Spitzentanz mit Russlandkontakten: Mein lieber Schwan!

Vor dem Theater des Westens stehen sich ein Dutzend ältere Damen in der Kälte die Füße platt. Noch über eine Stunde bis zum „Schwanensee“ und die Türen sind noch geschlossen. Reklame für das Gastspiel des Royal Classical Ballet gibt es am Theater keine, dafür aber online.

Eventim vertreibt die Karten, Ticketpreis im Theater des Westens zwischen 50 und 80 Euro. Noch bis 9. März tourt die Compagnie durch Deutschland: Nach Berlin folgt fast jeden Tag ein Auftritt, 30 Vorstellungen sind es von Hamburg bis Augsburg und Köln.

Städte wie Sindelfingen oder Göppingen vermieten ihre Stadthalle ans Royal Classical Ballet. In Leipzig tanzt man im Gewandhaus, in Nürnberg in der Meistersingerhalle. In Bonn allerdings formierte sich Anfang Januar vor der Beethovenhalle Protest gegen einen Auftritt des Grand Classic Ballet.

Organisiert hatte den die Initiative Osteuropaforum Bonn. Ihr Vorwurf: Tänzer und Tänzerinnen des russischen Staatsballetts treten in Deutschland unter dem Namen Grand Classic Ballet auf. In einem Brief an die Stadt Bonn fordert die Initiative Lokalpolitik und Verwaltung auf, „nachzuhaken, ob in der Beethovenhalle ethische Kriterien erfüllt worden sind oder ob nicht Sanktionen umgangen und damit die Öffentlichkeit getäuscht wurde“.

Seit dem Überfall auf Tour

Das Grand Classic Ballet und das Royal Classical Ballet sind Geschwisterensembles. Als Veranstalter firmiert für beide das Berliner Unternehmen Agenda Production, ein Geflecht aus mehreren GmbHs. Gegenüber der taz weist dessen Management entschieden zurück, etwas mit dem „staatlichen Russischen Ballett Moskau“ zu tun zu haben. Das tourte, in Deutschland von Agenda Production betreut, bis zum Überfall auf die Ukraine durch Europa. Seither tauchen Kompagnien auf, die unter diversen Variationen als Classic, Royal Classic oder Classical Ballet firmieren.

Sogar die Bezeichnung „Ukrainian Classic Ballet“ hatte die Agenda Production International zwischenzeitlich im Portfolio. Doch dagegen hatte sich die ukrainische Nationaloper Kiew verwahrt. „Ich bin selbst in Odessa geboren und 1972 ist meine Familie aus der Sowjetunion nach Israel ausgewandert“, sagt Rimma Wachsmann Beniashvili, Geschäftsführerin zweier der Agenda-Gesellschaften und Producerin der Shows der taz. „Ich bin gegen den Krieg und alle meine Tänzerinnen und Tänzer sind es auch“, beteuert sie. „Wir wollen einfach nur klassisches Ballett machen.“

Zwar seien tatsächlich einige So­lis­t*in­nen im Bolschoi und im russischen Nationalballett aufgetreten. Gerade Ivan Zviagintsev, der Siegfried im Schwanensee hat sie alle durch, unter Radchenko und Gordeev. Aber das sei eben Vergangenheit. „Das ist der einzige Kontakt mit dem Moskauer Staatsballett“, so Wachsmann Beniashvili.

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Ich bin gegen den Krieg und alle meine Tänzerinnen und Tänzer sind es auch

Rimma Wachsmann Beniashvili, Geschäftsführerin

Eine im Juni 2022 geschaffene russische Homepage, die auch über die aktuelle Deutschlandtournee der Royal-Classical-Truppe informiert, lässt daran zweifeln: Als „Administration“ aufgeführt sind dort Wachsmann Beniashvili als Producerin – und neben ihr als General Director niemand geringeres als Ljudmila Titova. Titova ist eine sehr bekannte Primaballerina – und eben auch Generaldirektorin des russischen Staatsballetts Moskau.

Eine ganze Reihe SolistInnen scheint auf beiden Seiten der Grenze aktiv zu sein. Dazu passt, dass beim Veranstaltungskalender des Staatlichen Russischen Balletts Moskau in den ersten Monaten des Jahres gähnende Leere herrscht. Die Kalender des Royal Classical Ballet sind zur selben Zeit pickepackevoll.

Die Organisation Für Frieden und Solidarität mit der Ukraine hatte angesichts des Berlinauftritts Transparenz eingefordert. „Warum wird die Herkunft der Ballettgruppe durch den Veranstalter nicht transparent gemacht, um potenziellen Gästen die Entscheidung zu lassen, ob sie die Russische Föderation mit ihrem Ticket finanzieren und durch ihren Veranstaltungsbesuch russische Propaganda unterstützen wollen?“, heißt es auf ihrem Flugblatt.

Bei der Verschleierung der russischen Kriegsverbrechen spiele „der staatlich gelenkte Kulturbetrieb der Russischen Föderation mit seinen Gastspielen im Ausland eine wichtige Rolle“. Nicht in Vergessenheit geraten sollte darüber, dass auch in die Gegenrichtung problematische Ballettdiplomatie stattgefunden hat.

Vor knapp zwei Jahren hatte John Neumeier dem Bolschoi erlaubt, seine „Anna Karenina“ wieder aufzunehmen, natürlich nur, um ein Nachdenken über Freiheit anzustoßen. Unter der musikalischen Leitung von Putins Leibdirigent Waleri Abissalowitsch Gergijew dürfte das nicht geglückt sein.

  • informationsspiegel

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