Nachfolge der Letzten Generation: Generation Neuanfang

Berlin taz | Für die Springer-Blätter Bild, B. Z. und Welt waren die Kli­ma­ak­ti­vis­t:in­nen der Letzten Generation von Anfang an im besten Falle „Klima-Kleber“, schlimmer aber noch „Klima-Kriminelle“. Erst am Freitag titelte die B. Z. über eine ehemalige Letzte-Generation-Aktivistin, die mit der Nachfolgegruppe Widerstandswelle einen Fahrradweg in der Senefelderstraße aufgemalt hatte: „Lange Strafakte – und Lilli hört einfach nicht auf. Klima-Kriminelle schmiert wieder.“

Kein anderes Medienhaus hat sich so fest gebissen und damit den Hass auf die Ak­ti­vis­t:in­nen geschürt – immer mit dem Narrativ, ihre Straßenblockaden seien ein Angriff auf rechtschaffende Bür­ge­r:in­nen oder führten vor allem zur Behinderung von Rettungskräften. Die Folge waren eine Vielzahl gefährlicher Situationen, in denen genervte Au­to­fah­re­r:in­nen ohne Rücksicht auf Verluste auf die Blo­ckie­re­r:in­nen zusteuerten. Man kann von Glück sprechen, dass es während der Protestwellen in den vergangenen beiden Jahren keine Toten gab.

Im vergangenen Sommer war der Zyklus des Stör-Protestes an sein Ende geraten, letztlich gescheitert: Die gesellschaftliche Zustimmung für Klimaschutzmaßnahmen war geringer als vor dem Beginn der Proteste. Die Ak­ti­vis­t:in­nen mussten sich mit hunderten Gerichtsverfahren herumschlagen und auch mit Ermittlungen wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung. Über den Jahreswechsel folgte die Neuaufstellung – in zwei Gruppen: die Neue Generation und die Widerstandswelle.

Nun sorgen beide erneut für öffentliche Aufmerksamkeit. Während die Widerstandswelle auf direkte Aktionen mit Bezug zur Klimathematik setzt, hat sich die Neue Generation auch inhaltlich neu orientiert: Ihnen geht es um die gefährdete Demokratie, bedroht durch die Allianz aus Rechten und Reichen.

Versuchte Springer-Blockade

Der erste große Gegner, der in diesen Tagen ins Visier genommen wird, ist der Springer-Konzern. Man könnte es fast für eine Racheaktion für den gefährlichen Kampagnenjournalismus halten, wäre die Gruppe nicht geprägt von einem positiven Menschenbild, von dem Versuch, immer gesprächsbereit zu sein und konsequent gewaltfrei.

Zum Auftakt sollte Sonntagnacht das Spandauer Druckhaus des Konzerns blockiert und damit die Auslieferung der Bild-Zeitung verhindert werden. Hätte das funktioniert, wäre es ein Ausrufezeichen gewesen, die Medien hätten sich mal wieder überschlagen. Doch die Polizei erreichte zusammen mit den Ak­ti­vis­t:in­nen die Druckerei und verhinderte letztlich eine effektive Blockade. Der Einsatz war robust, laut Aussage der Neuen Generation wurde sogar eine Waffe gezogen. Geplant war eine bunte Blockade mit Projektionen und Live-Musik, eine Debatte über die eigenen Visionen gegen die Hetze von Springer. Doch zu nichts davon kam es.

Knapp 40 Ak­ti­vis­t:in­nen wurden schließlich festgenommen und erst am Montag nach und nach aus den Gefangenensammelstellen entlassen. Die Proteste gegen Springer sollen dennoch die Woche über weitergehen. Gruppensprecher Raphael Thelen, der ebenfalls erst am Montagmittag auf freien Fuß kam, sagte gegenüber der taz, dass für Dienstag weitere Aktionen geplant seien.

Und auch in den kommenden Wochen werde man die Aktionen in den Lokalgruppen fortsetzen, nicht nur gegen Springer, sondern auch gegen Müllermilch, deren Milliarden schwerer Chef Theo Müller die Nähe zur AfD sucht. Mehr Rechte und Reiche geht nicht.

Bedrohte Demokratie

Was nach dem alten Aktionismus aussieht, hat die Neue Generation theoretisch für sich untermauert. Thelen sagt: Man sei mit Forderungen nach Tempo 100 oder dem 9-Euro-Ticket gescheitert, obwohl breite Mehrheiten genau das wollten. Warum? „Die Meinung der Bevölkerung findet in der Entscheidungsfindung der Regierung keine Beachtung mehr. Das Regierungssystem ist kaputt, von Lobbys zerfressen.“ Die Konsequenz aus ihrer Analyse: „Wir brauchen eine demokratische Revolution.“

Ein Baustein dafür soll das „Parlament der Menschen“ sein, das am Wochenende auf der Reichstagswiese sein Zelt aufgeschlagen hatte. Geloste Teil­neh­me­r:in­nen beraten hier über zentrale Zukunftsfragen. Das Leitmotiv dabei: „Wie drängen wir den Einfluss von Geld auf unsere Demokratie und Gesellschaft zurück?“ Thelen: „Wenn Klimaschutz gegen Profitinteressen steht, gewinnt im aktuellen System immer der Profit.“ Also soll ein „Update“ der Demokratie her – mit einem Gesellschaftsrat von unten. In den nächsten Monaten wolle man mehr M­enschen gewinnen, um am 3. Oktober mit dem Parlament in die nächste Runde zu gehen.

Allein auf die linke Szene will sich die Neue Generation nicht berufen, auch die „Enteignet Springer“-Kampagne des historischen SDS habe man sich nicht zum Vorbild genommen, so Thelen. „Wir beziehen uns auf Mahatma Gandhi, nicht auf Rudi Dutschke.“

Man kann das durchaus als Versuch verstehen, die Gesellschaft dieses Mal für sich zu gewinnen, statt gegen sich aufzubringen. Doch die Krux dabei bleibt: Ohne Aktionen mit Empörungspotenzial bleibt die öffentliche Aufmerksamkeit aus und finden womöglich die Massen, von denen man träumt, nicht zur Neuen Generation. Die ein oder andere Springer-Schlagzeile wird man sich im Geheimen wohl auch in Zukunft wünschen.

  • informationsspiegel

    Related Posts

    Landtagswahlen in Brandenburg 2029: Woidke schließt weitere Amtszeit nicht aus
    • February 12, 2026

    Dietmar Woidke wird im Frühjahr wohl Deutschlands dienstältester Ministerpräsident. Wie lange bleibt er Regierungschef? mehr…

    Weiterlesen
    Beamte und Altersvorsorge: Beamte halten Kritik an Pensionen für „populistischen Unfug“
    • February 12, 2026

    Der Beamtenbund protestiert gegen Vorschläge, die Staats­die­ne­r:in­nen künftig in die Rentenkasse einzubeziehen. Es gibt aber fundierte Gegenmeinungen. mehr…

    Weiterlesen

    Nicht verpassen

    Landtagswahlen in Brandenburg 2029: Woidke schließt weitere Amtszeit nicht aus

    • 5 views
    Landtagswahlen in Brandenburg 2029: Woidke schließt weitere Amtszeit nicht aus

    Beamte und Altersvorsorge: Beamte halten Kritik an Pensionen für „populistischen Unfug“

    • 6 views
    Beamte und Altersvorsorge: Beamte halten Kritik an Pensionen für „populistischen Unfug“

    Justizumbau in Italien: Wird Italien das neue Ungarn?

    • 4 views
    Justizumbau in Italien: Wird Italien das neue Ungarn?

    Fördermittelaffäre der Berliner CDU: Staatlich geförderte Hasspredigerin

    • 4 views
    Fördermittelaffäre der Berliner CDU: Staatlich geförderte Hasspredigerin

    Verfassungsbeschwerde erfolglos: Palästinenser kann nicht gegen Ex­port von Waf­fen­ klagen

    • 7 views
    Verfassungsbeschwerde erfolglos: Palästinenser kann nicht gegen Ex­port von Waf­fen­ klagen

    Israels Angriffe auf den Libanon: Häuser werden in Schutt und Asche gelegt

    • 5 views
    Israels Angriffe auf den Libanon: Häuser werden in Schutt und Asche gelegt