CSD’s in Kleinstädten: Überlasst das Partymachen nicht den Nazis!

A ls ich zum dritten Mal in einer Woche für einen Live-Gig als Rap­pe­r*in im Zug von Frankfurt nach Berlin sitze, merke ich, wie müde ich bin. Ich denke an den kommenden Sommer, an 2025. Mein Kalender ist voll. Während ich überlege, ob nochmal ein ähnlich stressiger Hin-und-zurück-Marathon wie heute bevorsteht, lese ich diese E-Mail, die mir meine Bookerin weitergeleitet hat.

Eine Anfrage für einen CSD in Thüringen. „Wir können uns dich wahrscheinlich eh nicht leisten“, ob ich trotzdem vorbeikommen und spielen möchte. Ich google die Kleinstadt, sie hat keine 40.000 Einwohner. Für mich ist eigentlich klar: Natürlich versuche ich, das zu machen. Aber der CSD in Dresden war schon irgendwie bequemer, oder? Es gab ein Hotel, eine Gage und abends konnte ich noch mit meinen Dresdner Freund­*in­nen feiern gehen. Ein CSD irgendwo im Hinterland? Wird stressig.

Seit ich im vergangenen Jahr den ersten CSD in der Thüringer Kleinstadt Sonneberg erlebt habe, ist mir aber eine Sache klar geworden: Die dringendsten Kämpfe für queere Sichtbarkeit und andere linke Anliegen finden im Sommer nicht in den großen Städten statt, sondern dort, wo gerade trotz Rechtsrucks eine kleine Stadt ihre ersten Prides veranstaltet. Dort, wo linke Jugendzentren und Wohnprojekte angegriffen werden. Dort, wo Springerstiefel wieder im Alltag angekommen sind.

An diesen Orten wird aktiv verhandelt, welche Sichtbarkeit queeres Leben hat. Dort entschiedet sich, ob junge Menschen auf die Tiktok-Propaganda der AfD reinfallen oder ob ihnen andere Optionen geboten werden.

wochentaz

Dieser Text stammt aus der wochentaz. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.

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Auch Kraftklub spielte auf einem Kleinstadt-CSD

Ich lese die Schlagzeilen über das Städtchen Rheinsberg, etwa 7.000-Einwohner*innen. Ende Mai spielte auf dem ersten CSD dort die Band Kraftklub. Manche scheinen das zu belächeln oder bescheuert zu finden. Warum kommt so eine große Band in einen so kleinen Ort?

Ich aber sage: Genau das ist es, was wir brauchen. Wir brauchen linke Kultur und Pride in der Fläche, auf den Dörfern und in den Kleinstädten. Wenn linkes Leben nur in Metropolen stattfindet, übernehmen Rechtsextreme die wenigen Angebote und Jugendklubs, die es im ländlichen Raum gibt. Das ist keine wilde Fantasie mehr. Das passiert in Deutschland. Seit Jahrzehnten.

Außerhalb von Berlin, Hamburg und München müssen Jugendklubs monatelang um 500 Euro kämpfen, damit sie überhaupt eine Veranstaltung machen können. Genau dort, im ländlichen Rheinland-Pfalz und nicht in Berlin, brechen doch die gesellschaftlichen Strukturen weg und die AfD profitiert von dem Freizeitvakuum und fehlenden Perspektiven für junge Menschen.

Wer sich in den vergangenen Jahren aus westdeutscher Sicht über „den Osten“ echauffiert hat, musste bei der Bundestagswahl nur noch nach Ludwigshafen oder Kaiserslautern blicken. Die Parallelen sind offensichtlich: Kommunen, die pleite sind, abgewanderte Industrie und Orte, aus denen alle einfach nur noch wegwollen.

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Den kleinsten CSD zum größten machen

Für mich heißt das: Jede noch so kleine Veranstaltung, die queeren und linken Menschen Sichtbarkeit gibt, ist wichtig. Es braucht jetzt die Unterstützung der Strukturen aus Kultur und politischen Bewegungen – im Pride Month genau wie im restlichen Jahr. Wir müssen dort neue, geile Angebote schaffen, damit die Nazis nicht die einzigen sind, die Perspektiven bieten.

Fahrt zu Festivals, Theaterstücken und Konzerten aufs Land und macht dort eine fette Party, links und queer. Sucht euch den kleinsten CSD raus, den ihr finden könnt. Und dann macht ihn zum Größten.

  • informationsspiegel

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