Neurodivergenz und Psychiatrie: Kein Hirn gleicht dem anderen

Bremen taz | Neurodivergenz gilt als Modethema, gehyped von Medien aller Art. Man kann lange darüber spekulieren, ob wirklich jede und jeder Einzelne, der oder die sich für neurodivergent hält, dies auch wirklich ist – oder zur Kenntnis nehmen, dass das Leben mit Normabweichungen wie AD(H)S und Autismus großes Leiden erzeugen kann. Denn Neurodivergente werden überdurchschnittlich oft psychisch krank. Darauf wies Mitte Mai Jochen Gertjejanßen hin, Oberarzt am psychiatrischen Fachklinikum Ameos in Bremen.

Er tat dies auf einem Fachtag im Speicher XI in der Bremer Überseestadt, organisiert von Ameos und dem Verein Initiative zur sozialen Rehabilitation. Der Titel der mit 200 Teilnehmenden ausgebuchten Veranstaltung: „Was hat Neurodivergenz in der Psychiatrie verloren?!“

Eigentlich nichts – zu diesem Schluss kamen alle Referent:innen, die auch auf persönliche Erfahrungen zurückgreifen konnten. Krankhaft sei erst einmal nichts an Autismus, AD(H)S, Legasthenie, Dyskalkulie oder Tourette-Syndrom, sagte Jochen Gertjejanßen. Niemand sei aufgrund dieser Diagnose Psychiatrie-Patient:in, sondern aufgrund von Depressionen, Ängsten, Zwangsstörungen, posttraumatischen Belastungsstörungen und Suchterkrankungen, um nur eine Auswahl der Begleit- oder Folgeerkrankungen zu nennen.

Dem Psychiater zufolge weisen sieben Prozent aller Kinder und zwei Prozent aller Erwachsenen Symptome einer Aufmerksamkeitsdefizit­störung mit (ADHS) oder ohne Hyperaktivität (ADS) auf, – Tendenz steigend. Nach einer Studie aus dem Jahr 2019 hätten demgegenüber 59 Prozent aller Pa­ti­en­t:in­nen einer psychiatrischen Station in Schleswig-Holstein eine AD(H)S-Diagnose gehabt.

Neurodiversität und Neurodivergenz

Neurodiversität meint die Verschiedenheit menschlicher Gehirne, keins gleicht dem anderen. Dennoch gelten manche neurologische Verarbeitungsmuster als von einer gefühlten Norm abweichend: Sie werden als „neurodivergent“ bezeichnet, die anderen als „neurotypisch“.

Die bekanntesten Neurodivergenzen sind AD(H)S und Autismus. Manchmal wird auch Hochbegabung dazu gezählt sowie Synästhesie und Hirnveränderungen aufgrund von traumatischen Erfahrungen.

Je nach Definition gilt je­de:r Fünfte bis Zehnte als neurodivergent. Innerhalb einer neurodivergenten Gruppe gibt es große Unterschiede. Daher ist von Spektren die Rede.

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Weil AD(H)S und Autismus häufig einhergehen, sei eine überdurchschnittlich hohe Rate an stationär behandelten psychischen Erkrankungen vermutlich auch für Autismus anzunehmen. Hier wird die weltweite Prävalenz auf 0,6 bis 0,7 Prozent geschätzt.

Krankmachende Umstände

Gertjejanßen listete auch die krankmachenden Umstände auf: Mobbing, oft schon im Kindes- und Jugendalter, Unverständnis, zwanghaftes Abgewöhnen von stressregulierendem Verhalten wie dem so genannten „Stimming“. Darunter versteht man sich wiederholende Bewegungen oder Geräusche, etwa das Schaukeln mit dem Oberkörper. Gertjejanßen erinnerte daran, dass dies natürliche Verhaltensweisen seien, die man zum Beispiel beim Beruhigen von Babys anwende. Menschen aus dem ADHS-Spektrum hörten aber häufig schon als Kinder, sie sollten aufhören herumzuzappeln. Damit würde man ihnen eine wichtige Ressource nehmen, ihr Stresslevel zu senken.

Das aber ist bei Neurodivergenten in den meisten Lebens- und Arbeitsumständen in einer zunehmend komplexen Welt dauerhaft erhöht. Der Grund: Sie nehmen sensorische Reize anders wahr und verarbeiten diese auch anders als die Mehrheitsbevölkerung. Viele Au­tis­t:in­nen beschreiben dies wie einen fehlenden Reizfilter, sodass sie etwa alle Geräusche oder visuellen Eindrücke in derselben Intensität wahrnehmen. Das löst einerseits Stress aus, andererseits kostet die Verarbeitung sehr viel Energie.

Insofern könnten die neurodivergenten Symptome, wie sie etwa für Autismus beschrieben werden, als Kompensationsstrategie beschrieben werden, sagte ein weiterer Referent, der Hamburger Pädagogik-Professor André Frank Zimpel. So gilt als ein Leitsymptom für Autismus, dass jemand Probleme damit hat, die Gefühlsregungen anderer anhand ihrer Mimik zu erkennen.

Dies wäre dann eine Folge des Umstands, dass Au­tis­t:in­nen mehr Details wahrnehmen als sogenannte Neurotypische und sich mit der Beschränkung beispielsweise auf die Mundpartie vor zu vielen Eindrücken schützen. Die alleine gibt aber zu wenig Informationen über einen Gefühlszustand. Neurotypische haben dies Problem nicht, ihre intuitive Reizverarbeitung überfordert ihr Gehirn nicht – weil weniger gleichzeitig zu verarbeiten ist.

Andere Wahrnehmung

Würde man auf andere Arten von Wahrnehmung nicht eingehen – auch die von Menschen mit Trisomie 21 – erzeuge man erst Behinderung, sagte Zimpel. Dann nämlich verlange man so viel Anpassung eines neurodivergenten Gehirns, dass es für die Entwicklung anderer Fähigkeiten keine Energie mehr übrig habe.

In einem Workshop zu Autismus ging darauf Aleksander Knauerhase ein, selbst im Autismus- und AD(H)S-Spektrum und freiberuflicher Referent zum Thema. Sein Workshop war von sieben der mit am Abstand am meisten nachgefragte. Aus den Fragen der Teil­neh­me­r:in­nen ging hervor, dass von diesen viele mit Menschen aus dem Autismus-Spektrum arbeiten, andere brachten persönliche Erfahrung als Angehörige mit.

Knauerhase erzählte, wie unter anderem „stumme“ autistische Kinder immer noch gezwungen würden, gesprochene Sprache zu lernen – anstatt ihnen die Möglichkeit zu geben, sich nach ihren Fähigkeiten auszudrücken. „Viele nutzen andere Arten der Kommunikation, die wir dann eben lernen müssen, um sie zu verstehen.“ Dann hätten sie nämlich die Möglichkeit, sich auch in anderen Bereichen weiterzuentwickeln.

Auch das Bedürfnis der meisten Menschen im Autismus-Spektrum nach Ritualen und Vorhersehbarkeit, erklärte Knauerhase. „Es geht um Sicherheit.“ Das Sicherheitsbedürfnis sei wiederum deshalb so ausgeprägt, weil das Stresslevel eben aufgrund der vielen Außenreize so hoch sei.

Das erschwere auch den Genesungsprozess für Neurodivergente in psychiatrischen Einrichtungen, sagte Jochen Gertjejanßen in seinem Eingangsvortrag. „Das kann sehr viel Stress bedeuten“, Einbettzimmer seien selten, eine reiz­arme Umgebung sehe anders aus.

Diese fehlt allerdings in fast allen Lebensbereichen, beispielsweise in Kindertagesstätten und Schulen. Aleksander Knauerhase wies darauf hin, dass auch neurotypische Menschen von reizdämpfenden Maßnahmen profitieren würden. „Wenn Sie in einer Schulklasse Lärmschutz zur Verfügung stellen, greifen nicht nur die neurodivergenten Kinder zu.“ Analog dazu täte es nicht nur AD(H)S-, sondern auch neurotypischen Kindern gut, wenn sie nicht acht Stunden auf ihrem Stuhl hocken müssten.

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