

Diese Ablehnung von Qualitätsmedien kennt man schon von verschwörungsideologischen Protesten während der Coronapandemie. Damals griffen Ak­ti­vis­t*in­nen die Presse regelmäßig an, oft gewaltsam. Sie bastelten Fahndungsplakate mit den Fotos unliebsamer Journalist*innen, erklärten die „Staatsmedien“ zum Feind. Stattdessen setzten sie auf „alternative Fakten“ und wirre Verschwörungsmythen, die sie auf ­Telegram oder russischen Desinforma­tions­kanälen fanden.

Auch in der antiisrae­lischen Szene driften immer mehr Ak­ti­vist*in­nen ab. Ihre Pressefeindlichkeit ist dabei symptomatisch für eine Entdemokratisierung, die letztlich dem sehr dringenden und unterstützenswerten Anliegen der Solidarität mit palästinensischen Zi­vi­lis­t*in­nen nur schadet.

Stattdessen: Meinungsvielfalt, vor allem zum Nahostkonflikt (aber nicht nur), wird nicht ausgehalten, sondern aktiv bekämpft – mit autoritären Methoden. Fakten dringen immer seltener durch. Und die Meinungs- und Pressefreiheit ist damit bedroht. Das ist nicht nur mit demokratischen Werten unvereinbar. Es sollte uns alle alarmieren.

Anm. der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, dass es letztes Jahr mindestens 100 Angriffe gegen die Presse auf propalästinensischen und antiisraelischen Demos gegeben habe. Tatsächlich waren es insgesamt sogar mindestens 118 Übergriffe, aber nur 66 auf propalästinensischen und antiisraelischen Demos.

  • informationsspiegel

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