Fanproteste in Frankreich: Straßburg geht über den Kanal

Am vergangenen Sonntag stand für die Straßburger Ultras eine der weitesten Auswärtsfahrten des Jahres auf der Agenda. Es ging an die Côte d’Azur, um das 1:1 in Nizza vom Gästeblock aus zu verfolgen.

Zu diesem Zeitpunkt ahnten allerdings selbst sie noch nicht, was zwei Tage später offiziell verkündet werden würde: Der Erfolgstrainer der Elsässer, Liam Rosenior, verabschiedete sich am Dienstagmorgen von den Straßburger Journalisten. Und flog nach London, wo er künftig den FC Chelsea als Nachfolger von Enzo Maresca coachen wird.

Ausgerechnet Chelsea! „Es gibt Klubs, denen du einfach nicht absagen kannst“, sagte der 41-Jährige, „Ich hoffe, die Straßburg-Fans können das verstehen und stolz darauf sein.“

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Wir sind Siebter. Da heiligt der Zweck offenbar die Mittel

Sprecher der Fangruppe UB90

Zumindest für die Ultras gilt das ganz sicher nicht. Im Gegenteil: Die meisten Fanclubs und die „Ultra Boys 90“ sehen sich nun in ihrer Kritik bestätigt. Sie wehren sich seit über zwei Jahren gegen das Geschäftsmodell des „Multi-Club-Ownership“ (frz: „multipropriété“). Es erlaubt internationalen Konsortien, mehrere Klubs zu besitzen, um mit ihnen Geld zu verdienen.

Wenn Chelsea mit dem Finger schnippt

„Seit zweieinhalb Jahren haben wir – zusammen mit anderen – versucht, vor dieser Entwicklung zu warnen“, schreibt die Fanvereinigung „Fédération des Supporters du Racing Club de Strasbourg“. Im Juni 2023 erwarb die Firma BlueCo für angeblich 75 Millionen Euro Racing. BlueCo gehört der amerikanischen Private-Equity-Gesellschaft Clearlake – und Chelsea-Boss Todd Boehly.

14 Spieler sind seit 2023 hin- und hergewechselt, im kommenden Sommer wird Kapitän Emanuel Emegha nach London ziehen. Und wenn Chelsea mit dem Finger schnippt, scheint es, haben die Elsässer keinerlei Handhabe, auf einen bestehenden Vertrag zu pochen.

Doch bisher war das der Mehrheit der Fans nicht annährend so wichtig wie den organisierten Supportern. Schließlich legitimierte der sportliche Erfolg die neuen Machtverhältnisse: Kein Ligue-1-Klub hat im Sommer so viel Geld investiert wie die Elsässer, die 100 Millionen Euro springen ließen und in der Europa League spielen.

Und das mit einer blutjungen, spielstarken Mannschaft, die auf einem viel höheren Niveau Fußball spielt als noch vor drei, vier Jahren. Zuletzt wurden die Proteste der Ultras von weiten Teilen der anderen Zuschauer gar mit Pfiffen bedacht. „Es wäre interessant zu sehen, wie die Leute reagieren, wenn wir gegen den Abstieg spielen würden“, sagt ein UB90-Sprecher nicht ohne Verbitterung. „Aber wir sind Siebter. Da heiligt der Zweck offenbar die Mittel.“

Ob das die Mehrheit der Racing-Fans immer noch so sieht, wird man beim nächsten Heimspiel sehen, das am 18. Januar gegen den Erzrivalen Metz stattfindet. Spätestens dann dürfte sich zeigen, wie der Weggang des Trainers aufgefasst wird. Als Beweis, dass die organisierten Fans recht haben, wenn sie wie die Fédération von einem „weiteren demütigenden Schritt in der Unterwerfung von Racing“ sprechen. Oder es wird als branchenübliche Angelegenheit abgehakt, weil ein Champions-League-Klub eben doch renommierter (und finanzkräftiger) ist als Racing. Genau so hat jedenfalls Rosenior argumentiert: „Ich habe mein ganzes Leben dafür gearbeitet, einen Weltklasse-Klub zu coachen.“

Wie es bei Racing weitergeht, ist offen. Präsident Marc Keller soll bis zuletzt versucht haben, Roseniors Weggang zu verhindern. Mit dem zuletzt vereinslosen Gary O’Neil präsentierte er zumindest schnell einen Nachfolger.

Die „Fédération“ sieht sich allerdings in ihrer Sichtweise bestätigt, dass Keller seit der von ihm selbst geförderten Machtübernahme von BlueCo nur noch ein Strohmann ist – und fordert seinen Rücktritt. „Jede weitere Verrenkung von Marc Keller, jede weitere Minute an der Spitze des Klubs ist eine Beleidigung der großartigen Arbeit, die vor 2023 geleistet wurde.“

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