Spielfilmdebüt „Little Trouble Girls“: Alle Sinne auf Empfang gestellt

Wer die Jugend als goldene Zeit in Erinnerung hält, hat wahrscheinlich zu lange nicht mehr in einem Schulbus gesessen. Schon vor Abfahrt kann hier allein die Platzwahl Hierarchien zementieren und Anlass zu Magenschmerzen geben. Letzteres bleibt Lucija erspart, als sie sich mit dem Mädchenchor ihrer katholischen Schule auf den Weg zu drei Tagen Probe in ein norditalienisches Kloster macht. Die Gespräche in der Clique, mit der die Sechzehnjährige kürzlich angebandelt hat, gehen dafür noch auf der Fahrt ans Eingemachte.

„Seit wann hast du deine Periode?“, fragt Ana Maria sie unverblümt. Das Mädchen gibt in der Gruppe den Ton an, weil sie die reifste ist oder es am besten beherrscht, so zu tun. Lucija, die Protagonistin in Urška Djukić’ Spielfilm „Little Trouble Girls“, ist schüchterner, unerfahrener und fasziniert von Ana Maria. Anders als man es von der speziellen Dynamik in so einem Schulbus erwarten könnte, antwortet sie ehrlich: Sie hat ihre Menstruation noch gar nicht bekommen.

Ob sie sich als eher streng erzogenes Mädchen verpflichtet fühlt, brav die Wahrheit zu sagen, oder keinen Drang verspürt, sich für etwas school credibility einen Zyklus anzudichten, ob vielleicht beides zutrifft? Die Regisseurin überlässt das wie vieles in diesem auffallend sicher inszenierten Debüt der Interpretation.

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Der Film

„Little Trouble Girls“. Regie: Urška Djukić. Mit Jara Sofija Ostan, Mina Švajger u.a. Slowenien/Italien/Kroatien/Serbien 2025, 89 Min.

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Eindeutiger ist, auf welches Terrain die Slowenin ihre Protagonistin mit dieser Reise schickt. Durch das Busfenster sieht Lucija einen Mann am Flussufer stehen. Er ist nackt, ihr Blick bleibt hängen und er guckt zurück. Blankes foreshadowing. Allerdings verfolgt die Handlung dann einen sehr eigenen Weg, vom sexuellen Erwachen dieses Mädchens zu erzählen.

Ja, Djukić setzt eine Gruppe Schülerinnen fernab von zu Hause und unter den Augen der Jungfrau Maria in einem Kloster aus, wo sie auf Nonnen und schwitzende Bauarbeiter treffen. Was sie daraus macht, ist dann erstaunlich frei von Nonnen- wie Bauarbeiterklischees und handelt weniger von Sex als von Sinnlichkeit.

Mehr Fragen als Urteile

Für Lucija wird es darum gehen, die Welt und sich selbst nicht mehr nur durch die Brille ihrer Erziehung wahrzunehmen, sondern einen eigenen Blick zu wagen. Klingt leichter, als es ist. Sind die Glaubenssätze, mit denen man aufgewachsen ist, katholisch aufgeladen und will man zudem gern Freundschaften knüpfen, wird es noch etwas komplizierter. Und doch wirkt „Little Trouble Girls“, als wäre man im grimmigen Winter von einer sommerlichen Brise gestreift worden, die kurz Entspannung verschafft.

Djukić hat Lucija mit der Laiendarstellerin Jara Sofija Ostan besetzt, deren untertouriges Spiel über weite Teile sehr gut zu dem zurückhaltenden Mädchen passt, das mehr Fragen als Urteile im Gepäck hat. (Gegen Ende wird diese Art zu spielen der Entwicklung ihrer Figur leider weniger gerecht.) Es ist kein Zufall, dass ihr Ohr das Erste ist, was man von ihr sieht. Als Mensch, der alles beobachtet und nur das Nötigste sagt, nimmt sie umso mehr von ihrer Umgebung wahr.

Schon in der Anfangssequenz wirken die Themen und kohärente Ästhetik des Films gekonnt zusammen: Es ist die Chorprobe, in der Lucija und Ana Maria sich das erste Mal begegnen, und Lucijas Sinne sind voll auf Empfang gestellt. Sie guckt das fremde Mädchen nicht nur an, sie studiert es. Hört nicht nur den Bibeltext, der vorgelesen wird, sondern bemerkt das Summen der Fliege auf dem Kronleuchter. Wie Haarsträhnen um Finger gewickelt und heimlich SMS getippt werden.

Es passiert viel zu selten, dass die Tonebene im Film die gleiche Zuwendung erfährt wie das Bild. Unter den vielen Preisen, die „Little Trouble Girls“ bisher gewonnen hat, galt immerhin einer dem Sounddesign. Überdeutlich hört man die Mädchen beim Warmsingen atmen, hauchen, lautmalen. Woran dieser Klang noch erinnert, ist ihnen vielleicht nicht bewusst.

Körperlicher Umgang der Mädchen untereinander

Es braucht die Figur der Ana Maria, um das Bewusstsein der Protagonistin dahingehend zu erweitern und die Handlung voranzutreiben. Das klingt sehr technisch, gestaltet sich aber weitaus interessanter, als hätte Lucija geradewegs Bekanntschaft mit dem Badenden vom Flussufer gemacht. Die Beziehung zwischen den Mädchen ist komplex. Auch ist nicht ganz klar, ob die Anziehung zwischen ihnen nur freundschaftlicher Art ist. Ana Maria erklärt ihr, woran man spürt, ob man sich von jemandem angezogen fühlt. In einem intimen Moment zeigt sie ihr, wie ein richtiger Kuss sich anfühlen könnte.

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Ob ihr Verhältnis queer ist, wie es über den Film, der bei der Berlinale 2025 die Nebenreihe „Perspectives“ eröffnete, öfter hieß, ist vielleicht gar nicht so wichtig. Es kann ebenso Ausdruck davon sein, dass der Umgang unter Mädchen körperlich oft unbefangener ist als bei gleichaltrigen Jungen. Sich nahe zu kommen, wird nicht gleich als Nachweis der sexuellen Orientierung gehandelt.

Die Szenen zwischen den Schülerinnen erzählen in jedem Fall Schönes und Schmerzhaftes davon, wie komplex Mädchenfreundschaften sein können. Obwohl Ana Maria ein ambivalenter Charakter ist: Nachhaltig gestört wird die Beziehung der beiden erst vom vernichtenden Umgang des Chorleiters, dem sich Lucija in ihrer Verwirrung anvertraut. Auch bei seiner Rolle überzeugt die Besetzung.

Bis hin zu den Nonnen nimmt die Regisseurin ihre Figuren ernst. Als Lucija eine von ihnen geradeheraus fragt, ob ihr das Zölibat zu schaffen mache, antwortet die Frau unbefangener, als es die übrigen Erwachsenen in dieser Geschichte bei dem Thema zustande gebracht hätten. Mit gesellschaftlich-kirchlichen Erwartungen sind die Schülerinnen sicher bestens vertraut. Hier lässt Djukić sie zur Abwechslung einmal Begegnungen mit Spiritualität machen.

Aufkeimendes körperliches Verlangen

Was ihr weniger gelingt, ist, starke Bilder für Lucijas inneres Erleben zu finden. Sich öffnende Blüten aller Arten sind hübsch anzusehen, wirken aber etwas uninspiriert, wenn es darum geht, das aufkeimende körperliche Verlangen einer Heranwachsenden zu illustrieren. Andererseits: Der halbdokumentarische Kurzfilm „Granny’s Sexual Life“, mit dem Urška Djukić bekannt wurde, erzählt von sexuellem Missbrauch in der Ehe. Will man da an ein paar Rosen herummäkeln, die sich gelassen und ohne Zwang selbst öffnen?

Auch sei hier kurz an die Entjungferungskomödie „American Pie“ erinnert, die in den Neunzigern womöglich auch aufgrund des mangelnden Angebots zum Thema ein Hit wurde. Der Film war vorrangig aus der Perspektive selbstverständlich heterosexueller männlicher Teenager erzählt, die selbstverständlich mit Mädchen oder Frauen schlafen wollten.

Dennoch war es für junge Zu­schaue­r:in­nen quasi unmöglich, dabei etwas Aufschlussreiches über weibliche Sexualität zu erfahren. Wenn überhaupt, dann vom imaginierten Sexleben (hemmungslos) osteuropäischer (Land egal) Austauschschülerinnen. Frauen oder Mädchen, die sich ihrer Lust selbst annehmen, wie man es in „Little Trouble Girls“ sieht? Das wird im Kino erst langsam, wenn auch mehr und mehr gewöhnlich.

Für diesen Beitrag zu einer reicheren Filmlandschaft möchte man Djukić auch das etwas verworrene, überstürzte Ende verzeihen, das die Protagonistin recht plump aus der Handlung entlässt. Dass sie Lucija heißt, die Erleuchtete, lässt immerhin Gutes hoffen. Vielleicht endet diese Reise für sie mit der Erkenntnis, dass irdische und geistige Freuden sich nicht ausschließen müssen.

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