Die hohe Kunst des Feilschens: Hans, das Flohmarktgenie

W enn bei uns in der Küche leckere Köfte brutzeln, stürzt immer ungeladen mein Arbeitskollege Hans herein und macht sich über unsere köstlichen Hackfleischbällchen her. So auch am vergangenen Samstag. „Eminanim, deine Köftes schmecken herrlich“, schleimt er. „Ich könnte sogar noch bessere Köfte machen, wenn ich den ganzen nutzlosen alten Kram hier in der Küche los würde“, jammert meine Frau. „Eminanim, ich werfe alles für dich weg“, spielt sich Hans sofort als Retter auf, damit er dauerhaft ein Köfte-Abo bei uns bekommt.

Am nächsten Morgen gehe ich fröhlich auf den Flohmarkt und sehe dort völlig überrascht, dass mein Kumpel Hans einen riesigen Stand aufgebaut hat und meine Küchen-Utensilien verkauft!

„Hans, das sind ja meine Sachen?“, brülle ich fassungslos. „Osman, schau die junge Frau da an“, versucht er mich abzulenken, „sie wird jetzt versuchen, meine schöne Vase …“ „Meine schöne Vase!“, verbessere ich ihn. „Sagen wir mal, unsere schöne Vase für zwei Euro abzustauben. Sie wird ihre Tasche ausleeren und behaupten, sie hätte leider keinen Cent mehr dabei.“ Tatsächlich kommt es so, wie Hans es prophezeit hat. Er verkauft die Vase trotzdem! Ich tippe mal, weil die Anschaffungskosten für ihn nicht so hoch waren.

„Sie hat ihr Geld auf mehrere Taschen verteilt. Und je nach Preis leert sie eine bestimmte Tasche und behauptet, sie hätte leider nicht mehr. Und der grauhaarige Kerl dort wird gleich behaupten, er hätte diesen Wasserkrug woanders viel günstiger gesehen“, tut Hans allwissend. „Das kann nicht sein. Diesen Wasserkrug haben wir vor 30 Jahren aus der Türkei mitgebracht“, rufe ich. Aber der Mann behauptet tatsächlich, meinen uralten anatolischen Krug eben viel günstiger gesehen zu haben.

Feilschen gehört zum Spiel

„Dann kauf doch dort!“, platzt es aus mir heraus. „Aber zuerst musst du nach Ankara fliegen.“ Hans klärt mich leise auf: „Osman, der Mann weiß doch selbst, dass es nicht stimmt. Und ich weiß, dass er das weiß. Und er weiß, dass ich es weiß, dass er es weiß.“

„Und warum das ganze Theater, wenn alle alles sowieso wissen?“ „Das gehört zum Spiel. Wir sind doch auf dem Flohmarkt.“ „Das kann ich auch“, sage ich, „guck mal, der türkische Opa wird gleich versuchen, kleine Fehler an meinem Tontopf zu finden, um den Preis zu drücken.“ „Osman, diesen Trick verwenden nur deutsche Damen zwischen 51 und 55 Jahren“, lächelt Hans weise. „Der türkische Opa wird versuchen, mir stur seinen Preis zu diktieren. Die Türken sind ein Händlervolk, sie wollen auch dann den Preis bestimmen, wenn sie kaufen.“

Bei Allah, Hans scheint tatsächlich ein Flohmarkt-Genie zu sein! Der Opa fragt: „Was kostet?“ „Sechs Euro“, sagt Hans. „Zwei!“, bestimmt der Opa streng. „Fünf!“, betont Hans. „Zwei!“, wiederholt der Opa. „Vier!“„Zwei!“ „Drei!“ „Na gut“, grinst der Opa und zahlt künstlich stöhnend den halben Preis.

„Hans, geh doch mit dem Preis nicht so runter! Du verscherbelst ja alles! Die Hälfte der Einnahmen gehört ohnehin mir“, sage ich. „Osman, du musst schon ein bisschen besser Feilschen lernen, wenn du mich über den Tisch ziehen willst“, lacht er vergnügt. „Hans, nächste Woche werde ich dein Hab und Gut verkaufen“, drohe ich. „Dann wirst du sehen, wie gut ich das kann!“

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