Yoko Onos Fluxus-Musik „Grapefruit“: Den Kopf an die Wand schlagen

Ein repetititiv gespielter Ton auf dem Cello, begleitet von Vogelzwitschern. „Music for the Mind“ betitelte Yoko Ono ihre Textpartituren in Form von Haikus, die sie von 1953 bis 1963 schrieb und 1964 als Künstleredition in einer Auflage von 500 Exemplaren veröffentlichte: Ihr Werk bestand aus einem weißen Karton mit dem handgeschriebenen Titel „Grapefruit“. Er enthielt Performance-Anleitungen, „event scores“, die alle Ono Gewogenen selbst aufführen können – ob im Geiste oder in Wirklichkeit.

Darunter ist das „Secret Piece for Orchestra“ (1953) mit der Anweisung, es solle in der Morgendämmerung zwischen 5 und 8 Uhr frühmorgens im Wald gespielt werden, begleitet von Vogelstimmen. Es ist das erste Stück ihrer Spielanweisungen von poetischer Zartheit. Ono hatte es komponiert, als sie, gerade 20-jährig, aus Japan nach New York kam. Doch auch autoaggressive, selbstverletzende Stücke sind dabei wie „Wall Piece for Orchestra“ (1962) mit der Anweisung „Hit a wall with your head“.

Die erste Auflage von „Grapefruit“ umfasst die Zeitspanne ihrer Begegnung und Ehe mit dem japanischen Komponisten Toshi Ichiyanagi, der bei John Cage Komposition studierte, bis zur gemeinsam organisierten Japantournee von Cage 1962, als dieser für Beide sein Stück „0:00“ alias „4:33 No. 2“ komponierte. In ihrem gemeinsamen Downtown Loft in der Chambers Street in Manhattan fanden regelmäßig Fluxuskonzerte statt, darunter von La Monte Young und George Brecht.

„Grapefruit“ enthält auch Onos „Voice Piece for Soprano“ (1961) mit der Anweisung „Scream. 1. against the wind / 2. against the wall / 3. against the sky“, das von ihr selbst mehrfach aufgeführt und unter anderem 1999 von Sonic Youth für das Album „Goodbye 20th Century“ aufgenommen wurde. „Grapefruit“ gilt als Schlüsselwerk der heute 91-jährigen Künstlerin und Musikerin, die selbst zunächst bei Fluxus-Performances auftrat und konzeptuelle Alben veröffentlichte. Wie „Plastic Ono Band“ (1970), bei dem auf einem Stück US-Free Jazz-Legende Ornette Coleman spielt, gemeinsam mit Charlie Haden am Bass und Ed Blackwell am Schlagzeug.

Das Album

Yoko Ono/The Great Learning Orchestra: „Selected Recordings from Grapefruit“ (Karl Records/A-Musik)

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Die meisten Textpartituren von „Grapefruit“ wurden jedoch bisher nie aufgenommen, da sie vor allem imaginäre Klänge beschreiben, die sich assoziativ in Musik und Geräuschen äußern können. Etwa: Wie klingt das Atmen eines Raumes oder das Zählen von Sternen? Jetzt hat der britische Komponist und Soundart-Kurator Robin McGinley, der an der Universität Stockholm unterrichtet, in Absprache mit dem New Yorker Studio von Yoko Ono erstmals eine Auswahl ihrer Spielanweisungen eingespielt. Über einen Zeitraum von einem Jahr an verschiedenen Orten und in Zusammenarbeit mit dem in Stockholm beheimateten Projekt The Great Learning Orchestra (TGLO).

Das TGLO wurde 1999 von den Musikern und Komponisten Leif Jordansson und Pelle Halvarsson gegründet, um Fluxus-Kompositionen und Werke experimenteller Musik aufzuführen. Es besteht aus einem Netz werk von etwa 100 Mu­si­ke­r*in­nen und Klangkünstler*innen, aus denen sich wiederum Ensembles für verschieden Projekte zusammensetzen. Der Name des Orchesters ist abgeleitet vom gleichnamigen Stück des britischen Komponisten Cornelius Cardew für sein Scratch Orchestra, das sich 1969 aus Cardews Klasse für Experimentelle Musik am Londoner Morley College gebildet hatte.

Darin aktiv war ein Pool aus Künst­le­r*in­nen aus dem Bereich der Klassischen Musik, Jazz, Improvisation und Performancekunst, die sich mit der Idee des „sozialen Musizierens“ beschäftigten. Bevor er anfing, für Universitäten zu arbeiten und zu unterrichten, sei er im Bereich der „Community Arts“ tätig gewesen, so erklärt der 1976 in London geborene McGinley. Diese widme sich der Erforschung des Potenzials von Menschen, ihre eigene Musik zu erschaffen. Oft verwende man dafür Text- oder Grafikpartituren, da diese sehr offen seien, unabhängig von einer Musikausbildung. „Musikunterricht spaltet die Menschen ohnehin in Interpreten, die es können, und solche, die es nicht können“, erklärt McGinley. „Und experimentelle Ansätze brechen diese Art von Barriere auf.“

Die Gründer des TGLO lernte er 1999 in Stockholm bei einem Konzert des schwedischen Techno-Soundpoeten Sten Hanson kennen, die erste Zusammenarbeit war eine Aufführung eines Werkes des britischen Bassisten, Minimal-Komponisten und Cage-Schülers Gavin Bryars. Die Werkauswahl aus „Grapefruit“ habe er nach der Aufführbarkeit der Spielanweisungen getroffen. Dabei sei die einzige Vorgabe „Onos Texte“ gewesen.

Die Musik selbst habe sich aus der Improvisation entwickelt, auch weil Ono weder spezifische Instrumentierungen noch Längen vorgegeben hat. So ist das Ergebnis der bisher nicht aufgeführten Performances eine sehr persönliche Interpretation von McGinley und dem Ensemble des TGLO geworden, die sich den Ideen Onos konzeptuell nähern. Die Musik des entstandenen Albums sieht McGinley als Hommage an die japanische Künstlerin.

Die einzelnen Stücke versuchen, Onos Anweisungen möglichst genau umzusetzen. „Wir schufen ein Gleichgewicht zwischen Studio- und Feldaufnahmen, zwischen internen und externen Klängen“, sagt McGinley der taz. Seine Version von „Voice Piece“ wurde unter freiem Himmel in Palermo aufgenommen, wo McGinley hauptsächlich lebt, unter Mitwirkung der Opernsopranistin Picci Ferrari. Entstanden ist eine 25-sekündige Soundperformance, bestehend aus drei Schreien. Bei Sonic Youth waren es 17 Sekunden.

Andere Stücke dauern länger, wie „Tape Piece II (Room Piece)“ (1963), von Ono, das sie George Brecht gewidmet hatte, mit der Anweisung, das Atmen eines Raumes zu verschiedenen Tageszeiten aufzunehmen. Diese Aufnahme wurde bei geöffneten Fenstern in McGinleys Büro an der Stockholmer Universität über einen Zeitraum von 24 Stunden gemacht und anschließend von ihm und dem Klangkünstler und Architekten Ricardo Atienza geschnitten.

Mit Atienza gemeinsam hat er an den Aufnahmen gearbeitet und diese zu einem rund einminütigen Stück montiert. Zu hören sind Motorrad- und Vogelgezwitscher, Kinderstimmen, in der Nacht dann nur noch die Straße. Dazu erklärt McGinley: „Ricardo und ich haben Aufnahmegeräte im Raum aufgestellt, eine Zeitrafferaufnahme über 24 Stunden gemacht und dann jedes Mal eine Auswahl innerhalb der Partitur getroffen.“

Das „Water Piece“ mit der Anweisung, dem Klang unterirdischen Wassers zu lauschen, wurde in der Therme von Cefalù unweit von Palermo aufgenommen. Über mehrere Minuten ist das Geräusch unterirdisch sprudelnden Wassers zu hören. Für „City Piece“, von Ono im Winter 1961 geschrieben, soll ein leerer Kinderwagen durch eine Stadt geschoben werden. Atienza vollführte dies in Madrid und nahm es auf wie ein Field Recording.

Onos Spielanweisungen spiegeln ihre eigene Verlorenheit und Aggression wider, die sie selbst immer wieder in Interviews thematisierte. Die Klangperformances auf dem Album lösen sich davon und untersuchen ihre Spielanweisungen als sonische Experimente. McGinley sagt, letztlich habe er Onos „Grapefruit“-Partituren als musikalische Kompositionen aus der Per­spektive der postexperimentellen Musik und der Post-Sound-Art des 21. Jahrhunderts erforscht.

Das Album endet mit „Disappearing Piece“ von 1966, es stammt aus einer späteren, erweiterten Edition von „Grapefruit“ aus dem Jahr 1970. Atienza nahm es für das Album in der Küche seiner Stockholmer Wohnung auf, mit der Spielanweisung „Boil water“. Zu hören ist nur das komprimierte Geräusch von kochendem Wasser, bis es vollständig verdampft ist. Was bleibt, ist Klang als Möglichkeitsort, als soziale Praxis.

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