Reggae-Drummer Sly Dunbar ist gestorben: Der große Nachdoppler

Drums und Bass bilden das Fundament des Dub, es ist die Rhythmussektion, die den Signatursound kreiert, mit dem dann am Mischpult und diversen Effektgeräten radikal experimentiert wird. Dub verhält sich also zu Reggae wie modaler Jazz zum Bebop. „Ein Weg, die harmonische Songstruktur zu zerlegen, um Platz für freiere Improvisationen zu schaffen.“ So definiert der US-Ethnomusikologe Michael E. Veal die erweiterte Klangpalette von Dubreggae.

Ein zentraler Akteur dieser um 1970 einsetzenden musikalischen Zäsur war der jamaikanische Drummer Lowell „Sly“ Dunbar. Geboren 1952 in Kingston, spielte er schon als Teenager in Ska- und Rocksteady-Bands. Sein Rhythmusgefühl bildete er am Radio aus, wo er den Soulsongs von Booker T. & the MGs und dem „Phillysoul“ genannten Studiosound des US-Produzentengespanns Gamble & Huff sehr genau zuhörte und seine eigenen Schlüsse daraus zog: „Wir sind mit dem Soulsound frei umgegangen“, formulierte es Sly Dunbar.

Reggaedrums leben von der verschleppten Bassdrum und der Snare, die gleichzeitig mit ihr gespielt wird, um den Wumms zu erhöhen. Sly Dunbar perfektionierte das sogenannte „Double Drumming“, er behielt das Phillysoul-Tempo, aber spielte es mit doppelten Rimshots (Schlägen auf den Blechrahmen der Snare). Der Song „Right Time“ von den Mighty Diamonds (1972) highlightet seinen Stil. Dunbar ist der pfeilgerade Antreiber, dessen funky Doubledrumming die Knie stante pede erweicht.

Ausgeschlafen und cool

Anfang der 1970er gründet Sly Dunbar mit dem Keyboarder Ansell Collins die Band Skin, Flesh & Bones. Damals werden die Kingstoner Studios Channel One und Black Arc und ihre Produzenten (die Brüder Jo Jo und Ernest Hookim und Lee „Scratch“ Perry) auf den Drummer aufmerksam. Er gehört bald zum rotierenden Personal der wechselnden Backingbands, das für diverse Sän­ge­r:In­nen bei Plattenaufnahmen verpflichtet wird. Und so taucht sein Name etwa auf Songs von Junior Murvin („Police and Thieves“), Junior Byles („Fade Away“), oder George Faith („Midnight Hour“) auf. Längst zu Klassikern avanciert.

Bei einer Session im Channel One Studio trifft er 1972 auf den Bassisten Robbie Shakespeare. „Vorher war er schon gut, aber noch nicht cool. Das kam erst durch Robbie. Die Vibes von Sly und Robbie waren der reine Wahnsinn. Die beiden haben mit ihrem staubtrockenen Sound Kingston über Jahre regiert. Alle haben ihren Stil kopiert.“ Sagt der Sänger Junior Delgado im Oral-History-Buch „Bass Culture“ von Lloyd Bradley. Der Autor beschreibt Sly Dunbar als „laid back“, ausgeschlafen. Aber wehe, er sitzt an der Schießbude.

Wurde Reggae in der westlichen Popkultur zunächst von den (leichter vermarktbaren) Sängern wie Bob Marley und Jimmy Cliff geprägt, waren Sly und Robbie die ersten musikalischen Botschafter, die das Rhythmuskonzept abseits von Jamaika auch in anderen Genres zur Geltung brachten: Ohne die beiden hätte Grace Jones nicht Mitte der 1970er von New York aus zu ihrer Disco-Diva-Karriere abheben können.

Auch Bob Dylan spielte mit Sly & Robbie

Wer jemals die Hüften zu „Padlock“ von Gwen Guthrie geschwungen hat, weiß, dass Disco erst durch Dub alle Facetten seiner flamboyanten Persönlichkeit kennenlernen konnte. Auch hier sind Sly und Robbie federführend am Werk. Ab Ende der 1970er veredeln sie als vertrauenswürdige Studiomucker unzählige (Pop-)Alben, oft wurden sie etwa für Sessions im Compass Studio in Nassau auf den Bahamas verpflichtet. Auch Nobelpreisträger Bob Dylan spielte mit ihnen zusammen Alben ein.

Noch etwas zeichnet Sly und Robbie aus: Spürnasigkeit im ökonomischen Handling. Um 1980 gründet das Duo mit Taxi Records ein eigenes Label, sicherte sich fortan das Publishing an allen Songs und schaffte mit der Studioband Taxi Gang zudem den Übergang ins digitale Zeitalter.

Alle kennen den Dancehall-Killersong „Murder She Wrote“ von Chaka Demus & Pliers: der unwiderstehliche Beat stammt von Sly Dunbar, er konnte die Drums auch programmieren. Am Montag ist er im Alter von 73 Jahren auf Jamaika gestorben. Sein Beat läuft weiter.

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