Aufgeladene Worte: Das angeblich Natürliche

Völkische und Naturbegriffe liegen in Deutschland ja oft unheimlich nah beieinander: 1973 führte der damalige bundesdeutsche Innenminister Hans-Dietrich Genscher das als „Umweltspiel“ vermarktete Gesellschaftsspiel „Toxifax“ vor. Auf einem von dem früheren Kampfflieger Georg Munker aufgenommenen Foto sieht man zwei eher irritiert wirkende Teenager, wie sie mit dem tatkräftig eine Spielfigur packenden FDP-Politiker vor dem Brettspiel sitzen (die beiden halb verdeckten Teenagerinnen im Hintergrund dürfen Genscher nur über die Schulter schauen).

Zwei Jahre zuvor hatte die FDP mit ihren „Freiburger Thesen zur Gesellschaftspolitik“ aufhorchen lassen. „Umweltpolitik ist Gesellschaftspolitik und geht jeden Bürger an“, hieß es da etwa, oder: „Umweltschädigung ist kriminelles Unrecht.“ Und bereits 1969 hatte Genscher in seinem Ministerium die dem damals neuen Konzept des „Umweltschutzes“ zuarbeitende „Abteilung U“ eingerichtet (und so dem seit 1935 in Deutschland verrechtlichten „Naturschutz“-Begriff ein internationaleres Konzept zur Seite gestellt). Das Foto ist also aus dieser Logik heraus nur folgerichtig.

Ein Altnazi als Umweltspielerfinder

Liest man die Gebrauchsanweisung des Spiels, in dem man gegen den die Umwelt verschmutzenden Toxifax kämpft, stößt man allerdings auf Begriffe wie „vernichteter Schmutzring“, „Schandpfahle in Grau“ oder „Erdwacht“. Und erfährt, dass sogenannte Toxigräber mit Namen wie „Deponie“, „Wolf“, „Zentrale Verbrennungsanlage“, „Kläranlage“ erworben werden können.

Toxifax ist dabei aber nicht nur sprachlich ein Objekt aus der Gruselkammer des BRD Noir. Denn was das sehr späte (1945) NSDAP-Mitglied Genscher 1973 womöglich nicht wusste: Der Erfinder des Spiels, der seinen Namen, „Dr. Waldemar Lentz“, groß auf dessen Schachtel abdrucken ließ und der im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung bereits etwa das „Uno-Spiel“ entwickelt hatte, war nur 30 Jahre eher in einem Sonderkommando des Reichssicherheitshauptamts der SS tätig gewesen, davor beim Völkischen Beobachter. Ein Altnazi als Erfinder eines BRD-Umweltspiels – verwunderlich? Wohl kaum.

Carl Wilhelm Ernst Putsches „Versuch einer Monographie der Kartoffeln“

Foto: Deutsches Historisches Museum

In der von Julia Voss kuratierten Ausstellung „Natur und deutsche Geschichte. Glaube – Biologie – Macht“ im Berliner Deutschen Historischen Museum (DHM) wird diese Verquickung an dieser Stelle nicht benannt („Natur“-Konzepte der Nationalsozialisten aber durchaus, vom Wirken des „Reichslandschaftsanwalts“ bis hin zur „NS-Vogelkunde in Auschwitz“). Neben Spiel und Genscher-Foto sind hier vielmehr weitere Dokumente zu sehen, die zeigen, dass ab den 1960er-Jahren die FDP wie auch die SPD das Thema Umwelt in der Bundesrepublik aufs politische Parkett brachten.

Damit, sowie unter anderem mit Objekten der Proteste gegen den Bau des geplanten Atomkraftwerks in Wyhl Mitte der 1970er-Jahre (und nicht etwa mit der Voss für das DHM zu gegenwärtig erscheinenden Gründung der Grünen 1980), schließt eine mit Hildegard von Bingens Vorstellung der „Viriditas“, der göttlichen „Grünkraft“, im 12. Jahrhundert einsetzende Ausstellung.

Sie hat sich nicht weniger vorgenommen, als Beispiele aus 800 Jahren deutscher Geschichte zu versammeln, die mit Begriffen von „Natur“ verbunden sind, die zeigen, „was wann von wem in der deutschen Geschichte als Natur verstanden wurde“, wie es DHM-Direktor Raphael Gross ausdrückt. Es gibt also viel zu tun für diese Ausstellung – oft zu viel, sodass die Breite der Umschau in den fünf chronologisch angeordneten Themenräumen mit ihren rund zwei Dutzend „Fallgeschichten“ nicht selten auf Kosten der Details geht.

Wie der Wolf zum Schrecken an sich wurde

In großen Schritten erfährt man so etwa, wie im Mittelalter der Bodensee vertraglich geregelt zur Fischfang-Allmende wurde, wie der Dreißigjährige Krieg den Wolf zur personalisierten Darstellung der Gräuel werden ließ und wie gleichzeitig Johannes Kepler mit seinen astronomischen Forschungen die Naturwissenschaften auf einen neuen Stand hob. Maria Sibylla Merians Illustrationen von Insekten und Pflanzen aus dem späten 17. und frühen 18. Jahrhundert gehören sicher zu den visuell einprägsamsten Exponaten der Ausstellung, die auch auf Merians nicht uneigennützige Reise in die damalige niederländische Kolonie Suriname verweist.

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Die Ausstellung

„Natur und deutsche Geschichte. Glaube – Biologie – Macht“: Deutsches Historisches Museum, bis 7. Juni 2026

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Der für die detailreichen Bildtafeln seines Buches „Kunstformen der Natur“ bekannte Zoologe und Bismarck-Fan Ernst Haeckel ist in der Ausstellung auch durch seinen rassistischen und antisemitischen „Stammbaum der zwölf Menschen-Arten“ von 1874 vertreten.

In zunehmend dichteren Episoden arbeitet die Ausstellung so auch den Terror des deutsche Identität als natürliche Identität setzenden angeblich „Natürlichen“ heraus, wie es sich ab dem 19. Jahrhundert über nationalistisch verfärbte Begriffe wie „Naturschutz“ und „Heimatschutz“ schließlich zur rassistischen Staatsideologie erhob. Was die Nazis damit hinterließen, waren toxische „Schandpfahle in Grau“.

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