Kampf um neue Ressource: Bewirtschaftet eure Aufmerksamkeit doch lieber selbst

H aben Sie den Eindruck, dass Sie selbst steuern, wofür Sie sich interessieren? Haben Sie diesen Eindruck auch von Ihren Mitmenschen? Einige der interessantesten Texte, die ich zuletzt gelesen habe, handelten von Aufmerksamkeit. Vielleicht fand ich sie auch nur interessant, weil Aufmerksamkeit gerade ein Thema der Stunde ist, es meine Aufmerksamkeit also schon gebunden hat – wenn ich nicht gerade auf Social Media herumscrolle und mich frage, ob all die Hass- und Hohn-Schleudern dort überhaupt echte Menschen sind oder programmiert.

„Brainrot“, also Gehirnfäule durch Social-Media-Konsum, dürfte bald Gegenstand ökonomischer Forschung sein, und zwar unter dem Stichwort Diebstahl, schrieb der Economist kürzlich. Aufmerksamkeit werde in der Wissenschaft zunehmend wie eine wirtschaftliche Ressource behandelt – neben den Klassikern Land, Arbeit und Kapital. Höchste Zeit, möchte man meinen, machen doch die teuersten Unternehmen der Welt ihren Profit mit unserer Aufmerksamkeit. „Attention is the new money“, schreibt auch New-York-Times Kolumnist Ezra Klein. Elon Musk sei der reichste Mann der Welt nicht wegen der Menge seines Geldes, sondern wegen der Mengen an Aufmerksamkeit, die er mit seiner Plattform X steuere.

Aber, so der schlaue Economist wieder, dann lasst uns doch bitte unter Eigentumsgesichtspunkten auch darüber reden, wie wir unsere Konzentration gegen die Social-Media-Plattformen verteidigen. Denn die Umstände seien widrig: „Die Umgebung ist feindlich.“

Niemand ist gezwungen diese Plattformen zu nutzen

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wochentaz

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Vor ziemlich genau 40 Jahren schrieb Neil Postman in „Wir amüsieren uns zu Tode“, das Fernsehen lenke unsere Aufmerksamkeit auf Belanglosigkeiten. Mit Bitte um Verzeihung für die sehr grobe Zusammenfassung: Der ganze große Unterhaltungsquatsch im Privatfernsehen, erklärte Postman, zerstöre die Chancen auf Bildung, Aufklärung und damit die Idee des vernünftigen, demokratischen Staatswesens. Das würde heute niemand mehr so sagen – nicht etwa, weil die These widerlegt ist, sondern weil das Privatfernsehen neben den US-Netzgiganten inzwischen so niedlich wirkt.

Wie stark uns das zusätzlich sorgen sollte, seitdem die Plattform-Inhaber sich mit Donald Trump verbrüdert haben und keinen Hehl daraus machen, dass der europäische Humanismuskram ihnen sonst wo vorbeigeht, trägt der Kölner Medienwissenschaftler Martin Andree engagiert vor. Um auch nur in die Nähe einer Chance zu kommen, die zerstörerischen Wutmaschinen im Netz zu regulieren, brauche Europa mehr als den Digital Services Act, meint Andree – dafür brauche es europäische Souveränität. Aber, so erklärte er im Schweizer Radio: „Die EU wird natürlich massiv erpresst von Donald Trump.“

Die EU sei auf Trumps Unterstützung im Ukrainekrieg angewiesen und könne auch keine weiteren Zölle mehr gebrauchen. So „ist natürlich schon längst eine Situation entstanden, wo militärische Bedrohung und auch eine wirtschaftliche Bedrohung“ damit verknüpft würden, sagt Andree, „dass diese Plattformen nicht angetastet werden dürfen, und das sind Plattformen, die den rechtsradikalen Diskurs in Europa schieben“.

Nun ist niemand gezwungen, diese Plattformen zu nutzen, mögen Sie einwenden. (Wenn Sie taz lesen, wissen Sie von den Alternativen.) Aber erstens handelt es sich für viele – besonders Jüngere – eben doch um eine Art Zwang. Und zweitens sollte sich angesichts eines 80- oder 95-prozentigen De-facto-Monopols der Trump-Broligarchen niemand im Besserwissen suhlen, sondern eher überlegen, wie man die Monopole aufbricht.

Es klingt nur eben schwer danach, als müssten wir lernen, unsere Aufmerksamkeit als Konzentrations-KleinunternehmerInnen selbst zu bewirtschaften. Sonst tun es eben andere.

  • informationsspiegel

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