Nach Zyklon Harry in Italien: Ein zweitrangiges Klimadesaster

N och vor ein paar Tagen konnte Letojanni, ein kleines Nest an der Ostküste Siziliens unweit von Taormina, mit einer malerischen Strandpromenade aufwerten: oben die Straße, auf der im Sommer Tausende Tou­ris­t:in­nen flanieren; ein paar Meter weiter unten der lange Sandstrand mit seinen Lidos, Restaurants, Kiosken.

Doch dann kam, vom 20. Januar an, der Zyklon Harry. Er schlug zu wie eine gewaltige Abrissbirne, mit tagelang nicht endendem Regen, vor allem aber mit Winden von über 130 km/h, mit unaufhörlich anbrandenden Wellenbergen von bis zu acht Meter Höhe. Und Harry leistete ganze Arbeit. Am Ende war der Strand ebenso weg wie die Straße, deren Asphaltstücke bizarr zusammengefaltet waren, als seien sie aus Pappmaschee, und wie aus Pappe wirkten auch die völlig zerlegten Restaurants.

Solche Bilder gab es allerdings nicht nur aus Letojanni zu sehen. Der Zyklon zog eine 100 Kilometer lange Spur der Verwüstung an der Ostküste Siziliens von Messina über Catania bis nach Syrakus, und er schlug auch an der Küste des Ionischen Meers in Kalabrien ebenso wie in Sardinien zu.

Die am Meer entlanglaufenden Eisenbahnlinien sowohl Kalabriens als auch Siziliens sind unterbrochen, an diversen Orten schweben die Gleise in der Luft, da das Meer den tragenden Damm unter ihnen weggerissen hatte. Weggerissen fanden sich auch Straßen ebenso wie jene Häuser, die zum Meer hin in der ersten Reihe standen.

„Noch nie“ Vergleichbares erlebt

Jetzt machen sich die Regionalregierungen an eine erste Schadensbilanz, rund eine Milliarde Euro in Sizilien, 500 Millionen in Kalabrien, 500 Millionen auch in Sardinien. Doch Italien wirkt merkwürdig zerstreut angesichts des Desasters. In den Medien war es ein zweitrangiges Thema, abgehandelt irgendwo auf den hinteren Seiten der wichtigsten Zeitungen wie dem Corriere della Sera oder La Repubblica.

Dabei sagen die Experten, Süditalien habe gerade den schlimmsten Wintersturm seit Beginn dieses Jahrhunderts erlebt, sprechen gerade alte Menschen immer wieder den Satz in die TV-Kamera, „noch nie“ hätten sie Vergleichbares erlebt.

Und dabei liegt der Zusammenhang mit der Klimakrise völlig auf der Hand. So führt der Meteorologe Mattia Gussoni aus, nicht die Winterstürme an sich seien das Problem – die habe es immer schon gegeben. Neu jedoch sei ihre Gewalt – und die liege schlicht an der deutlichen Erwärmung des Mittelmeers, das Harry eine früher ungeahnte Energie verliehen habe.

Da wäre jetzt eigentlich eine breite Diskussion fällig: Was muss Italien tun, um der neuen Bedrohungslage Herr zu werden? Welche Strandpromenaden sind überhaupt noch in der bisherigen Form aufrechtzuerhalten? Was muss mit den Eisenbahnlinien, den Straßen geschehen, die direkt an der Küste verlaufen? Doch so gut wie niemand in Italien führt diese Diskussion.

Ausgerechnet der Zivilschutzminister Nello Musumeci sprach es bei einem Besuch im sizilianischen Katastrophengebiet aus: „In ein paar Tagen werden wir das vergessen haben. Und dies ist leider eine kulturelle Schranke, die wir Italiener generell haben.“ Seine Regierung allerdings denkt ihrerseits nicht daran, über die notwendigen Anpassungen der Infrastrukturen zu reden.

Nicht mal ein nationales Thema

Doch nicht nur die Diskussion fällt aus, auch die Information lässt sehr zu wünschen übrig. Harry schaffte es einfach nicht, zum nationalen Thema zu werden und sich wenigstens einen kleinen Platz neben Grönland oder Davos zu erkämpfen. Das Web-Portal Gazzetta Jonica aus Messina beschwert sich denn auch mit bitteren Worten über „das vergessene Sizilien“.

Dabei markiert der Zyklon einen radikalen Wandel: Italien befindet sich auf dem Weg vom mediterranen zum subtropischen Klima, zu dem neben überheißen, überlangen Sommern auch heftigere Regenfälle, zerstörerische Stürme gehören.

Das überrascht nicht wirklich in einem Land, dessen Rechtsregierung unter der Postfaschistin Giorgia Meloni zu ökologischen Fragen vor allem einfällt, es gelte „gegen den Green-Irrsinn aus Brüssel“ Front zu machen.

Mangelnden Platz jedenfalls können die Medien nicht geltend machen. Nach dem Tod des Modemachers Valentino gab es in der letzten Woche Seiten um Seiten in den Tageszeitungen, prominent platzierte Berichte in den TV-Nachrichten aller Kanäle. Und der linke Intellektuelle Christian Raimo ätzt auf seiner Facebook-Seite: „Wer wirklich wissen will, was in der Welt geschieht: Donatella Versace war auf Valentinos Beerdigung in Rot gekleidet.“

  • informationsspiegel

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