Norwegens Prinz vor Gericht: Die zwei Gesichter des Marius Borg Høiby

Er konnte „schwarz in den Augen“ werden, sagt die Zeugin über den Angeklagten. Zuvor hatte sie von ihrem ersten Date erzählt, einem Motorradausflug, und wie verliebt sie danach gewesen sei. Es ist der zwölfte von 28 Verhandlungstagen in einem der am meisten beachteten Strafprozesse, die Norwegen je erlebt hat.

Angeklagt ist Marius Borg Høiby, Erstgeborener von Kronprinzessin Mette-Marit. Am Freitag ging es in Oslo um den Vorwurf der häuslichen Gewalt gegen seine Ex-Freundin Nora Haukland. „Misshandlung in nahen Beziehungen“ heißt der Tatbestand in Norwegen.

Høiby soll ihr gegenüber immer wieder gewalttätig geworden sein, sie bedroht, beschimpft und Gegenstände in ihrer gemeinsamen Wohnung zerstört haben. Die Taten sollen sich laut Anklage zwischen Sommer 2022 und Herbst 2023 ereignet haben.

Angeklagt in 38 Punkten

Es ist einer von insgesamt 38 Anklagepunkten und nicht der einzige, bei dem Høiby bestreitet, sich im strafrechtlichen Sinne schuldig gemacht zu haben. Es ist aber der einzige, bei dem das mutmaßliche Opfer namentlich bekannt ist – und mehr als das. Haukland war in Norwegen als Model, Influencerin und Reality-TV-Teilnehmerin bekannt, bevor sie über eine gemeinsame Freundin den Sohn der Kronprinzessin kennenlernte.

Nicht zum ersten Mal gab es nun vor Gericht tiefe Einblicke in etwas, das bis vor wenigen Jahrzehnten noch als Privatsache gegolten hätte. Wie eine Gesellschaft ihre Wahrnehmung verändert hat und das zutiefst Persönliche nicht mehr als rechtlosen Raum akzeptiert: Auch das ist hier zu erleben.

Der Paragraf zu Misshandlung in nahen Beziehungen gelte nicht nur für einzelne Gewaltereignisse, betonte Staatsanwalt Sturla Henriksbø laut dem norwegischen Rundfunk NRK. Gewalt und Misshandlung in Form von Drohungen und anderen psychischen Verletzungen hätten dazu geführt, dass das Opfer in einem von Unsicherheit geprägten „Regime“ gelebt habe, sagte Henriksbø demnach. Høiby soll Haukland unter anderem dazu gedrängt haben, Arbeitsaufträge abzusagen.

Junger Mann mit zwei Gesichtern

Haukland sagte im Zeugenstand, sie habe das Gefühl, ihr Ex-Freund habe zwei Gesichter. Das eine sehr lieb und charmant, und dann habe er noch eines, dass sehr bestimmt und wütend sei. Harter Griff, anderer Gang, beschrieb sie es laut NRK-Reportern im Gerichtssaal. Er breite sich aus. Dann würde er eben „schwarz in den Augen“, wütend und aggressiv.

Die Anklage nennt eine Situation als Beispiel, in der er gedroht habe, die Tür der Wohnung einzutreten, in der sich Haukland zu dem Zeitpunkt aufhielt, wenn sie sie nicht öffne. Er war demnach wütend, nachdem eine Bekannte auf Instagram ein Bild von ihr gepostet hatte, auf dem ein Tütchen Kokain in ihrer Hand zu sehen sei – sein Kokain, wie er und Haukland später übereinstimmend gesagt hatten.

Sex, Drogen und Alkohol

Auch davon handelt dieser Prozess: ein Leben im Rausch, also mit Alkohol, Drogen und viel Sex. Der Angeklagte hatte es in seiner eigenen Aussage vor Gericht hervorgehoben als Folge seines extremen Bestätigungsbedürfnisses – das wiederum entstanden sei, weil er als niemand bekannt sei außer als Sohn der Kronprinzessin. Mangels offizieller Rolle in der Königsfamilie, deren Anhang er als Kleinkind durch die Hochzeit seiner Mutter mit Kronprinz Haakon wurde, erfand die norwegische Presse den Titel „Bonusprinz“ für ihn. 

Er habe sie immer wieder beschimpft, sagte nun Nora Haukland vor Gericht. Es konnte „verdammte Fotze“ oder „verdammte Hure“ sein. Schimpfwörter, hässliche Dinge. „Immer etwas in dem Jargon.“ Er sei vor allem wütend geworden, wenn er selbst etwas „Dummes“ gemacht habe. Ihn zu konfrontieren, habe sie vermieden.

In Momenten aber, wo sie gesehen habe, dass er nur Hass in sich hatte, wollte sie ihn mit viel Liebe beruhigen. So sei sie aufgewachsen: mit der Überzeugung, dass Liebe schwerer wiege als Hass. Manchmal habe es funktioniert, manchmal nicht. „Es fühlte sich an, als ob du einen Pitbull vor dir hast“, erklärte sie.

Belastungsproben für das norwegische Königshaus

Die schwersten Vorwürfe gegen den 29-jährigen Høiby sind vier Fälle von Vergewaltigungen im Schlaf, also von Frauen, die nicht in der Lage waren, sich gegen sexuelle Handlungen an ihnen zu wehren. Vor den Taten soll er mit den Opfern einvernehmlichen Sex gehabt haben. Im ersten der verhandelten Fälle sagte der Angeklagte unter Hinweis auf den eigenen Rauschzustand nach einer durchfeierten Nacht, er könne sich nicht an den ihm vorgeworfenen Moment – den er selbst gefilmt hat – erinnern.

Die seit seiner ersten Festnahme 2024 immer zahlreicher und schwerer wiegenden Vorwürfe gegen Marius Borg Høiby waren eigentlich schon genug der Belastungsprobe für das im Grunde sehr beliebte norwegische Königshaus.

Seit Ende Januar steht aber nicht mehr nur der Sohn, sondern auch die Mutter im Skandal-Fokus der Öffentlichkeit, seit aus den Epstein-Files ihr sehr vertrautes Verhältnis zu dem 2019 in Haft zu Tode gekommenen Sexualverbrecher Jeffrey Epstein für alle ersichtlich wurde. Ob und welche Folgen die Ereignisse langfristig für die Königsfamilie haben werden, ist noch nicht ausgemacht.

  • informationsspiegel

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