Sicherheitsgipfel der Bahn: Bodycams, mehr Freiheiten und Schulungen fürs Personal

Die Deutsche Bahn will allen Beschäftigten mit Kundenkontakt Bodycams zur Verfügung stellen, sofern diese das wollen. Das hat Bahnchefin Evelyn Palla am Freitag nach einem Sicherheitsgipfel des Unternehmens mit Vertretern aus Bundes- und Landespolitik angekündigt. Damit reagiert das Unternehmen auf den Angriff eines Fahrgastes ohne Ticket auf einen Zugbegleiter, der später durch seine Verletzungen starb.

Eine Bodycam ist eine kleine Videokamera, die sich an der Kleidung von Einsatzkräften wie etwa von der Polizei befestigen lässt. Die dient zur Beweissicherung, aber auch zum Schutz der Tragenden vor Übergriffen. Zugbegleiter sollen sie in Zukunft auch für eine Tonaufzeichnung nutzen können, die bisher aus Datenschutzgründen verboten ist. Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) will die Aufnahmen rechtlich ermöglichen.

Bahnchefin Palla verurteilte den Angriff auf ihren Mitarbeiter nach dem Gipfel erneut. „Das war ein schockierender Höhepunkt der Gewalt“, sagte sie. Allein im vergangenen Jahr habe es über 3.000 Angriffe auf Beschäftigte der Bahn gegeben. Mit einem Aktionsplan für mehr Sicherheit auf der Schiene wollen die Beteiligten nun für mehr Schutz der Beschäftigten, aber auch für mehr Sicherheit an den Bahnhöfen sorgen.

Neben dem Zugang zu Bodycams für das Zugpersonal sind weitere Schritte geplant. Im Regionalverkehr soll zudem ab dem 1. März die verpflichtende Ausweiskontrolle entfallen. Kontrolleure dürfen dann nach eigenem Ermessen auf die Frage nach Ausweisen verzichten, wenn eine Situation dadurch eskalieren könnte. „Prävention geht vor Reaktion“, stellte Palla klar.

Zweier-Besetzung scheitert am Geld

Flächendeckende Zweierteams bei den Kontrollen wird es nicht geben. Diese von Seiten der Gewerkschaften erhobene Forderung sei finanziell nicht darstellbar, bedauerte Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU). Allerdings sollen die Einsätze der Zugbegleiter flexibler gehandhabt werden, zum Beispiel durch Kontrollen schon auf den Bahnsteigen oder in besonders stark frequentierten Zeiten. Dann sollen die Beschäftigten zu zweit unterwegs sein.

Derzeit beschäftigt die Bahn rund 4.000 Servicekräfte, zu denen die Kontrolleure gehören. Palla kündigte die Einstellung von 200 weiteren Leuten an. Zum Aktionsplan gehört zudem, die Schutzausrüstungen zu verbessern, den Beschäftigten mit einem Notfallknopf schnelle Alarmmeldungen zu ermöglichen und in zusätzlichen Schulungen Deeskalationstechniken zu vermitteln.

Weitere Schulungen werden gemeinsam mit der Bundespolizei durchgeführt. In sogenannten Sicherheits-Werkstätten arbeitet das Zugpersonal mit den erfahrenen Bundespolizisten typische Vorkommnisse aus der alltäglichen Praxis auf. Auch Videoaufzeichnungen in Zügen und Bahnhöfen sollen verstärkt für Sicherheit sorgen, indem sie zum Beispiel KI-gestützt Gefahren frühzeitig erkennen.

Debatte um Strafbarkeit von Fahren ohne Ticket

„Ich bin zuversichtlich, dass wir auf Grundlage des Aktionsplans schnell Verbesserungen auf den Weg bringen können“, sagt Schnieder. Der Minister räumt allerdings auch ein, dass die Prävention einen längeren Atem braucht, zum Beispiel wenn es um zusätzliche finanzielle Mittel für einen besseren Schutz der Beschäftigten geht.

Dem Verband der Verkehrsunternehmen (VDV) geht der Aktionsplan noch nicht weit genug. Der VDV fordert, das Fahren ohne Ticket als Straftatbestand zu erhalten. Davon erhofft sich der Verband einen besseren Schutz der Kontrolleure. Grüne, Linke und zahlreiche Organisationen fordern hingegen immer wieder, dass das Fahren ohne Ticket von einem Straftatbestand in eine Ordnungswidrigkeit umgewandelt wird. Damit soll vor allem verhindert werden, dass arme Menschen dafür ins Gefängnis kommen, wenn sie Geldstrafen nicht bezahlen konnten.

Zusätzliches Geld ist für die Länder ein wesentlicher Hebel für die Sicherheit im Zug. Sie bestellen bei den Bahnen den Nahverkehr und müssen ihn auch bezahlen. Dafür erhalten sie vom Bund Regionalisierungsmittel. Sie könnten in den Ausschreibungen beispielsweise Doppelbesetzungen für alle Züge verlangen. Aber das ist ihnen derzeit zu teuer.

Ein gesellschaftliches Problem

Den Verkehrsverbünden machen ohnehin schon stark ansteigende Kosten für Personal und Energie zu schaffen. Laut Bernreiter fehlen den Unternehmen bis zum Ende des Jahrzehnts 40 Milliarden Euro an Regionalisierungsmitteln.

Die Beteiligten sehen in der wachsenden Zahl der Übergriffe ein gesellschaftliches Problem. Neu ist das allerdings nicht. Seit einem Jahrzehnt beklagen die Bahngewerkschaften immer mehr tätliche Angriffe gegen die Beschäftigten – geschehen ist bisher kaum etwas.

  • informationsspiegel

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