Gedenken an Tag der Befreiung: „Leid der Frauen anerkennen“

Berlin taz | Frauen und Mädchen „sind die häufig übersehenen Opfer jedes Krieges“, sagte Bundestagspräsidentin Julia Klöckner am Donnerstag im Bundestag. In der Gedenkstunde zum 80. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus widmete die CDU-Politikerin einen Teil ihrer Rede den Frauen, die im Zweiten Weltkrieg Opfer sexueller Gewalt wurden.

„Das Leid der Frauen wurde in der deutschen Nachkriegsgesellschaft einfach verdrängt“, sagte Klöckner. Es sei „Zeit, diesen Frauen in unserem Gedenken Raum zu geben, ihr Leid anzuerkennen – auch die unglaubliche Kraft, mit der diese Frauen ums Überleben kämpften und entscheidend zum Wiederaufbau beitrugen“. Klöckner zog Parallelen zum heutigen russischen Angriffskrieg in der Ukrai­ne. Auch dort würden Mädchen und Frauen wieder zu Opfern sexualisierter Gewalt, „eingesetzt als Kriegswaffe“.

Mit Blick auf die für den 9. Mai geplanten Siegesparaden in Moskau sagte Klöckner, Russlands Präsident Wladimir Putin rechtfertige seine Aggression gegen die Ukraine mit dem Kampf gegen den Faschismus von damals. „Was für ein Missbrauch der Geschichte!“

Am 8. Mai 1945 endete der von Nazi­deutschland ausgegangene Zweite Weltkrieg mit der deutschen Kapitulation vor den Alliierten USA, Frankreich, Großbritannien und der Sowjet­union. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier dankte daher in seiner Rede US-Amerikanern, Briten und Franzosen und ergänzte, die Deutschen wüssten auch um den Beitrag der Roten Armee, die das NS-Vernichtungslager Auschwitz befreit habe – „Russen, Ukrai­ner, Weißrussen und alle, die in ihr gekämpft haben“.

Die Lehren des 8. Mai

Gerade deshalb, betonte er in seiner Rede, der Krieg gegen die Ukraine sei „keine Fortsetzung des Kampfes gegen den Faschismus“. Putins Angriffskrieg habe nichts gemein mit dem Kampf gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft im Zweiten Weltkrieg.

„Diese Geschichtslüge ist nichts als eine Verbrämung imperialen Wahns, schweren Unrechts und schwerster Verbrechen!“ Steinmeier nutzte seine Rede auch dafür, Deutschlands Unterstützung für die Ukraine noch einmal zu unterstreichen. „Ließen wir die Ukraine schutz- und wehrlos zurück, hieße das, die Lehren des 8. Mai preiszugeben!“

Der Bundespräsident wies darauf hin, dass die Staatengemeinschaft als Konsequenz aus Vernichtungskrieg und Völkermord eine internationale Ordnung auf Basis des Völkerrechts geschaffen habe. Diese werde heute nicht nur durch Putin infrage gestellt, der mit dem Krieg gegen die Ukraine „unsere europäische Sicherheitsordnung in Trümmer gelegt“ habe. Sondern auch durch die USA.

Populistische Verlockungen

Die Faszination des Autoritären und populistische Verlockungen gewännen auch in Europa Raum, Zweifel an der Demokratie würden laut. Und in Deutschland erstarkten extremistische Kräfte, die die Institutionen der Demokratie und ihre Repräsentanten verhöhnten. Wer Gutes für dieses Land will, der schütze das Miteinander, den Zusammenhalt und den friedlichen Ausgleich von Interessen, sagte Steinmeier. Gerahmt wurde die Gedenkstunde von musikalischen Einlagen.

Ein Streichorchester spielte ein Stück von Dmitri Schostakowitsch von 1960, das dieser mit der Widmung „Im Gedenken an die Opfer des Faschismus und des Krieges“ versehen hatte. Im Anschluss an die Rede Steinmeiers demonstrierten alle Bundestagsabgeordneten Einigkeit: Gemeinsam sangen sie die deutsche Nationalhymne.

Neben der Gedenkstunde im Bundestag wurde in zahlreichen Veranstaltungen dem Kriegsende gedacht. Der Tag startete mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, an dem auch Steinmeier teilnahm. Im Anschluss gab es eine Kranzniederlegung an der Neuen Wache. (Mit Agenturen)

  • informationsspiegel

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