Psychologe über Euthanasie in Hamburg: „Sie wussten, was sie taten“

taz: Herr Wunder, wie stark war Hamburg an den Euthanasieverbrechen beteiligt?

Michael Wunder: Das Besondere an Hamburg ist, dass man lange behauptet hat: Bei uns, in der weltoffenen Hansestadt, war alles nicht so schlimm. Deshalb fiel es wohl schwer, bestimmte historische Zusammenhänge zu erforschen und sich öffentlich dazu zu bekennen. Was die Euthanasiegeschichte betrifft, ist ihre Aufarbeitung in Alsterdorf, der damals größten Hamburger „Heil- und Pflegeanstalt“ für Menschen mit Behinderung, im Vergleich zu anderen Regionen relativ früh erfolgt: Anfang der 1980er Jahre. Aber auch das war 40 Jahre nach den Verbrechen natürlich viel zu spät.

Im Interview: Michael Wunder

Michael Wunder, Jahrgang 1952, Psychologe, hat über Euthanasie promoviert und leitete bis zur Pensionierung das Beratungszentrum der Evangelischen Stiftung Alsterdorf. Er ist Mitglied der Akademie für Ethik in der Medizin und Wissenschaftlicher Beirat der Erinnerungs-, Bildungs- und Begegnungsstätte Alt Rehse.

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taz: Inwiefern war Hamburg Vorreiter der Euthanasie?

Wunder: Hamburg war in der NS-Zeit ein „Mustergau“: eine gerade in der Sozial- und Gesundheitspolitik gut durchorganisierte Stadt mit einer schon früh rassistisch und sozialhygienisch orientierten Politik. Dazu gehörte die rabiate Erfassung von Opfergruppen. Hamburg beschleunigte die Verfolgung der rassistisch Unerwünschten zudem durch die Einführung der Kategorie des „moralischen Schwachsinns“ für die Zwangssterilisation. Auf diese Weise wurden neue Opfergruppen definiert, etwa Prostituierte und alleinerziehende Frauen, die weiter Kinder bekamen. Diese Methoden sind dann schnell auch reichsweit angewandt worden.

taz: Was ist konkret in Alsterdorf passiert?

Wunder: Alsterdorf war führend an der Erfassung von Menschen mit Behinderung oder psychischer Erkrankung beteiligt. Stammbäume ganzer Familien, im NS-Jargon „erbkranker Sippen“, wurden in einer „Erbgesundheitskartei“ erfasst und an die Gesundheitsämter gemeldet. Alsterdorfer Ärzte haben in den Erbgesundheitsgerichten mitgearbeitet, also beurteilt, wer zwangssterilisiert wurde. Außerdem herrschte in Alsterdorf ein rigoroser Antisemitismus: Schon 1938 wurden vorauseilend 26 jüdische Insassen der Anstalt verwiesen.

Die Anstaltsleitung behauptete, man könne die Gemeinnützigkeit verlieren, wenn man sie gemeinsam mit „arischen“ Patienten versorgte. Diese Patienten gehörten 1940 zu dem ersten Abtransport Hamburger Opfer ins Gas. Die jüdischen Patienten waren die ersten Hamburger Euthanasie- und gleichzeitig Holocaustopfer. Und dann natürlich die Alsterdorfer Mittäterschaft an der Euthanasie in allen Phasen. 630 Menschen mit Behinderung wurden aus Alsterdorf abtransportiert, 513 wurden nachweislich ermordet. Zu den Meldebögen verfasste man übrigens ein Exkulpierungsmemorandum.

taz: Was stand darin?

Wunder: Die Anstaltsleitung beteuerte, man melde diese Menschen nur, weil der Staat es verlange. Man lehne jede Verantwortung ab, wenn die Daten, die offiziell der planwirtschaftlichen Erfassung dienten, für andere Zwecke verwendet würden. Unsere Nachforschungen haben jedoch ergeben, dass dieses Memorandum wahrscheinlich nicht mit dem Meldebogen mitgeschickt wurde, sondern nach wie vor in Alsterdorf liegt. Daher weiß man nicht, ob dieser angebliche Protest, der in den Nachkriegsprozessen eine große Rolle spielte, wirklich stattfand. Insgesamt sind aus Hamburg bislang 4.800 Euthanasieopfer bekannt.

taz: Weiß man von Protesten der Ärzte und Pflegenden?

Wunder: Aus Alsterdorf gibt es die Geschichte, dass Pflegerinnen mit „ihren Kindern“, wie sie es nannten, an die Alster flohen, damit die Häscher aus den Bussen sie nicht kriegten. Die Geschichte hat sicherlich einen gewissen Wahrheitswert, aber das waren Einzelaktionen. Nach dem Krieg haben sowohl die damalige Alsterdorfer Oberin als auch die Schwesternschaft gesagt: Wir wussten von nichts. In den 2000ern ist dann der Brief einer Schwester an die Oberin von 1947 aufgetaucht. Sie schreibt, dass sie der Oberin 1943 ein von den Alliierten abgeworfenes Flugblatt mit Fakten zur Euthanasie gegeben habe. Das war der unfreiwillige Beleg, dass alle Schwestern Bescheid wussten. Sie begleiteten die Patienten zu den berüchtigten grauen Deportationsbussen, und sie wussten, was sie taten.

taz: Wie verlief die Aufarbeitung in Alsterdorf?

Wunder: Die Evangelische Stiftung Alsterdorf, wie die damaligen Alsterdorfer Anstalten heute heißen, hat sich lange mit Händen und Füßen gegen die Geschichtsaufarbeitung gewehrt. Ende der 1970er Jahre hat Staatsanwalt Dietrich Kuhlbrodt angefangen, gegen den ehemaligen Leiter von Alsterdorf, Pastor Friedrich Lensch, sowie den ehemaligen Oberarzt Gerhard Kreyenberg zu ermitteln.

taz: Auf welcher Basis?

Wunder: Der als geistig behindert abgestempelte Albert Huth hatte ein Tagebuch über die NS-Zeit geschrieben und Mitte der 1970er Jahre der Staatsanwaltschaft zugeschickt. Die leitende Psychiaterin der Anstalt sagte daraufhin öffentlich: „Albert Huth ist ein Psychopath, und der konfabuliert in seine Erinnerungslücken.“ Und der leitende Pastor behauptete, Huth wolle sich durch unglaubwürdige Geschichten interessant machen.

taz: Aber der Staatsanwalt nahm das Tagebuch ernst.

Wunder: Ja, Kuhlbrodt begann zu ermitteln. Als er zur Akteneinsicht nach Alsterdorf kam, sagte man ihm, alles sei verbrannt. Beim nächsten Besuch hieß es, ein Wasserschaden habe die Akten vernichtet. Schließlich fand Kuhlbrodt sie durch Zufall in einem Schrank. Er sagte dann in einem Interview der Zeit, dass die Aussagen in Huths Tagebuch seinen Ermittlungen entsprachen. Diese unglaubliche Geschichte hat auch mich dazu gebracht, die Euthanasie in Alsterdorf zu erforschen, was anfangs als Nestbeschmutzung galt. Erst 1984, nach einem Vorstandswechsel, wurde ich offiziell mit der Aufarbeitung der Geschichte betraut.

taz: Wurden die Täter nach dem Krieg belangt?

Wunder: Kuhlbrodt erstellte eine Anklageschrift gegen Pastor Lensch, Oberarzt Kreyenberg und den Verwaltungsbeamten Kurt Struve. Alle drei Verfahren wurden aber eingestellt. Lensch leitete bis 1976 ein Pfarramt, Kreyenberg betrieb eine Praxis, Struve machte Karriere in der SPD. Auch die Euthanasieärzte und -ärztinnen der Kinderfachabteilungen Rothenburgsort und Langenhorn sowie der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn kamen davon.

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