Viviane-Sassen-Ausstellungen im Italien: Ihr unwirklicher Schlagschatten

Die Schlange, die sich aus Hunderten von auf- und aneinandergereihten Herrenjacketts durch den Raum windet, gibt gleich eine Vorstellung von der Idee, die Viviane Sassen für die von ihr selbst kuratierte Ausstellung „This Body Made of Stardust“ in der Sammlung Maramotti verfolgt. Die niederländische Fotografin interessiert sich für genau diesen skulpturalen Moment. Denn sie sieht sich selbst als eine Bildhauerin, die mit Licht statt mit Stein oder Metall Körper formt.

Deshalb wählte sie die Arbeit „From Generation to Generation“ (2001) der finnischen Künstlerin Kaarina Kaikkonen aus der Kunstsammlung aus, die ursprünglich von Achille Maramotti (1927–2005) aufgebaut wurde. Der Jurist und Bankier hatte 1951 das Modelabel Max Mara erfolgreich auf den internationalen Markt gebracht und konnte sich seit den frühen 1960er Jahren seiner Leidenschaft für zeitgenössische Kunst widmen.

Auch die anderen Werke aus der Sammlung, die Viviane Sassen in ihre Schau kuratiert hat – Fabrizio Prevedellos Beton-Stele „Cornerstone“ (2019), TARWUKs multiple Körperplastik „KLOSKLAS_74HRz.kkot (2021)“ und Evgeny Antufievs weißer Stoffkörper „Untitled“ (2013) – sind bildhauerische Arbeiten.

Dreidimensional im Raum

Viviane Sassen selbst hat ihre Fotografie zuletzt mit der Serie von Fotocollagen unter dem Titel „Cadavre Exquis“ wirklich dreidimensional in den Raum erweitert. Anders als André Breton, Yves Tanguy, Jacques Prévert und Marcel Duchamp, die unter Cadavre exquis ihre Mitte der 1920er Jahre entwickelte Methode verstanden, kollektiv, aber ohne Kenntnis der Beiträge der anderen, Bilder oder Texte zu produzieren, entstehen Sassens „köstliche Leichen“ in alleiniger Regie.

Die Ausstellungen

Viviane Sassen: „This Body Made of Stardust“, Collezione Maramotti, bis 27. Juli; „Being Twenty“, Chiostri Di San Pietro und Palazzo da Mosto bis 8. Juni;

beides Reggio Emilia

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Willkür und Zufall kann nur die Auswahl der Teile bestimmen, die Sassen in ihrem umfangreichen Archiv findet, um sie zu tatsächlich surrealen Körperhybriden räumlich übereinanderzublenden.

Die Ikonografie und das Konzept des memento mori prägen die Ausstellung, wobei die Frage nach dem toten Körper, dem Leichnam, die Bilder deutlich beherrscht. Sei es ganz einfach in Form eines Sargs an undefiniert-urbanem Ort in der Fotografie „Coffin/Addis“(2015–2023), einer Grube in roter Erde in „Nadir“ (2007) oder der Goldfolie der Leichensäcke in „Three Kings (revisited)“ (2018).

Letzterer Begriff deutet darauf hin, dass Viviane Sassen für ihre bislang umfangreichste Ausstellung in Italien nicht einfach auf eine Auswahl aus ihrem seit 2008 veröffentlichtem Werk zurückgreift. Vielmehr findet sie die gezeigten Fotografien im Prozess des ständigen Durcharbeitens ihres Archivs, wobei sie dann einzelne Bilder überarbeitet, collagiert, aber auch bemalt und übermalt.

Malerische Eingriffe machen Unikate daraus

Viviane Sassen, „Three Kings (revisited)“, 2018



Foto: Courtesy die Künstlerin und Stevenson (Cape Town,Johannesburg, Amsterdam)


Manche Aufnahmen werden durch den malerischen Eingriff zu Unikaten wie etwa die erwähnten „Drei Könige“, die auf einem komplett übermalten Hintergrund liegen. Bei anderen Aufnahmen wie „Chronos“ (2019), dem Bild eines halb abgeschlagenen Penis einer antiken Marmorstatue, bringt sie einen kleinen Farbklecks auf die Fotografie auf, ­beobachtet den Verlauf und fotografiert das Ergebnis. Das neue digitale Negativ ist dann Grundlage verschiedener Farbdrucke.

Die unabdingbare Feier des Lebens im memento mori gelingt Sassen im großartigen Bild des kleinen Knaben, wie er aus dem tiefschwarzen Schlagschatten der Fotografin, für den sie berühmt ist, hervortritt und leuchtet: „Lucius“ (2010), der (in Abwandlung des berühmten Filmtitels von Alan Tanner) im Jahr 2025 etwa 20 Jahre alt sein wird. Dem gilt auch das großartige Motto „Being Twenty“ der 20. Ausgabe der Fotografia Europea. Das jährliche Fotografiefestival hatte jetzt am Wochenende in Reggio Emilia eröffnet.

Zwanzig Jahre. Da leuchtet heute nichts. Da ist kein Sternenstaub. Stattdessen Gewalt, Überwachung und Kontrolle. Das ist der überwältigende Eindruck beim Rundgang über die Fotografia Europea. Selbst das Experiment kleiner Technopartys, die jenseits der bekannten Großveranstaltungen und damit illegal stattfinden, geht immer mit Gewalterfahrung einher, wie Vinca Petersons Serie „Raves ab Riots“ zeigt.

Noch härter werden diejenigen angegangen, die Maßnahmen gegen den menschengemachten Klimawandel fordern, so Michele Borzoni und Rocco Rorandelli, die für ihr Langzeitfotoprojekt „Silent Spring“ Klimaaktivisten begleiten. Freiheit wird den Zwanzigjährigen auf vielfältige Weise verwehrt. Und sei es, dass sie sich wie selbstverständlich für die Pflege kranker Familienmitglieder aufopfern, wie es Federica Sasso in berührenden Porträts dokumentiert.

Die Pressereise zu den Ausstellungen wurde von Collezione Maramotti unterstützt.

  • informationsspiegel

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