Ende des Endlagers in Morsleben: Wo sich Atommüll, KZ-Geschichte und Fledermäuse treffen

Die Drohnen über den Wäldern und Feldern rund um das Atommüllendlager Morsleben in Sachsen-Anhalt waren keine Bedrohung für die unter der Erde lagernden radioaktiven Abfälle. Sie waren im Auftrag des Betreibers unterwegs, der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE). Ihre Aufgabe: Areale zu fotografieren und vermessen, in denen Vögel, Fledermäuse, Reptilien und Haselmäuse leben.

Seit rund einem halben Jahr erfasst und kartiert die BGE die Fauna rund um Morsleben. Damit bereitet sie eine Umweltverträglichkeitsprüfung vor, die Voraussetzung für die Stilllegung des Endlagers und die Verfüllung der Atommüll-Kammern mit Salz und Beton ist. Morsleben ist das erste – und auf lange Sicht einzige – deutsche Endlager, das nach Atomrecht und unter Verbleib der Abfälle dauerhaft geschlossen werden soll.

Morsleben liegt in einem Fauna-Flora-Habitat-(FFH-)Gebiet. Es umfasst naturnahe Auenwälder mit Erlen, Eschen und Weiden sowie magere Flachland-Mähwiesen, die Lebensräume für eine vielfältige Tierwelt bieten.

Zur genaueren Erfassung etwa der Fledermauspopulation haben von der BGE beauftragte Dienstleister Horchboxen angebracht. Das sind statische Fledermausdetektoren mit einem Ultraschallrekorder. Die Boxen können nur Töne ab einer Frequenz von 20.000 Hertz aufnehmen. Normale Gespräche im Bereich der Horchboxen werden nicht aufgezeichnet. Mit der späteren Auswertung der aufgenommenen Rufe lässt sich neben der Anzahl auch die Art der Fledermäuse bestimmen.

Nummer drei hinter Gorleben und Asse

Für die Erfassung der Reptilien wurden sogenannte Reptilienbretter ausgelegt. Sie dienen den Kriechtieren als Verstecke und werden in regelmäßigen Abständen überprüft. Für Haselmäuse werden gezielt Niströhren platziert, um den Bestand festzustellen. Die Arbeiten gehen auch im Winter weiter. Derzeit, sagt BGE-Sprecherin Monika Hotopp, „werden die Rastvögel kartiert“.

Morsleben stand immer im Schatten anderer Atommüll-Standorte wie Gorleben oder Schacht Konrad Asse. Dabei hat das nahe der Landesgrenze zu Niedersachsen gelegene Endlager eine wechselvolle und spannende Geschichte.

Ab Ende des 19. Jahrhunderts wurde in den Schächten „Marie“ und „Bartensleben“, die das heutige Endlager bilden, Kalisalz für die Landwirtschaft abgebaut. Später auch Steinsalz, das als „Sonnensalz aus Bartensleben“ in den Handel kam. Das Nazi-Regime nutzte das Bergwerk militärisch: Die Luftwaffe lagerte ab 1937 Flugzeugmunition in einem der Schächte. Ab Februar 1944 diente die Anlage der Rüstungsproduktion – und als Außenlager des KZ Neuengamme. Tausende Häftlinge und Zwangsarbeiter mussten Bauteile des Strahlflugzeugs „Me 262“ und von V1- und V2-Raketen zusammensetzen. „Marie“ und „Bartensleben“ erhielten die Decknamen „Bulldogge“ und „Iltis“.

Broiler-Mast im Schacht

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Der Schacht Marie diente von 1959 bis 1984 der Broiler-Mast. Durch An- und Abschalten des Lichts wurden den Vögeln um etwa eine Stunde verkürzte Tage vorgegaukelt, wodurch sie schneller wachsen und fett werden sollten

Nach Kriegsende wurde im Schacht „Bartensleben“ zunächst wieder Steinsalz gefördert. Der Schacht „Marie“ diente von 1959 bis 1984 der Broiler-Mast. Durch An- und Abschalten des Lichts wurden den Vögeln um etwa eine Stunde verkürzte Tage vorgegaukelt, wodurch sie schneller wachsen und fett werden sollten. Rund 15.000 Tonnen Geflügel sollen insgesamt unter der Morslebener Erde produziert worden sein

1965 begannen die DDR-Behörden mit der Suche nach einem Endlager für schwach und mittelradioaktive Abfälle, die beim Betrieb der beiden AKWs Rheinsberg und Lubmin anfielen. 1971 wurde versuchsweise erster Atommüll in Morsleben eingelagert, 1973 erfolgte die offizielle Benennung des Standorts. Den hoch radioaktiven Schrott aus ihren AKWs exportierte die DDR in die Sowjetunion, aus der sie auch das angereicherte Uran für ihre Reaktoren bezog.

Mit der deutschen Vereinigung ging das Endlager in den Besitz der Bundesrepublik über. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) wurde Betreiber. Auf die bereits dort lagernden rund 14.400 Kubikmeter Atommüll wurden zwischen 1994 und 1998 unter Verantwortung der damaligen Bundesumweltministerin Angela Merkel noch einmal gut 22.000 Kubikmeter draufgepackt.

Die Einlagerung erfolgte unter teilweise haarsträubenden Bedingungen. Flüssige radioaktive Abfälle wurden auf eine Schicht Braunkohlenfilterasche versprüht, große Mengen sickerten bis in die tiefen Schichten des Bergwerks. Feste Abfälle wurden zum Teil lose oder in Fässern in Hohlräume gekippt oder gestapelt. Mit großem Getöse krachte im Herbst 2001 ein mehrere tausend Tonnen schwerer Salzbrocken von einer Zwischendecke. Anderthalb Jahre später schlug das BfS erneut Alarm, weil ganze Bereiche der Anlage einzustürzen drohten.

1998 stoppte das Oberverwaltungsgericht Magdeburg die Anlieferung weiteren Atommülls. Doch die Probleme blieben: So musste der Betreiber 27 unterirdische Abbaue mit Spezialbeton verfüllen. „Ohne diese Maßnahme hätte die fortschreitende Verformung des Gesteins langfristig das wasserundurchlässige Hutgestein zwischen Endlager und Deckgebirge schädigen können“, räumte die BGE ein, die 2017 die Zuständigkeit vom BfS übernahm.

Das atomrechtliche Genehmigungsverfahren ist zäh und langwierig. Mit der dauerhaften Schließung ist kaum vor 2035 zu rechnen. Die Fauna rund um Morsleben könnte sich dann verändert haben.

  • informationsspiegel

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