Rücktritt von Joe Chialo: Einzig richtige Konsequenz

Der Berliner Kultursenator ist mit Vorschusslorbeeren gestartet – und hat so ziemlich alles versenkt, was man in der Berliner Politik versenken kann.

W er aus dem Ausland einst nach Berlin kam, tat das vor allem aus zwei entscheidenden Gründen: preisgünstige Mieten und ein grandioses Kulturangebot. Das mit dem Billig-Wohnen ist in der Hauptstadt schon länger vorbei – das mit der Kultur könnte bald auch so sein. Denn Joe Chialo hat sich, seit er vor zwei Jahren Kultursenator wurde, von der Finanzbehörde eine Kürzungsorgie für die gesamte Kulturbranche diktieren lassen: Theater, Opern, Kinos, Musik- und Tanzeinrichtungen, alle müssen sparen. Die Berliner Kunst- und Kulturszene muss in den Jahren 2026 und 2027 mit voraussichtlich 1,6 Milliarden Euro weniger auskommen.

Das ist ein fetter Brocken – und eine Fehlinterpretation der Aufgabe eines Kultursenators. Der hat Kunst und Kultur nicht nur zu schützen, sondern weiter auszubauen und bestenfalls für internationale Aufmerksamkeit zu sorgen. Aber Chialo machte genau das Gegenteil davon, er verteidigte das Sparen. Das ist so, als würde eine Bauministerin den Abriss von Wohnungen beklatschen, obwohl allerorten Wohnungen fehlen.

Dass Chia­lo nun zurückgetreten ist, ist die einzig richtige Konsequenz. Dabei bietet Berlin – Sparmaßnahmen hin oder her – so ziemlich alle Möglichkeiten, als Kultursenator zu brillieren. Chialos Startbedingungen waren auch nicht schlecht, zumindest hatte er als Musikmanager einige Vorschusslorbeeren.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

=”” div=””>

Zudem sind Quereinsteiger in der Politik offenbar gerade willkommen. Aber es reicht eben nicht, wenn man in einem Bereich zwar Expertise mitbringt, aber das politische Geschäft nicht beherrscht – und zudem beratungsresistent ist und nicht kommunizieren kann (oder will). Wer sich so leicht über den Tisch ziehen lässt wie Chialo und es sich offenbar mit nahezu allen Verbündeten verscherzt, kann keine so wichtige Behörde leiten. Vor allem nicht in einer Zeit, in der Kunst und Kultur zum politischen Kulturkampf umgedeutet werden. Der neue Kulturstaatsminister Wolfram Weimer dürfte jedenfalls neue, unangenehme Maßstäbe setzen.

taz lesen kann jede:r

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Texte, die es nicht allen recht machen und Stimmen, die man woanders nicht hört – immer aus Überzeugung und hier auf taz.de ohne Paywall. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei!

Jetzt unterstützen

  • informationsspiegel

    Related Posts

    Wirtschaftsprobleme in Argentinien: Tierische Befindlichkeiten
    • February 14, 2026

    Argentiniens Präsident Javier Milei liebt seine Hunde, die er nach liberalen Ökonomen benannt hat. Ansonsten legt er sich mit allen an. mehr…

    Weiterlesen
    US-Außenminister in München: Rubio bekennt sich zu transatlantischer Partnerschaft
    • February 14, 2026

    Der US-Außenminister findet beschwichtigende Worte auf der Münchner Sicherheitskonferenz, dennoch verteidigt er Trumps Politik. Das Publikum ist erleichtert. mehr…

    Weiterlesen

    Nicht verpassen

    Wirtschaftsprobleme in Argentinien: Tierische Befindlichkeiten

    • 5 views
    Wirtschaftsprobleme in Argentinien: Tierische Befindlichkeiten

    US-Außenminister in München: Rubio bekennt sich zu transatlantischer Partnerschaft

    • 5 views
    US-Außenminister in München: Rubio bekennt sich zu transatlantischer Partnerschaft

    Ukrainischer Präsident: Selenskyj wirbt für „größte Armee Europas“

    • 5 views
    Ukrainischer Präsident: Selenskyj wirbt für „größte Armee Europas“

    Kevin Kühnert über Umverteilung: „Ich spreche Politik immer noch fließend“

    • 5 views
    Kevin Kühnert über Umverteilung: „Ich spreche Politik immer noch fließend“

    Rechtsextremer Aufmarsch in Dresden: Polizei mit Großaufgebot vor Ort

    • 5 views
    Rechtsextremer Aufmarsch in Dresden: Polizei mit Großaufgebot vor Ort

    Grünen-Landesparteitag: Im linken Überbietungswettbewerb

    • 5 views
    Grünen-Landesparteitag: Im linken Überbietungswettbewerb