Post an Franz Josef Wagner: Schreiben, um nicht zu bleiben

Lieber Franz Josef Wagner,

Feinde, Todfeinde, Kollegen – an diese Steigerung hätten Sie vielleicht gedacht, wenn Sie die Nachrufzeile auf Bild.de noch hätten lesen können: „BILD-Kolumnist Franz Josef Wagner gestorben.“

Sachlich ist das natürlich mal nicht falsch – aber ist es wirklich das, was von Ihnen bleiben soll? Wo Sie doch Zeit Ihres späteren Lebens betonten, dass Sie zwar dem Volk die große Show geliefert und die fette Kohle kassiert haben, ihre Existenz aber erfüllt letztlich nicht gewesen ist?

Denn gestartet waren Sie ja nicht als BILD-Kolumnist oder, mit einer späteren Zuschreibung, als „Gossen-Goethe“. Sondern als echt ambitionierter, harter, realistischer Schreiber. Aber, ach, es ‚kam‘ anders: „Ich hatte vier Romane geschrieben und war kein einziges Mal in der FAZ oder der SZ erwähnt worden. Ich rettete mich in den Journalismus, in das leichtere Leben“, bekannten Sie, dahin, wo zur Belohnung der Proll-Porsche röhrt und Sie Ihr „Geld mit einfacheren Worten“ verdienten.

So ist das Geschäft

Einfache Worte, Worte der Abwertung und der Niedertracht oft, die besseren Menschen, als Sie einer waren, schwer gefallen wären zu formulieren und zu veröffentlichen – aber so ist eben das Geschäft, nicht wahr – und Sie waren halt der abgezockteste Profi darin.

Sind Sie total gescheitert, als Mensch wie als Schreiber? Bleiben Sie als gläubiger Katholik auf ewig in der Hölle und müssen schlechte Schlagzeilen redigieren – ohne Aussicht darauf, dass Ihre handwerklich fein gearbeiteten Vorschläge jemals umgesetzt werden, versteht sich?

Oder haben Sie wenigstens eine Chance aufs Fegefeuer? Wer wird noch ein gutes Wort für Sie einlegen?

Als die Macht über Magazine, Seiten und Menschen Sie verlassen hatte, scheint es ja nicht mehr viele gegeben haben, die noch mit Ihnen zu tun haben wollten. Mich hat es jedenfalls traurig gemacht, als ich in einem Porträt über Sie las, dass Sie jeden Morgen Tennis spielen – mit einem Trainer.

Wollte sonst keiner mit Ihnen spielen? Oder waren die alten Kumpanen zu fußlahm, zu versoffen, zu tot oder das alles zusammen?

Und wie war das, als Sie fünf Stunden lang in Ihrem Flur lagen, mit gebrochenem Oberschenkel, und erst Ihre Zugehfrau Sie fand? Da haben Sie geweint und geschrien und niemand hat Sie gehört. Und ich habe, als ich Ihren Bericht darüber las, an meine alte Mutter gedacht. Und sie sofort angerufen.

„Wie Sterben ist, hat Jörg Fauser nicht mehr selbst erlebt, er war zu besoffen“, haben Sie 2007 zum 20. Todestag Ihres Freundes, des mit 43 Jahren verunglückten Schriftstellers Jörg Fauser geschrieben.

Ein starker erster Satz, einer, den man nicht mehr vergisst, auch in seiner Gnadenlosigkeit nicht.

Insofern würde ich sagen: Ich wünsche Ihnen, dass Sie in den Himmel kommen, irgendwann. Ich finde, dass Sie vielleicht kein guter Mensch waren, aber als Schreiber mehr Würdigung verdient hätten.

Sie haben es wenigstens versucht mit der Kunst! Und Sie hatten wenigstens noch den Anspruch, die Niederen zu erreichen, die, die „drunten sterben/ Wo die schweren Ruder der Schiffe streifen“, wie Hofmannsthal dichtete, die sogenannten einfachen Menschen, und ja, warum nicht bei Ihnen als alter 68er: die Proletarier. Insofern: Der Kampf geht weiter, lieber Franz Josef Wagner!

Herzlichst Ambros Waibel

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