Designerin im Krieg: Muster, die Leben retten

„Ich würde mir sehr wünschen, meinen Mann jetzt neben mir zu haben“, sagt Wiktorija Hryschtschuk, „aber gleichzeitig bin ich auch froh, dass ich mich nicht in meiner Wahl getäuscht habe.“ Serhij, der Mann der 38-Jährigen hilft schon seit vier Jahren mit, das Land gegen die Invasoren zu verteidigen. Früher, vor dem Krieg, war Wiktorija Schuhdesignerin. Jetzt gestaltet sie Muster für Tarnnetze, in Remeniw, einem Dorf unweit ihrer Heimatstadt Lwiw. 900 Kilometer entfernt von der Front und 60 Kilometer von der polnischen Grenze.

Es sind chaotische Muster, damit feindliche Drohnen die Netze nicht erkennen. Muster, die das Leben von Soldaten retten. Ähnlich chaotisch sind Wiktorijas Gedanken. Sie, die die Leitung von Bildungsprojekten für junge Ukrainerinnen, die Erziehung zweier Kinder und ihre ehrenamtlichen Tätigkeiten unter einen Hut bringen muss, springt im Gespräch mit der taz von einem Thema zu anderen. „Der Krieg bestiehlt uns alle“, sagt sie. „Meine Karriere hätte völlig anders ausgesehen, wenn mir jemand mit den Kindern hätte helfen können. Und ich mal hätte beruflich reisen können.“

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Ich kenne keinen gütigeren, lieberen Menschen als Serhij. Er hat Mitleid mit jedem kleinen Tierchen und hilft allen

Wiktorija über ihren Mann

Die mechanischen Bewegungen beim Netzeflechten helfen ihr, ihre Gedanken zu sortieren und trotz der Abwesenheit ihres Mannes im seelischen Gleichgewicht zu bleiben. „Ich kenne keinen gütigeren, lieberen Menschen als Serhij. Er hat Mitleid mit jedem kleinen Tierchen und hilft allen“, sagt Wiktorija. Während des Gesprächs hat sie immer wieder Tränen in den Augen, selbst wenn sie lächelt.

Serhij, von Beruf Elektriker, hatte bis 2022 nie eine Waffe in der Hand. Jetzt bestückt und repariert er Drohnen an der Front. Zu Hause sind sowohl die Renovierungsarbeiten als auch sein Eheleben quasi zum Stillstand gekommen. „Unsere Beziehung war nie problemlos. Wir haben uns gestritten, beide hatten wir mit Verletzungen und Kränkungen zu kämpfen“, urteilt Wiktorija über ihre Ehe mit Serhij. „Aber wir haben gelernt, miteinander zu sprechen, uns nicht an Kleinigkeiten aufzureiben. Und hätten eigentlich ein glückliches Leben haben können. Darum tut es mir so leid, dass wir jetzt nicht zusammen sind“, sagt sie.

Liebe steckt im Detail

Seit vier Jahren ist Serhij jetzt nur noch wenige Wochen im Jahr zu Hause und mittlerweile am Rande der Erschöpfung: wenig Schlaf, das Leben an der Front, chronische Krankheiten, für deren Behandlung es aufgrund des ständigen Personalmangels in der Armee keine Ressourcen gibt.

Auf Distanz gewinnen Rituale besondere Bedeutung. Wiktorija beginnt jeden Tag mit einem „Guten Morgen“ im Messenger Signal. Wenn sie die zwei Häkchen sieht, die „gelesen“ bedeuten und Serhij einen Smiley schickt, ist sie glücklich – auch noch Stunden später. Neulich hat er nachts um eins übers Telefon Gitarre für sie gespielt – so wie vor fast 19 Jahren, als sie sich gerade kennengelernt hatten.

Liebe zeigt sich in Details, die nichts mit Romantik zu tun haben: Das beste Geschenk in diesem Winter sind nicht Blumen, sondern die Thermounterwäsche von der Armee, die Wiktorija jetzt auch zu Hause trägt. Das Puzzle jedoch, das Serhij seiner Tochter geschenkt hatte, war für ihr Alter noch zu schwer und zeigt: Die Zeit vergeht, und die Kinder werden nie wieder eine Kindheit haben, in der ihr Vater jeden Tag bei ihnen ist.

„Mein Mann weiß nicht, welche Puzzle unsere Tochter gerade macht. Er weiß nicht, welche Bücher sie mag, welche Spiele sie spielt, welche Kleidung sie liebt und wie ihre Spielkameraden heißen“, erzählt Wiktorija. Die siebenjährige Jasja braucht viel Körperkontakt, sehnt sich danach, dass ihr Vater sie in den Arm nimmt und lässt Serhij nicht aus den Augen, wenn er auf einem seiner seltenen Urlaube ist. Der 12-jährige Wlad kommt in die Pubertät und bräuchte Gespräche über die körperlichen Veränderungen.

Die größte Angst: Zorn

Wenn Serhij zu Hause ist, ist Wiktorija „Mediatorin“: Ihrem Mann erscheint jedes laute Geräusch als potenzielle Gefahr, er hat schlicht vergessen, dass es normal ist, wenn Kinder schreien und rennen. Und die Kinder verstehen nicht, warum ihr Vater so viel Ruhe braucht. Wiktorijas größte Angst ist, dass Serhij im Zorn abreist. „Wenn ihm irgendetwas zustößt, möchte ich nicht, dass das Letzte, woran sich die Kinder erinnern, ein Abschied im Streit war.“

Die Kinder wissen: Papa tut alles dafür, dass die Russen nicht bis zu ihnen nach Hause kommen – und das ist ein gefährlicher Job, erzählt Wiktorija und erwähnt eher beiläufig die „Kratzer“ von Splittern, die sich Serhij unter Beschuss zugezogen hat. Serhij versucht, die Zeit zu Hause optimal auszunutzen: „Ich habe zwei Monate lang erfolglos versucht, Jasja das Radfahren beizubringen. Serhij hat das an einem Tag geschafft“, erzählt Wiktorija.

Trotz ihrer Liebe zu ihrem Mann und ihrer ständigen Erwartungshaltung ärgert sie sich manchmal wegen alltäglicher Kleinigkeiten: „Aber durch den Austausch mit anderen Soldatenfrauen verstehe ich, dass das nicht bedeutet, dass mit mir irgendwas nicht in Ordnung ist“, sagt sie. Wiktorija glaubt nicht an ein schnelles Ende des Krieges. „Das optimistische Szenario wäre, dass meine Kinder, wenn sie erwachsen sind, in der ukrainischen Armee dienen würden. Denn das hieße, dass Russland uns nicht vernichten konnte.“

Zusammen mit anderen Soldatenfrauen setzt Wiktorija sich für geregelte Dienstzeiten ein – damit die Soldaten sich erholen können und spüren, dass die Gesellschaft sie schätzt. Aber wenn Serhij sich dem Kriegsdienst entzogen hätte, könnte ihn Wiktorija nicht mehr respektieren. Und sie glaubt, dass er selber auch keinen Respekt für sich hätte. „Es ist gerade schwierig für uns. Aber das ist nichts, wofür wir uns schämen müssten“, sagt sie.

Aus dem Ukrainischen von Gaby Coldewey

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