Politik auf der 76. Berlinale: Leitung ohne Haltung

D ie Berlinale gilt als politisches Festival. Das aktuelle Programm bestätigt das. Unter den 276 Filmen aus 80 Ländern dieses Jahr gab es viele mit Bildern und Geschichten zu diversen politischen Themen. Laut Intendantin Tricia Tuttle spricht das Festival in vielen Stimmen und schafft so „Raum für Komplexität, Zuhören und dafür, den anderen menschlich zu machen“, wie sie in der Abschlussgala am Samstag sagte.

Einen menschlichen Ansatz bietet der Film „Gelbe Briefe“ von İlker Çatak, für den der Regisseur verdient den Goldenen Bären bekam. Sein Drama um ein Künstlerpaar an einem Theater in Ankara, das wegen eines unbotmäßigen Stücks Arbeit und Wohnung verliert, geht mit scharfem Blick für kleinste Verschiebungen der Frage nach, wie sich unterdrückte Meinungsfreiheit in autoritären Staaten auf das Private auswirkt.

Çatak appellierte in seiner Dankesrede zu Recht daran, gegen die gemeinsamen Feinde zu kämpfen, die „Autokraten“, „Faschisten“ und „Nihilisten“. Wobei man Çatak nicht darin folgen muss, dass er im Film suggeriert, die freie Meinung sei in Deutschland ähnlich gefährdet wie in der Türkei.

Die Berlinale sah sich diesmal überzogen mit Kritik und unwahren Vorwürfen, das Festival übe Zensur aus, lasse Solidarität mit Palästina vermissen. Dagegen sprechen die vielen Filme und Premieren, in denen genau das geschah. Bis hin zu dem in Deutschland nach dem 7. Oktober 2023 verbotenen Slogan „From the River to the Sea“, der im libanesischen Dokumentarfilm „The Day of Wrath: Tales from Tripoli“ von Rania Rafei in einer Szene an einer Mauer prangt.

Eine Grenze überschritt der palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib, der für „Chronicles From the Siege“ den Preis für das beste Spielfilmdebüt erhielt. Er warf in seiner Rede der Regierung Deutschlands vor, „Partner des Völkermords im Gazastreifen“ zu sein, und kündigte an: „Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war und der geschwiegen hat.“

Das ist keine kontroverse Rede. Es ist eine Drohung. Der zuvor anwesende Umweltminister Carsten Schneider verließ aus Protest den Saal. Dass die Intendantin der Berlinale, Tricia Tuttle, selbst nicht widersprach, ist ein moralisches Versagen.

  • informationsspiegel

    Related Posts

    Musikfestival Out.Fest in Portugal: Stottern, scheuern und dröhnen
    • October 8, 2026

    Ortsbesuch in der portugiesischen Industriestadt Barreiro, wo das experimentelle Musikfestival Out.Fest stattfindet. Inklusion trägt hier zum utopischen Sound bei. mehr…

    Weiterlesen
    Spazierengehen üben: Schlendern wie am Schnürchen
    • October 8, 2026

    Der Spaziergang sollte kein schnelles Weglaufen sein. Es gibt viel zu entdecken. Der Vorsatz des Monats: weiterlaufen, nur nicht zu flott. mehr…

    Weiterlesen

    Nicht verpassen

    Musikfestival Out.Fest in Portugal: Stottern, scheuern und dröhnen

    • 9 views
    Musikfestival Out.Fest in Portugal: Stottern, scheuern und dröhnen

    Spazierengehen üben: Schlendern wie am Schnürchen

    • 8 views
    Spazierengehen üben: Schlendern wie am Schnürchen

    Anklage gegen Polizisten: Frankfurter Polizist soll Mann in Gewahrsam gedemütigt haben

    • 8 views
    Anklage gegen Polizisten: Frankfurter Polizist soll Mann in Gewahrsam gedemütigt haben

    Kampf für Bildungsgerechtigkeit: Keine Gelder mehr für Bildung von Zugewanderten

    • 9 views
    Kampf für Bildungsgerechtigkeit: Keine Gelder mehr für Bildung von Zugewanderten

    Maulkorb für Forschungspolitiker: Galoppierende Geheimhaltung

    • 6 views
    Maulkorb für Forschungspolitiker: Galoppierende Geheimhaltung

    Datenschutzbeauftragter Hennemann: „Digitale Souveränität ist wichtig“

    • 7 views
    Datenschutzbeauftragter Hennemann: „Digitale Souveränität ist wichtig“