Prozess um Anschlagspläne in Bremerhaven: Ein Dschihadist, der kein Muslim ist

Vincent B. zittert, während die Anklage gegen ihn verlesen wird. Man sieht ihm an, wie jung er ist. Er ist 19 Jahre alt, blass, hager, das schwarze Hemd hat er in eine schwarze Hose gesteckt. Seit ihm die vermummten und scharf bewaffneten Justizmitarbeiter die Handschellen abgenommen haben, knetet er einen grünen Stressball.

Die Vorwürfe gegen ihn sind groß: Im Sommer 2025 soll er in Bremerhaven gemeinsam mit seinem 35-jährigen Onkel Felix B. einen Sprengstoffanschlag geplant haben. „Eine schwere staatsgefährdende Straftat“, heißt es in der Anklageschrift.

Auf den Zu­schaue­r*in­nen­bän­ken des Bremer Landgerichts sitzen ausschließlich junge Menschen, fast nur Frauen. „Vincent!“, ruft eine von ihnen. Vincent B. blickt kurz auf: „Ach, hey!“ Sein Anwalt beantragt, dass die Verhandlung unter Ausschuss der Öffentlichkeit geführt wird, wegen des psychisch labilen Zustands des Angeklagten.

Vincent B. ist Autist. Solange er sich erinnern kann, geht er zur Therapie. Er hat keinen Schulabschluss, ist schwerbehindert, hat Suizidgedanken. Er würde sich lieber umbringen, als in den Knast zu gehen, das betont er mehrfach. Dem Antrag wird nicht stattgegeben: Das Interesse der Öffentlichkeit überwiege klar gegenüber jenem des Angeklagten, so das Gericht.

Möglichst viele Menschen töten

Aus den Chatverläufen zwischen ihm und seinem Onkel Felix B. gehe der Tatplan hervor, so trägt es der Staatsanwalt in seiner Anklage vor: Felix und Vincent B. wollten sich eine Sprengstoffweste bauen, nach einer Anleitung des „Al-Saqri Instituts für Militärwissenschaften, das der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) nahesteht. Vincent B. soll beabsichtigt haben, damit in ein nicht näher bestimmtes Gebäude, möglicherweise ein Krankenhaus, eventuell auch eine Synagoge, zu gehen und dort sich selbst und möglichst viele andere Menschen in die Luft sprengen.

Der Plan scheiterte. Zum einen, weil die Polizei früh genug davon erfahren hatte. Zum anderen, weil Vincent und Felix B. nicht genug Geld hatten, um alle für den Sprengstoff benötigten Chemikalien zu kaufen.

Seine Suizidgedanken reichten zurück in die Grundschulzeit, sagt Vincent B.. Er fühle sich nicht verstanden, weder von seiner Mutter noch von seiner Therapeutin. Die hätten ihn in die Psychiatrie stecken wollen, da habe er immer aufpassen müssen, was er sagt.

Aber sein Onkel Felix B., der verstehe ihn. Als er dreizehn war, habe dieser ihm Videos von Enthauptungen durch den IS gezeigt. Da habe es dann mit den Zwangsgedanken angefangen. „Ich wollte immer wissen, wie es sich anfühlt, Menschen umzubringen“, sagt er. Die Gedanken quälten ihn.

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Eigentlich habe er alles getan, was sein Onkel ihm vorschlägt, sagt der 19-jährige Angeklagte Vincent B.

Irgendwann habe er sich dann seinem Onkel anvertraut. Der soll ihm gesagt haben: „Da können wir etwas machen.“ Und: „Ich habe Zugang zu Waffen.“ Die Nachrichten im Chat seien echt, sagt Vincent B., aber die Pläne hätten sich eher wie ein Spiel, wie eine Fantasie angefühlt.

„Ich habe nur meine Meinung gesagt, was ich gerne mit solchen Menschen tun würde“, aber er hätte es niemals wirklich getan. Wobei doch, räumt er dann wenige Sekunden später ein: Eigentlich hätte er alles getan, was sein Onkel ihm vorschlägt.

Auf die Frage, wen er mit „solchen Menschen“ meint, antwortet Vincent B. nicht. Ob ihm zwischendurch Zweifel gekommen seien? „Nicht wirklich.“ Worum ging es ihm denn? „Um Suizid. Und ich wollte eben wissen, wie es ist, jemanden zu töten.“ Ob er sich auch mal mit den Folgen eines solchen Anschlags beschäftigt habe, der Grausamkeit, dem Leid? „Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht.“

Er wisse gar nicht, wie man betet, sagt der Angeklagte

Die Staatsanwaltschaft geht von einem dschihadistisch motivierten Anschlag aus. Vincent B. jedoch betont, dass Ideologie für ihn keine Rolle gespielt habe. Sein Onkel habe ihm aus dem Koran vorgelesen, eine „schöne Ablenkung“, da habe er sich glücklich gefühlt. Er esse kein Schweinefleisch mehr und er lese täglich im Koran, auch in der U-Haft, in der er seit fast einem halben Jahr 2025 sitzt. Aber er sei kein Muslim. Er wisse gar nicht, wie man betet. Um seinen Hals hängt eine Gebetskette.

Ob er denn – außer mit seinem Onkel – jemals mit einem gläubigen Muslim gesprochen habe? „Nein, nie.“ Der Aufbau des Sprengstoffgürtels wird erläutert, doch Vincent B. unterbricht: „Das stimmt so nicht.“ Wie es denn dann richtig sei? „Sag’ ich nicht.“

Vincent B. antwortet häufig direkt, ohne sich mit seinem Pflichtverteidiger abzusprechen. Nur manchmal zögert er, lässt sich die Frage von seinem Anwalt wiederholen, denkt nach. Als hinter ihm jemand niest, dreht er sich um: „Gesundheit.“

Vincent B. blickt immer wieder zu seinem Onkel, dem nur wenige Meter entfernt sitzendem Felix B., der seine Blicke nicht erwidert und den ganzen Prozesstag über schweigt. Felix B. soll zum Islam konvertiert sein, heißt es in der Anklage, gestützt auf eine Aussage seiner Mutter. Sie soll die ersten drei für den Sprengstoffgürtel erforderlichen Zutaten bestellt haben. In ihrem Keller hatten die beiden Angeklagten ihr Labor aufgebaut.

Als Vincent B. aufsteht, läuft eine junge Frau auf ihn zu, ein Justizmitarbeiter hält sie zurück. „Ich habe dir einen Brief geschrieben“, ruft sie. „Ich weiß, ich hab auch schon geantwortet“, sagt Vincent. Dann werden ihm die Handschellen angelegt und er wird hinausgeführt.

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