Mädchen, die Tic Tac Toe hörten: Girlpower-Regel Nr. 3: Sei stark

Der Star des Abends hört auf den Namen Lulu. Paula Fürstenberg hat als Mädchen ihr Tagebuch so genannt, aus dem sie im Laufe des Abends immer wieder Passagen vorlesen wird. Zum Beispiel einen Eintrag von 1998. 11 war Fürstenberg da: „Wie ich das sehe, muss das coole Girl heutzutage so aussehen“, schreibt sie – zum Sound ihrer Lieblingsband Tic Tac Toe vermutlich – und zählt dann auf: „Sexy oder coole Klamotten, bisschen ausgeflippt, telefonieren, shoppen und Inlineskaten, muss in sein, auch mal romantisch sein können, Tiere mögen.“ Auch sollte dieses Girl es okay finden, wenn ihr Typ mal mit einer anderen flirtet, „dass sie auf Jungs stehen muss, ist wohl offensichtlich.“

Anlass für Fürstenberg, sich ihre eigenen Annalen zu Gemüte zu führen, ist „No Scribes“, eine theatrale Lesung über das Aufwachsen als Mädchen in den 1990er und 2000er Jahren und über die Girlgroups, die mehr als nur den Soundtrack dazu lieferten. Zusammengetan hat sich Fürstenberg dafür mit ihren Kolleginnen Alisha Gamisch und Raphaëlle Red. Sie bilden die „erste literarische Girlgroup“ No Scribes, zu erleben als Bühnenstück, produziert vom feministischen Onlinemagazin wepsert e. V. und dem Literaturhaus Berlin. Premiere war am Freitag in der Berliner Vaganten Bühne. Weitere Aufführungen folgen im Ballhaus Ost. Eine kleine Publikation erscheint im Sukultur Verlag.

Der Name „No Scribes“ erinnert an den TLC-Hit „No Scrubs“ aus dem Jahr 1999, es steckt aber auch das Schreiben mit drin. Schriftstellerinnen sind Fürstenberg, Gamisch und Red alle drei, während den Girlgroups damals oft abgesprochen wurde, ihre Songs selbst zu schreiben oder das überhaupt zu können. Von wegen Girlpower.

Um eben solche Widersprüchlichkeiten der damals als vermeintlich selbstbewusst inszenierten Weiblichkeit geht es. Darum, dass Mädchen sein in „der kleinen Hölle“ der 1990er und 2000er Jahre vor allem bedeutete, Schablone zu sein, gefallen zu wollen, eine Rolle zu erfüllen.

Sie ist ein Sister Pleaser

Die Frage, wie die Popkultur jener Zeit junge Frauen geprägt hat, treibt nicht nur Fürstenberg, Gamisch und Red um. Musikjournalistin Sonja Eismann hat unlängst ihr Buch „Candy Girls“ den Sexismen der Musikbranche gewidmet. Die britische Journalistin Sophie Gilbert wiederum konzentrierte sich in „Girl vs. Girl“ auf den medialen Blick auf die popkulturellen Protagonistinnen der 2000er Jahre. Auch Regisseurin Lena Brasch – die als autoritäre Managerin in „No Scribes“ zwei auditive Gastauftritte hat – hat sich am Beispiel Britney Spears’ schon damit beschäftigt („It’s Britney, Bitch“).

Die Texte der „No-Scribes“-Autorinnen leben von individuellen Perspektiven. Während Fürstenberg ihre in den Tagebüchern festgehaltenen amourösen Abenteuer aufarbeitet, beschreibt Gamisch ihr vorjugendliches und Teenager-Ich als eines, das der älteren Schwester gefallen will und auch deshalb den Spice Girls folgt: „Bevor ich People Pleaser bin, bin ich ein Sister Pleaser“. Die erst 1997 geborene Red verfiel Destiny’s Child, als diese schon gar nicht mehr aktiv waren und blickt nun nochmals mit rassismuskritischem Blick auf deren Rezeption.

Dass „Muttis verhärmter Feminismus“ die Grundlage für den Fun bildete, der bei Girlpower damals im Fokus stand, habe sie erst spät erkannt, erklärt Fürstenberg in der zweiten Hälfte des Stücks. Dass eben dieser bei „No Scribes“ trotzdem nicht zu kurz kommt, dafür sorgen alle drei. Red etwa, wenn sie mit Hornbrille auf der Nase den Tic-Tac-Toe-Fanbuch-Autor Hans S. Mundi imitiert. Auch sonst wird viel gelacht im Publikum.

Fürstenberg, Gamisch und Red gehen sanft mit den Heldinnen ihrer Vergangenheit um. Kritisiert werden eher die Umstände, die schmierigen Kommentare der Thomas Gottschalks, die gesellschaftlichen Erwartungen an Mädchen der damaligen Zeit. „Was hat uns bloß so programmiert? Was ist mit uns passiert?“, singen sie im einzigen echten Song von „No Scribes“. Er bleibt so lang im Ohr wie das Zigazigah der Spice Girls.

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