
Die verheerende Situation der Zivilbevölkerung in Sudans Westregion Darfur droht sich weiter zu verschlimmern. Die Regierung des Nachbarlandes Tschad hat die Grenze zu Sudan und damit den wichtigsten Versorgungsweg für internationale humanitäre Hilfe in Darfur geschlossen.
„Bis auf Weiteres“, erklärte Tschads Regierung am Montag in der Hauptstadt N’Djamena, sei jeglicher grenzüberschreitende Waren- und Personenverkehr „suspendiert“. Es bestehe lediglich noch die Möglichkeit, aus humanitären Gründen Sondergenehmigungen zu beantragen. Die Grenzschließung folge auf „wiederholte Inkursionen und Übergriffe durch Sudans Konfliktparteien auf tschadisches Staatsgebiet“.
Tschad ist eines der am stärksten von Sudans Krieg betroffenen Länder, da es an Darfur grenzt und zahlreiche Volksgruppen beiderseits der Grenze leben. In Darfur hat der seit April 2023 tobende Krieg zwischen der Staats- und Armeeführung unter General Abdel Fattah al-Burhan und der in den Aufstand getretenen paramilitärischen Miliz RSF (Rapid Support Forces) von General Mohammed Daglo Hametti am meisten Opfer gefordert. Fast eine Million Menschen sind seit Kriegsausbruch nach Tschad geflohen.
Tschad diente jahrelang nach UN-Untersuchungen als wichtiges Transitland für den militärischen Nachschub der RSF unter anderem aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Seit die Miliz aber in Darfur gezielt gegen die Ethnie der Zaghawa vorgeht, der auch Tschads Präsident Mahamat Déby angehört, haben sich die Beziehungen abgekühlt.
Vormarsch der RSF-Miliz in Darfur
Mehrere bewaffnete Rebellengruppen in Darfur, die historisch gute Beziehungen zu Tschads Militär unterhalten, kämpfen mittlerweile in Sudan auf Regierungsseite gegen die RSF. Den sogenannten Joint Forces aus Sudans Armee und Darfur-Rebellen ist es allerdings nicht gelungen, den Vormarsch der Miliz aufzuhalten.
Die RSF hat seit 2023 alle fünf Provinzhauptstädte Darfurs unter Kontrolle gebracht. Die letzte, Nord-Darfurs Hauptstadt El Fasher, fiel Ende Oktober 2025 nach zweijähriger Belagerung. Mutmaßlich mehrere Zehntausend Menschen wurden dabei getötet. Tschad vermeldet seitdem rund 26.500 Neuankömmlinge aus Sudan, etwa 10.000 davon in Tiné
Hilfswerke schlagen längst Alarm: Die Versorgung auf beiden Seiten der Grenze reicht bei Weitem nicht. In Sudan gewähren weder RSF noch Armee humanitären Hilfswerken Bewegungsfreiheit. Tschad – das Land Afrikas mit dem größten Flüchtlingsanteil an seiner Bevölkerung – ist chronisch unterversorgt. Über 200.000 Sudan-Flüchtlinge warten auf der tschadischen Seite der Grenze auf Weitertransport in sichere und versorgte Flüchtingslager.
Erst im Januar lobte das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR, dass Tschad trotz all seiner eigenen Probleme die Grenze zu Sudan offenhalte und Schutzsuchende ins Land lasse. Damit ist nun wohl Schluss. Adré, der wichtigste Grenzübergang zwischen Tschad und Darfur, ist bereits vom Rest Sudans abgeschnitten. Nun hat die RSF auch den zweitwichtigsten Grenzübergang Tiné weiter nördlich eingekreist. Am Samstagabend vermeldete sie die „totale Kontrolle der strategischen Stadt Tina“, wie Tiné auf sudanesischer Seite heißt. Die „Joint Forces“ seien geflohen. Letztere haben das dementiert, die genaue Situation blieb am Montag unklar.
Drohnen auf Zivilisten
Die Kämpfe sind Teil einer Offensive der RSF, um die letzten noch nicht eroberten Teile Darfurs unter Kontrolle zu bringen sowie Nachschubrouten zu sichern. Viele Opfer von Drohnenangriffen landen auf der tschadischen Seite der Grenze im Krankenhaus von Tiné. Seit Oktober seien dort 1.000 Sudanesen behandelt worden, berichtete Anfang Februar das Krankenhauspersonal.
Das UNHCR vermeldet seit Jahresbeginn eine deutliche Zunahme der Zahl von Vertriebenen bei Tiné/Tina. Am 9. Februar sprach das UNHCR von einem „Muster von RSF-Drohnenaktivität in der Grenzregion“. Eine Woche später vermeldete das UNHCR, ein Drohnenangriff habe am 13. Februar zwei Eltern und ein Baby auf einem Motorrad auf dem Weg über die Grenze nach Tiné getroffen und beide Erwachsenen getötet. Sudans Armee greife ihrerseits weiter südlich RSF-Gebiet mit Drohnen an. „Diese Vorfälle unterstreichen das wachsende Risiko, dass Sudans Konflikt auf Tschad übergreift“, so der UNHCR-Bericht.
Die Situation im Grenzgebiet verschlechtere sich, warnte „Team Zamzam“, ein aus den aufgelösten ehemaligen Flüchtlingslagern von El Fasher geflohenes Helferteam, in einem am Sonntag verbreiteten neuen Bericht aus Tina. „Große Zahlen von Vertriebenenfamilien leben in überfüllten Behausungen mit sehr begrenztem Zugang zu sauberem Wasser, Sanitäreinrichtungen, Lebensmitteln und medizinischer Versorgung“. Wiederholte Angriffe hätten „eine Atmosphäre der Angst“ erzeugt.
Tschads Armee ist ebenfalls betroffen. Ende Dezember starben zwei tschadische Soldaten bei einem RSF-Drohnenangriff nahe Tiné. Mitte Januar töteten RSF-Kämpfer bei Tiné sieben tschadische Soldaten. Tschads Armee verurteilte am 16. Januar den Angriff und wies zugleich darauf hin, dass Sudans Regierungsarmee ihrerseits „multiple Luftraumverletzungen“ in Tschad begehe und mit „Propagandabotschaften“ innertschadische Konflikte anheize. Jeder erneuten „Aggression“ oder „Provokation“ werde man „unverzüglich, entschlossen und unbarmherzig“ entgegentreten. Fünf Wochen später setzt die Grenzschließung nun ein Zeichen.






