Neues Album von Jill Scott: Poetisch und streetsmart

In der Religion der westafrikanischen Yoruba gilt Ashé als göttliches Naturprinzip. Ashé steht für Schaffen und Wandel, genauso wie für die Fähigkeit, Leben zu geben und zu nehmen. Ashé besitzen alle Wesen und Dinge, aber Kunst und Musik sind besonders Ausdruck dieser Kraft. Dass Jill Scott ein Stück ihres neuen Albums „Àṣẹ“ nennt, passt zur Aura der 53-jährigen US-R&B-Sängerin – zum einen, weil ihr Werk fest in der Schwarzen diasporischen Musiktradition verankert ist. Zum anderen, weil ihre Musik selbst von einer tiefen Kraft durchströmt wird.

Mit Sängerinnen wie India.Arie und N’Dambi gehört Jill Scott zur zweiten Generation der Neo-Soul-Bewegung. Geboren und aufgewachsen in Philadelphia schrieb Scott schon als Teenagerin Gedichte. Bei einer Lesung wurde Questlove, Schlagzeuger der US-HipHop Band The Roots, auf sie aufmerksam. Zusammen mit der Gruppe entwickelte sie das Lied „You Got Me“, das 1999 zum Hit avancierte. Ursprünglich sang Scott den Refrain ein, doch die Plattenfirma verlangte nach einer bekannteren Sängerin, weshalb dann Erykah Badu für diesen Part verpflichtet wurde.

Ihr Debütalbum „Who Is Jill Scott? (Words and Sounds Vol. 1)“ erschien 2000 und enthielt Singles wie „The Way“ und „A Long Walk“. Ihre teilweise gesprochenen wie mit ihrer vollen Sopranstimme gesungenen Texte enthalten Beobachtungen aus dem Leben über Beziehungen, drehen sich um Selbstakzeptanz genauso wie um gutes Essen und Spaß am Sex.

Weitere Alben folgten. Darüber hinaus hat Scott auch als Schauspielerin gearbeitet. So verkörperte sie etwa die Ermittlerin Precious Ramotswe in der BBC/HBO TV-Krimiserie „Eine Detektivin für Botswana“ (2008/09), nach der literarischen Vorlage von Alexander McCall Smith.

Nach einer Pause von elf Jahren hat Jill Scott mit „To Whom It May Concern“ nun ihr sechstes Soloalbum veröffentlicht. Neben langjährigen Mit­strei­te­r:in­nen wie Anthony Bell, mit dem Scott bereits für ihre Hymne „Golden“ (2004) zusammengearbeitet hat, konnte Jill Scott mit DJ Premier eine HipHop-Legende als Beatschmied verpflichten. Posaunist Trombone Shorty aus New Orleans lieferte erhabene Bläserarrangements. Produzent Om’Mas Keith wiederum sorgte für Eleganz und Geschmeidigkeit.

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Das Album

Jill Scott: „To Whom It May Concern“ (Blue Babe Records/Human Re-Sources/The Orchard)

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Enorme stilistische Bandbreite

Diese Fülle an geschultem Personal verleiht „To Whom It May Concern“ enorme stilistische Bandbreite. Trotzdem klingt das Werk wie aus einem Guss und auf der Höhe der Zeit. „A Universe“ mit seinen warmen Harmonien vom Fender-Rhodes E-Piano und Spoken-Word-Einlagen greift den klassischen Neo-Soul-Sound auf, der heute als doppeltes Retro daherkommt. Eine gute Dosis Go-Go-Funk gibt es in „Liftin’ Me Up“. In den Club geht es mit der House-Nummer „Right Here Right Now“.

An eine Jazzballade aus den 1940er-Jahren ist „Pay U on Thursday“ angelehnt. Hier rechnet Scott mit unzuverlässigen Männern ab, die keine Verantwortung übernehmen wollen. Auch sonst spricht Scott in ihren Songs Klartext. In „Don’t Play“ fordert sie Abwechslung und Sensibilität im Liebesleben. Wie häufig verpackt die Musikerin ihre direkten Botschaften in Humor, wenn sie ihrem Partner ins Gesicht sagt, dass er kein Presslufthammer und sie kein Straßenbelag sei.

Gesellschaftskritik gibt es in „BPOTY“. Über einem Afro-Beat-Groove verbindet Scott die Mechanismen von Medikamentensucht mit sexueller Abhängigkeit und Ausbeutung. Hierfür hat sie sich mit dem kalifornischen Rapper und Pornofilmproduzenten Too $hort einen ausgewiesenen Pimp-Experten eingeladen. Ihrer Familie und ihren Vorgängerinnen von Nina Simone bis Tina Turner huldigt Jill Scott in „Offdaback“.

Eine Hommage an die US-Dichterin Nikki Giovanni (1943–2024) ist der Song „Ode to Nikki“. Giovanni hatte mit ihrem Blick auf Situationen des Alltags auch den poetischen und streetsmarten Stil von Jill Scott geprägt. Das Highlight von Scotts neuem Soloalbum ist „Norf Side“. Mit der ebenfalls aus Philadelphia stammenden Rapperin und Verkleidungskünstlerin Tierra Whack haben sich hier zwei Gleichgesinnte gefunden, die Wortakrobatik genauso zu schätzen wissen wie eine gehörige Portion Albernheit.

Jill Scott ist eine gewiefte und hingebungsvolle Performerin, die auf der Bühne ihren bekannten Stücken immer wieder überraschende Wendungen verleiht. Das ließ sich erst vergangene Woche wieder erleben, als sie in der Reihe der Tiny Desk Concerts des US-Senders NPR aufgetreten ist. Anlässlich ihres neuen Albums steht deshalb zu hoffen, dass es Jilly from Philly endlich auch mal wieder auf die Bühnen Europas schaffen wird. Besser lässt sich Ashé kaum vermitteln.

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