Neujahrsansprache des Bundeskanzlers: Kein Wort über die wirtschaftlichen Sorgen der Bür­ge­r

Bundeskanzler Friedrich Merz redet in seiner Neujahrsansprache viel über Wirtschaft. Er kündigt „grundlegende Reformen“ an. Das ist eine Drohung.

F riedrich Merz hat in den ersten Monaten seiner Kanzlerschaft bewiesen, dass er kein Talent fürs Treffen des richtigen Tons hat. Und das ist auch in seiner ersten Neujahrsansprache so. Statt wie ein Regierungschef zu den Bürger:innen, spricht er wie ein Firmenvorstand zu seiner Belegschaft. Diese Ansprache ist nicht dazu angetan, seine schlechten Umfragewerte zu heben. Im Gegenteil.

Merz streift die großen Themen der Gegenwart: den Krieg Russlands gegen die Ukraine, das gewandelte Verhältnis zu den USA, Europa, Migration, die Rente, den Sozialstaat. Die Klimakrise ist für ihn hingegen nicht mehr als eine Fußnote. Seine Priorität: Immer wieder kommt er auf die deutsche Wirtschaft zu sprechen, die unter Druck stehe.

Nur an einer einzigen Stelle kommt er auf die Sorgen der Menschen im Land zu sprechen: die Sorge um den Frieden. Die räumt er mit dem lapidaren Satz ab: „Ich sage Ihnen: Wir sorgen für Frieden“ – ohne zu erklären, wie das denn gehen könnte. Jeden Tag kündigen Unternehmen den Abbau von Jobs an, viele Haushalte leiden unter den gestiegenen Preisen. Die anhaltende Rezession macht eben nicht nur Unternehmen zu schaffen. Aber dazu verliert er kein einziges Wort.

Das war nicht nur bei seinen sozialdemokratischen, sondern auch bei seinen christdemokratischen Vor­gän­ge­r:in­nen Helmut Kohl und Angela Merkel – erst seit 1970 halten Re­gie­rungs­che­f:in­nen die Neujahrsansprache – noch anders. Auch ihre Antrittsjahre 1982 und 2005 waren ökonomisch schwierig. Beide benannten in ihren Ansprachen zu Silvester die Furcht der Bür­ge­r:in­nen vor Arbeitsplatzverlust und Betriebspleiten. „Ihre Sorgen sind auch meine Sorgen“, sagte Kohl 1982, der wie Merz in viele Fettnäpfchen tappte, aber anders als der Privatflieger aus dem Sauerland als bodenständig und volksnah galt.

Die Sorgen von Merz sind nicht die der Bürger:innen, sondern der Unternehmen, das wird in seiner Ansprache immer wieder deutlich. Etwa wenn er darauf verweist, dass „einige“ Recht hätten, wenn ihnen die beschlossenen Reformen wie die „neue Grundsicherung“ und die begonnene Debatte über die Zukunft des Sozialstaats nicht reichen. „Einige“, das sind die Ver­bands­ver­tre­te­r:in­nen und Manager:innen, die am liebsten den Sozialstaat bis zur Unkenntlichkeit schleifen würden. Die anderen, die Bürger:innen, sollten Merz’ Ankündigung, „grundlegende Reformen“ angehen zu wollen, als Drohung verstehen. Das sind schlechte Ausichten für 2026.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei!

Jetzt unterstützen

  • informationsspiegel

    Related Posts

    Leipziger Buchmesse ohne Weimer: Kulturkämpfer ohne Rückgrat
    • March 18, 2026

    Kulturstaatsminister Weimer trifft unpopuläre Entscheidungen und entzieht sich dann der öffentlichen Auseinandersetzung. Wie feige ist das denn? mehr…

    Weiterlesen
    Drogenkonsum in Berlin: Die ganze Bandbreite der Gesellschaft
    • March 18, 2026

    Eine Abwasseranalyse zeigt: Vor allem der Konsum von Kokain steigt stark. Für viele gehört die Droge zum Alltag, auch durch die ständige Verfügbarkeit. mehr…

    Weiterlesen

    Nicht verpassen

    Leipziger Buchmesse ohne Weimer: Kulturkämpfer ohne Rückgrat

    • 11 views
    Leipziger Buchmesse ohne Weimer: Kulturkämpfer ohne Rückgrat

    Drogenkonsum in Berlin: Die ganze Bandbreite der Gesellschaft

    • 12 views
    Drogenkonsum in Berlin: Die ganze Bandbreite der Gesellschaft

    Mentale Gesundheit von Schü­le­r:innen: Pauken und Schnauze halten

    • 12 views
    Mentale Gesundheit von Schü­le­r:innen: Pauken und Schnauze halten

    Rabatte im Supermarkt: Apps für die Zweiklassengesellschaft

    • 11 views
    Rabatte im Supermarkt: Apps für die Zweiklassengesellschaft

    Geheimdienst-Chef in Iran getötet: An der Spitze des Regimes verdächtigt wohl jeder jeden

    • 11 views
    Geheimdienst-Chef in Iran getötet: An der Spitze des Regimes verdächtigt wohl jeder jeden

    Der Iran-Krieg und die Golfstaaten: Keine Ruhe mehr am Persischen Golf

    • 9 views
    Der Iran-Krieg und die Golfstaaten: Keine Ruhe mehr am Persischen Golf