Montgomery-Fotoausstellung in Hamburg: Sein cineastischer Blick aufs Staatsversagen

Man könnte sie Zeugen der Anklage nennen: Fotos, die nicht schreien oder lamentieren, sondern schlicht dokumentieren, was sich derzeit zuträgt in den USA. Auf verschiedenste Schauplätze hat sich der mexikanisch-amerikanische Fotograf Philip Montgomery dafür begeben, einer der renommiertesten Dokumentarfotografen der USA derzeit, der regelmäßig im New York Times Magazine und im New Yorker publiziert.

Jetzt gilt ihm in Hamburgs Deichtorhallen die erste große institutionelle Einzelausstellung „weltweit“, wie es in der Pressemitteilung heißt. Mit 110 seit 2014 entstandenen, teils erstveröffentlichten Fotos.

„American Cycles“ hat der heute 37-jährige Montgomery die Schau genannt, die sich mit Rassismus, Wirtschaftskrisen und Umweltkatastrophen befasst, wiederkehrende Stereotype der weißen Mehrheitsgesellschaft fest im Blick.

Er habe sich bei seinen bewusst schwarz-weißen Fotos an Gangsterfotos der 1930er Jahre orientiert, sagt Montgomery. „Ich will zeigen, welches Verbrechen derzeit in den USA passiert.“ Umgesetzt hat er das in Bildern, die wie Filmstills wirken, Bewegungen im Moment einfangen und so für die Ewigkeit mumifizieren: eine Endlosschleife, analog zur anhaltenden Polizeigewalt in den USA.

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Die Ausstellung

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Montgomery übt einen cineastischen Blick, der die Fotos inszeniert wirken lässt. Aber das sind sie nicht – sondern die schmerzhaft verdichtete Realität des Augenblicks. Wobei das schockierendste Foto der Schau beiläufig mittendrin hängt: Ein totes Pferd liegt im Vordergrund, ausgemergelt und noch an seinen Pflock gebunden. Weiter hinten laufen vier Männer orientierungslos durch die ausgedörrte Landschaft. Man denkt an eine fiktive, grausige Wildwest-Szene.

Ein Foto von Trumps Grenzmauer

Diese Ambivalenz ist gewollt. Man wundert sich, und der Dialog mit dem Bild kann beginnen. In Wahrheit suchen die Männer nach Angehörigen, die immer wieder in der Grenzregion zwischen Mexiko und den USA verschwinden. Sie werden Opfer organisierter Kriminalität – einer von vielen Gründen für die von Präsident Trump vehement bekämpfte Migration. Daneben hängt das Foto eines Abschnitts von Trumps staatlich finanzierten Grenzmauer.

„Arrest“, Tulsa (USA) im März 2017

Foto: Philip Montgomery

Um Grenzüberschreitungen eines toxisch agierenden Staatsapparats geht es auch auf Fotos der Proteste gegen die Erschießung der Schwarzen Michael Brown (2014) und George Floyd (2020) durch weiße Polizisten. Die Bilder bezeugen die strukturell rassistische Gewalt, die sich bei den Protesten fortsetzt: Da liegt ein Schwarzer Protestler am Boden, dem ein Weißer eine weiße, vermutlich schädliche Flüssigkeit ins Gesicht schüttet.

Anderswo, in einem nur scheinbar anderen Kontext: ein Porträt des schwarzen Polizisten Dominick Tricoche, der sich 2021 dem Sturm aufs Kapitol entgegenstellte und von Trumps Anhängern giftige Chemikalien ins Auge bekam.

Wobei es als repräsentativ gelten kann, dass in dieser Ausstellung die schwarzen Opfer überwiegen – auch bei der Zwangsräumung einer Familie, organisiert von einer Firma, die mit „problemloser Räumung“ warb. Entsprechend brutal tritt der Wachmann gegen die Treppe des Hauses, als wolle er eigentlich die Bewohner (weg)treten.

Voyeurismus bleibt tabu

Andere Fotos zeigen Menschen nach Hurrikans und Überschwemmung, knietief im Wasser oder zwischen verschlammten Möbeln. Tote zeigt Montgomery nie, Voyeurismus bleibt tabu. Sie hat die Hände vors Gesicht geschlagen, die schwarze Frau, die nach der Flucht ins Frauenhaus eigentlich eine größere Wohnung bekommen hat und mit ihren vier Kindern weiter in einem Zimmer wohnt. Die Enge ist Schutzschild geworden, das Gewalttrauma wirkt nach.

All diese Szenen stehen exemplarisch für die Folgen struktureller Gewalt, des Staatsversagens in jeglicher Form. Da ist ein Zimmerboden mit Socken und einem umgestürzten Stuhl – und erst spät bemerkt man den Arm eines Toten. Wieder so ein beiläufiger Schock, der den Blick schärft.

Auch dieses Foto wirkt wie ein sorgsam arrangiertes Stillleben. Aber die Szene ist real und das Foto ein Verweis auf die nur langsam auslaufende, seit 90ern Hunderttausende Tote fordernde Opioid-Krise in den USA. Die Ursache: wider besseres Wissen von Pharmakonzernen beworbene, massig verschriebene Fentanyl-Schmerzmittel, die süchtig machen und oft zum Umstieg auf harte Drogen führen.

Unauffällig wirkt auch die Zusammenkunft einiger Männer auf einem Golfplatz, wie man zunächst glaubt. Der zweite Blick zeigt: Sie tragen Gewehre und „sichern“ nach allen Seiten. Einer lächelt, als habe er gerade einen Treffer gelandet. Es sind Mitglieder einer Kampftruppe um Stewart Rhodes, den Gründer der rechtsextremen Oath Keepers. Er zählt zu den Organisatoren des Sturms auf das Kapitol 2021.

Ein Raumschiff, das längst jemand anderes steuert

Auch die idyllische Siedlung mit der jungen Frau in Rückenansicht täuscht: Denn die Frau, Trumps Wahlkampfhelferin von 2024, zeigt ihr Pistolen-Tattoo am Rücken. Sie muss es dem Fotografen stolz präsentiert haben. Für kritische Geister wie Montgomery ist das letztlich eine bedrohliche Geste.

Dann gibt es noch die mit scharfem Licht arbeitenden Innenraum-Fotos, die so eigenartig strukturiert sind. Auf der Entzugsstation einer JVA in Ohio sieht man Menschen, die – so individuell wie anonym den Raum bevölkernd – ähnlich choreografiert sind wie die Figuren des Bauhaus-Künstlers Oskar Schlemmer.

Auch die vor Bildschirmen erstarrten Angestellten der New Yorker Börse scheinen im Spotlight surreal. Auf sich stetig verselbstständigende Algorithmen starrend, wirken sie wie in einem Raumschiff, das längst jemand anders steuert.

  • informationsspiegel

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