Weihnachtsfrieden im 1. Weltkrieg: Als deutsche und britische Soldaten sich die Hand gaben

V ier Monate war der Erste Weltkrieg im Dezember 1914 alt. Was als schneller Feldzug geplant war, hatte sich in einen Stellungskrieg verwandelt. Schlamm, Kälte, Läuse, Ratten. Hunderttausende Tote. Und dann, in der Nacht zum 25. Dezember, geschah etwas, das nicht vorgesehen war. An mehreren Abschnitten der Westfront begannen deutsche Soldaten Weihnachtslieder zu singen.

„Stille Nacht“ hallte über das Niemandsland. Britische Soldaten antworteten – mit eigenen Liedern. Kerzen wurden auf die Schützengräben gestellt, kleine Tannenbäume hochgezogen. Schließlich wagten sich Männer aus den Gräben, zögernd zuerst. Man traf sich zwischen den Linien, reichte sich die Hand, tauschte Zigaretten, Schokolade, Knöpfe, Abzeichen. Es wurde Fußball gespielt.

Der sogenannte Weihnachtsfrieden von 1914 dauerte nicht lange. Mancherorts nur Stunden, andernorts ein, zwei Tage. Schon bald griffen Offiziere ein, der Krieg ging weiter und dauerte vier Jahre. Und doch ist dieser Moment geblieben. Als Wunder. Als Störung. Denn der Weihnachtsfrieden war kein Befehl von oben, sondern das Ergebnis einer spontanen, stillen Übereinkunft von Menschen, die einander eigentlich töten sollten – und es für einen Augenblick nicht mehr taten.

Feindschaft ist kein Naturzustand. Sie muss hergestellt werden. Der Krieg von 1914 beruhte auf nationalistischen Erzählungen, auf Propaganda, auf der systematischen Entmenschlichung des Gegners. Aber als die Soldaten einander sahen – nicht als Silhouetten im Nebel, sondern als Männer mit Gesichtern, Stimmen, Akzenten –, verlor der Feind seine Abstraktion.

Der Weihnachtsfrieden war kein Wendepunkt, sondern eine Ausnahme. Gerade deshalb eignet er sich schlecht für sentimentale Verklärung. Er beweist nicht, dass „der Mensch im Grunde gut“ ist. Autoren wie Rutger Bregman haben ihn als Beleg für die soziale und kooperative Grundanlage des Menschen gelesen. Das ist nicht falsch. Aber es greift zu kurz. Denn der Weihnachtsfrieden zeigt vor allem, wie machtlos selbst starke moralische Impulse bleiben können, wenn die politischen, militärischen und ökonomischen Bedingungen unverändert sind.

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Die Männer, die sich im Niemandsland die Hand gaben, wurden wenige Tage später wieder gezwungen, aufeinander zu schießen. Der Weihnachtsfrieden war ein menschlicher Moment in einem unmenschlichen System – und daran zerbrach er. Er war ein Innehalten, ein kurzer Bruch mit der Logik, dass Gewalt zwangsläufig mit Gegengewalt beantwortet werden müsse.

Wer heute über Kriege, Terror, geopolitische Rivalitäten oder gesellschaftliche Polarisierung spricht, kennt meist nur zwei Modi: Empörung oder Parteinahme. Dazwischen scheint kaum Platz. Der Weihnachtsfrieden erinnert daran, dass es Momente geben kann, in denen diese Logik ausgesetzt wird. Deshalb war dieser Moment für die militärischen Führungen auch so gefährlich: Er stellte die Erzählung vom notwendigen, alternativlosen Töten infrage. Ein Soldat, der den Feind als Menschen erkennt, ist kein verlässliches Instrument mehr.

Der Weihnachtsfrieden von 1914 hatte kein Happy End. Aber er hat gezeigt, dass es selbst in extremen Situationen Spielräume gibt. Sie sind klein, fragil und oft nur kurz offen – aber sie existieren. Frieden beginnt nicht mit großen Verträgen, sondern mit der Weigerung, den anderen zum Feind zu erklären.

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Wie beginnt Veränderung? In der Kolumne „Der Anstoß“ erzählen wir jede Woche von einem historischen Moment, der etwas angestoßen hat.

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