Zu viele Schadstoffe im Wasser: Ungewöhnliche Rettungsallianz für die belastete Ostsee

Überfischung, Erwärmung und viel zu viele Schadstoffe im Wasser: Die Ostsee ist in einem miserablen Zustand. Vor Weihnachten stellten Schleswig-Holsteins Landwirtschaftsministerium und mehrere lokale Ostseebeiräte Maßnahmen vor, um die Mengen an Stickstoff und Phosphor zu verringern. Das Problem: Alle Maßnahmen sind freiwillig. Das reicht nicht, befürchtet der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). Zurzeit hält Schleswig-Holstein nicht einmal die Grenzwerte der EU-Wasserrahmenrichtlinie ein.

„Wir sind alle sehr motiviert, der Wille ist da in der Landwirtschaft“, sagte Heinrich Mougin. Der Landwirt mit Hof in Grömitz und Vorstandsmitglied des Bauernverbandes Schleswig-Holstein leitete einen von landesweit fünf Ostseebeiräten. Sie waren Ende 2024 als ein Punkt in einer Zielvereinbarung vereinbart worden, zwischen der Landesregierung und den landwirtschaftlichen Verbänden.

Neben dem Bauernverband sind der Verband der Familienbetriebe Land und Forst Schleswig-Holstein, die Landesvereinigung Ökologischer Landbau Schleswig-Holstein und Hamburg sowie der Verein „Land schafft Verbindung“ beteiligt.

Die Beiräte sollten für ihre Region Ideen entwickeln, um die Schadstoffeinträge zu verringern und so etwas für die Rettung der Ostsee zu tun. „Zu einem Ostsee-Nationalpark haben wir Nein gesagt, aber für uns alle ist die Ostsee ein prägendes Element unserer Heimat“, sagte Mougin. „Wir nehmen die Herausforderung an, sie zu schützen.“ Ein Nationalpark Ostsee nach Vorbild des Nationalparks Wattenmeer war der Wunsch des Umweltministers Tobias Goldschmidt gewesen. Das Projekt scheiterte am Widerstand der Verbände für Landwirtschaft und Tourismus, auch die CDU konnte sich mit der Idee nicht anfreunden.

Cornelia Schmachtenberg (CDU), seit November 2025 Landwirtschaftsministerin in Schleswig-Holstein, lobte die Arbeit der Beiräte: Es sei richtig gewesen, die Verantwortung an „die Experten vor Ort“ abzugeben. Niemand habe versucht, Entscheidungen zu verzögern, alle hätten sich zum gemeinsamen Ziel bekannt.

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Konkret geht es darum, bis zum Jahr 2035 die Einträge von Stickstoff um rund 470 Tonnen und Phosphor um 16 Tonnen Phosphor jährlich zu senken. Das sind 10 Prozent weniger als die Werte im Mittel der vergangenen Jahre.

Konkret geht es darum, bis zum Jahr 2035 die Einträge von Stickstoff um rund 470 Tonnen und Phosphor um 16 Tonnen Phosphor jährlich zu senken. Das sind zehn Prozent weniger als die Werte im Mittel der vergangenen Jahre. Bis 2045 sollen die Schadstoff-Einträge aus Dünger und Pestiziden um weitere zehn Prozentpunkte sinken.

Denkbare Maßnahmen sind breitere Uferstreifen, in denen die Schadstoffe versickern können, Filtersysteme, weniger Dünger, eine andere Fruchtfolge oder die Wiedervernässung von Mooren. Unter allen Maßnahmen wählen die Ostseebeiräte diejenigen aus, die ihrer Meinung nach in ihrer jeweiligen Region umsetzbar sind. Alle gemeinsam würden das Ziel der 2024 geschlossenen Vereinbarung sogar übertreffen. „Die Landwirtschaft ist hier in große Vorleistung getreten“, freute sich Ministerin Schmachtenberg. Lob für die Ergebnisse der fünf regionalen Beiräte kommt auch vom Bund für Umwelt und Naturschutz in Schleswig-Holstein: „Die Pläne wirken sehr fundiert“, sagt BUND-Sprecherin Sina Clorius der taz. „Sie sind ein guter Anfang und wir sind froh, dass die Landwirtschaftsministerin bei der Umsetzung des Aktionsplans Ostseeschutz am Ball bleibt.“

Pläne sind nicht verbindlich

Allerdings gibt es einen großen Schwachpunkt: Die Ideen der Ostseebeiräte sind für die Land­wir­t:in­nen nicht verbindlich. Zwar sollen die möglichen Maßnahmen in den kommenden Monaten bekannt gemacht werden, dazu finden Beratungen der einzelnen Höfe und Informationstage statt. Aber wenn die Ideen nicht angenommen werden, gibt es keine Handhabe, sie durchzusetzen.

Dabei ist eigentlich auch das Land im Zugzwang. Denn Schleswig-Holstein verstößt seit Jahren gegen die EU-Vorgaben der Wasserrahmenrichtlinie. „Derzeit werden die Ziel- und Orientierungswerte für Stickstoff und Phosphor an mehreren Ostseezuflüssen in Schleswig-Holstein noch nicht erreicht“, gibt das Ministerium auf Nachfrage zu. Allerdings betreffe das auch andere Bundesländer. Die Einhaltung der Zielwerte sei eine gesamtdeutsche Aufgabe. Die Zielvereinbarung mit der Landwirtschaft sei ein Baustein, um die „landwirtschaftlichen Nährstoffeinträge schrittweise weiter zu reduzieren“.

Sina Clorius reicht das angesichts der aktuellen Lage der Ostsee, aber auch des Grundwassers nicht: „Stickstoff-Nitrat ist ein existenzielles Problem für uns alle. Mehrere Trinkwasserbrunnen mussten schon geschlossen werden, weil das Wasser belastet war. Nitrat bedroht unsere Gesundheit und die Artenvielfalt.“

Der BUND erinnert an den „Aktionsplan Ostseeschutz“ des Landes. Dort ist von einer Reduktion der jährlichen Stickstoffeinträge von rund 2000 Tonnen die Rede. Die Phosphor-Menge müsste um rund 65 Tonnen pro Jahr gesenkt werden, um die Wasserrahmenrichtlinie einzuhalten.

„Pläne sind gut, aber für die Ostsee kommt es auf das Ergebnis an“, sagt Clorius. „Es darf einfach nicht mehr so viel Stickstoff und Phosphor im Wasser landen, sonst sehen wir statt blauem Meer irgendwann nur noch Algensuppe!“

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