Beziehung statt Statusbericht: Catch-up-Culture? Ohne mich

L iebste Freundin, vor Kurzem fragtest du mich: „Bald mal wieder Bock auf einen Kaffee?“ Und ich muss sagen: Nein. Nicht, weil ich dich nicht sehen will. Aber ich weiß genau, wie dieses Treffen ablaufen wird. Beim Cappuccino frage ich: „Wie geht’s dir?“ Du erzählst, ich höre zu, nicke – Seitenwechsel: „Und bei dir so?“ Schon ist die Stunde vorbei und der nächste Termin ruft. Ist das noch Freundschaft?

Für dieses Phänomen hat das Internet längst einen Namen gefunden: „Catch-up-Culture“. Anstatt das Leben gemeinsam zu erleben, erzählen wir uns nur noch gegenseitig davon. Wieder ein Update abgeschlossen, wieder eine Freundschaft am Leben gehalten. Freundschaften fühlen sich plötzlich wie Arbeit an, wie ein weiteres To-do, das abgehakt werden muss.

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Das Phänomen heißt Catch-up-Culture – plötzlich fühlen sich Freundschaften wie Arbeit an, wie ein weiteres To-do

Das ist kein Zufall. Im Kapitalismus wird das Individuelle überhöht, während das Kollektive an Bedeutung verliert. Alle drehen sich am liebsten um sich selbst. Die eigenen Pläne und Bedürfnisse sind wichtiger als die der anderen. Getrieben von der Taktung unseres Alltags, versuchen wir sogar, Freundschaft effizient zu gestalten. So bleibt uns gerade noch Zeit für ein Heißgetränk – und das auch nur einmal im Monat.

Aber ich war nicht dabei, als du entschieden hast, deinen Job zu kündigen. Du hast mich auch nicht angerufen, als du gezweifelt hast, ob Zusammenziehen wirklich das Richtige für dich ist. Ich bekomme immer nur die Zusammenfassung, wenn die Krise überwunden ist. Ich stehe an der Seitenlinie deines Lebens und schaue zu. So fühlt es sich an.

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wochentaz

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Aber ist nicht echte Verbundenheit das, was eine Freundschaft ausmacht? In den Höhen die Freude zu teilen, in den Tiefen füreinander da zu sein? Gerade hierin liegt doch das Potenzial von Freundschaft. Schon unser aller Lieblingsphilosoph Aristoteles verstand unter Freundschaft eine Verbindung, die keinem Selbstzweck dient.

Komm, wir kochen was Schönes

So weit ist es bei uns zum Glück noch nicht, aber ich will auch nicht mit dir befreundet sein, um im Schnelldurchlauf von deinen letzten paar Wochen berichtet zu bekommen. Sondern, weil ich deine Art mag und weil ich schätze, wie du denkst. Ich will nicht dein Publikum sein, sondern deine Kumpanin. Ich will nicht nur von deinem Leben hören, ich will es mit dir erleben.

Früher hat sich das alles irgendwie leichter angefühlt. Nach der Schule haben wir uns einfach getroffen. Mehr Plan gab es nicht. Wir haben uns Geschichten ausgedacht, über Serien diskutiert oder mit großem schauspielerischen Talent Videos gedreht. Als du deinen Führerschein bestanden hast, haben wir zusammen die erste Runde gedreht. Du hast meinen Mutti-Zettel unterschrieben, damit wir uns auf Partys schmuggeln konnten.

Schon klar, jetzt haben wir mehr Verpflichtungen. Aber ich will unsere Freundschaft nicht in dieses Leistungskorsett aus Terminen quetschen. Daher schlage ich mehr Mut zur Spontanität vor. Lass uns gemeinsam aus dem Planbaren ausbrechen! Es muss ja gar nicht aufwändig sein. Stell dir vor, das nächste Mal, wenn du in meiner Gegend bist, klingelst du einfach und kommst hoch. Ganz ohne, dass wir das vor sechs Wochen festgelegt haben. Vielleicht putze ich ja gerade die Wohnung und du hilfst mir. Gut, da wäre vielleicht doch ein wenig Selbstzweck dabei …

Oder ich komme zu dir und wir verkochen unsere Reste. Dabei kommt bestimmt etwas Feines heraus. Wir könnten auch zusammen einkaufen gehen oder du begleitest mich zum Zahnarzt. Der ist sowieso bei dir um die Ecke, und dann bin ich weniger nervös. Liebste Freundin, lass uns unseren Alltag teilen, nicht bloß einen Kaffee.

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