Macht der Immobilienkonzerne: Bei der Wohnungsfrage geht es um Demokratie

E s gibt wohl keine Frage, siehe Krippe, die weihnachtlicher ist als die Frage nach Wohnung und Unterkunft. Und es gibt kaum eine Frage, die relevanter ist für den gegenwärtigen politischen Diskurs und die Legitimation des demokratischen Systems. Nur eine Demokratie, die liefert, behält in Zeiten des autoritären Systemwettbewerbs ihre eigenen Überlebensbedingungen. Wenn es zu wenig Wohnungen gibt, erfüllt die Demokratie eine ihrer Grundvoraussetzungen nicht.

Zu lange wurde Demokratie vor allem als ein System von Prozessen und Entscheidungen diskutiert – und nicht genug nach der Lebenswirklichkeit der Menschen gefragt. Tatsache ist: Aktuell fehlen allein in Westdeutschland 1,2 Millionen Wohnungen, das ergab eine Studie des Pestel Instituts. Gleichzeitig gibt es einen massiven Leerstand in Bürogebäuden. Speziell die Innenstädte sind Schauplätze von tiefgreifenden strukturellen Verschiebungen – was fehlt, sind Lösungen und Antworten, die jenseits des gegenwärtigen Denkens liegen.

Dieses Denken ist linear, es ist mechanisch in der Logik und rigide in der Ausführung. Allzu oft und auch in der gegenwärtigen Regierung ist es ja so: Wenn die Politik Wohnungsmangel hört, dann ist die Antwort Bauen. Wenn die Politik merkt, dass die Wirtschaft absackt, dann ist die Antwort Steuersenkungen. Wenn die Politik jahrelang zu wenig in die Integration von Geflüchteten investiert hat, dann macht man halt die Grenzen zu. Es ist Hauruckpolitik oder Ritschratschaktionismus: Ein Problem, eine Lösung.

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Eine Politisierung der Wohnungsdebatte würde bedeuten, dass man die politische Ökonomie der Immobilienstruktur angeht

Die Diskussion über Wohnungsmangel leidet deshalb auch daran, wie viele der gegenwärtigen Debatten, dass sie zu wenig politisiert ist und zu wenig systemisch geführt wird. Eine Politisierung der Wohnungsdebatte würde bedeuten, dass man sich um Dinge wie Eigentum und Verantwortung kümmert, dass man die politische Ökonomie der Immobilienstruktur in diesem Land angeht, dass man Initiativen wie die Berliner Abstimmung zur Demokratisierung des Wohnraums und gegen die Macht der Immobilienkonzerne ernst nimmt – und sie nicht in postdemokratischer Vergammeltheit einfach ins Übermorgen verschiebt, wie es der Berliner Senat gerade getan hat.

Den Ernst der Lage verstehen

Es scheint in solchen Momenten, als würden viele Handelnde nicht begreifen, wie ernst die Lage ist – sowohl auf der Straße, wo man fast täglich den Zuwachs an Wohnungslosen sieht, als auch in den Umfragen: Der Systemwiderstand wird einerseits von nationalistischen und rassistischen Kräften angetrieben, der Systemwiderstand wird aber auch von einem System selbst erzeugt, das nicht in der Lage ist, auf ökonomische Herausforderungen ökonomisch zu reagieren. Wenn sich Mietpreise in kurzer Zeit verdoppeln, liegt ein Marktversagen vor, das nicht einfach mit einem „Wir bauen doch“-Achselzucken hingenommen werden kann.



Bild: Leander von Thien

Georg Diez

ist Autor und Journalist. Er ist Mitarbeiter beim Thinktank ProjectTogether, Fellow beim Max-Planck-Institut für religiöse und ethnische Diversität in Göttingen und er schreibt auf Substack den Newsletter „Überleben im 21. Jahrhundert“. Frisch im Aufbau-Verlag: „Kipppunkte. Von den Versprechen der Neunziger zu den Krisen der Gegenwart.“

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Und das ist das zweite Problem der aktuellen Diskussion über Wohnraummangel: Sie wird nicht systemisch geführt. Wo es ein Zuwenig gibt, ist die Antwort fast immer: Mehr. Was aber, wenn die bessere Antwort wäre: Anders? Oder: Unterschiedlich? Was, wenn es viel mehr Experimente gäbe, wie sich vorhandener Wohnraum neu verteilen und nutzen ließe? Die Ein- und Zweifamilienhäuser an den Rändern der Städte etwa, die oft von Eltern oder Großeltern genutzt werden, deren Kinder längst ausgezogen sind, und die auf viel zu viel Wohnfläche leben – wie kann man Modelle finden, um hier zusätzlichen Wohnraum etwa durch Umbauten zu schaffen?

Rund 16 Millionen solcher Stadtrandhäuser gibt es in Deutschland, wenn man allein bei 10 Prozent aus einer Wohneinheit zwei machen würde, so hat es Andreas Hild von der TU München vorgerechnet, hätte man rasch 1,6 Millionen Wohnungen, viermal so viele, wie die Politik Jahr um Jahr verkündet zu bauen, mit jeweils gebrochenen Versprechen. Und was ist mit Baurecht, Föderalismusreform, anderen Eigentums- und Finanzierungsmodellen? Anders gesagt: Die Wohnungsfrage lässt sich, wie jede politische Frage heute, nur lösen, wenn man systemisch denkt und kommuniziert.

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Wenn man das nicht tut, droht die viel beschworene „Mitte“, die präziser als Mittelschicht bezeichnet werden könnte, ihr Vertrauen in die Leistungsfähigkeit oder besser: Gerechtigkeit des Systems zu verlieren. Interessant dabei ist, dass es immer noch eher vermieden wird, von „dem System“ zu reden, als ob das heute primär oder originär eine rechte oder verschwörerische Konnotation hat – dabei lässt sich ein System nicht verändern, ohne es zu benennen.

Der Lerneffekt wäre groß

In New York hat der progressive Kandidat Zohran Mamdani seine Wahl zum Bürgermeister unter anderem wegen der „Wohnungsfrage“ gewonnen, wie eine Schrift von Friedrich Engels von 1872 heißt. In der ersten Industrialisierung wurde die Not durch Klassenkonflikte ausgetragen, in der zweiten Industrialisierung, die wir erleben, fehlen diese harten, klaren Kategorien – dabei gibt es jenseits des rückwärtsgewandten „fossilen Denkens“, wie ich es nenne, genug Wege und Möglichkeiten, im Bestehenden das Neue zu finden und zu definieren.

Die Wohnungsfrage, die auch zentral war in zwei der wohl einflussreichsten Büchern von 2025, „Abundance“ von Ezra Klein und Derek Thompson und „Breakneck“ von Dan Wang, ist damit nicht nur die soziale Frage unserer Zeit und besitzt explosive Energie – die Wohnungsfrage hat enormes Innovationspotenzial, weil sie alle Aspekte von Leben, Alltag, Wirtschaft, Auf- und Abstieg, politischer Architektur und Prozesse betrifft.

So gut wie alle Fragen unserer Zeit lassen sich entlang dieser Querschnittsherausforderung diskutieren, von Klima bis Kapitalismus (manche würden sagen, dass auch das zusammengehört). Nicht alles lässt sich an dieser Frage lösen. Aber der Lerneffekt für andere Probleme wäre enorm.

  • informationsspiegel

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