Rente mit 70 und Arbeitsbelastung: Ein Angriff auf den Körper

Jochen H. hat früher als Fotograf und Kameramann gearbeitet. Jetzt sitzt der 75-jährige Rentner drei Tage in der Woche am Empfang eines Einrichtungshauses in Berlin und klärt die Kun­d:in­nen darüber auf, wo man dort die Designersessel findet und wo die Toiletten. „Es ist ein ruhiger Job“, sagt er.

Seine frühere Tätigkeit mit der Schlepperei von Kameras und Lampen könne er schon seit vielen Jahren „auf keinen Fall mehr machen, das würde ich nicht mehr durchhalten“, erklärt H. „Eine Rente mit 70 schlagen nur Politiker vor, die von der Gesundheit, von der Lebenssituation der Alten keine Ahnung haben.“

Die Rentenkommission, die sogenannte „Alterssicherungskommission“ der Bundesregierung, will in Kürze wieder über die Zukunft der Rentenversicherung beraten. Auch die Rente mit 70 soll dabei ein Thema sein.

Viele gehen jetzt schon früher in Rente

Eine schrittweise Erhöhung des Renteneintrittsalters zur Stabilisierung der Rentenkasse ist schon länger im Gespräch. Martin Werding, Mitglied der Wirtschaftsweisen und Teil der Rentenkommission, schlägt vor, das Renteneintrittsalter an die Erhöhung der durchschnittlichen Lebenserwartung zu koppeln. Steige die Lebenserwartung, solle das Renteneintrittsalter dann alle zehn Jahre um ein halbes Jahr steigen. Manche Experten verweisen auf Dänemark, wo das Renteneintrittsalter ab dem Jahre 2040 schon 70 Jahre betragen wird.

Die Frage lautet: Wer würde dann überhaupt durchhalten bis zum Ruhestand? Die Probleme zeigen sich schon jetzt, im geltenden Recht, wo das Renteneintrittsalter steigt und im Jahre 2031 bei 67 Jahren liegen wird.

Laut der Statistik der Deutschen Rentenversicherung für das Jahr 2024 wechselten nur 40 Prozent der neuen Al­ters­rent­ne­r:in­nen zum gesetzlichen Eintrittsalter, das 2024 bei 66 Jahren lag, in den Ruhestand. 60 Prozent gingen früher. Sie nahmen zum Beispiel Abschläge in Kauf, die etwa für drei Jahre früheren Renteneintritt bis zum Lebensende fast 11 Prozent weniger Rente ausmachen. Oder sie wechselten ohne Abschläge früher in Rente, was aber nur möglich ist, wenn man 45 Jahre Berufstätigkeit hinter sich hat. Zehntausende bezogen vorzeitig die Altersrente für schwerbehinderte Menschen.

&#xE80F

In Bau- und Reinigungsberufen ist das Risiko der vorzeitigen Berufsunfähigkeit besonders hoch

Martin Brussig, Uni Duisburg-Essen

Zwar sind 21 Prozent der 65- bis 69-Jährigen noch erwerbstätig. Für die Mehrheit dieser Erwerbstätigen aber ist das Einkommen ein Hinzuverdienst neben der Rente. Knapp 10 Prozent der Rentenzugänge hätten direkt zuvor lange Phasen der Krankheit und Arbeitslosigkeit erlebt, berichtet der Altersübergangsforscher Martin Brussig vom Institut für Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen im Gespräch mit der taz.

Brussig sagt, dass es sich schon bei den relativ frühen Renteneintrittsaltern in Deutschland in der Vergangenheit nicht etwa um „Lifestyle-Vorruhestände“ gehandelt habe. „Wer nicht so lange arbeiten konnte, fiel damals nicht so auf, weil das Renteneintrittsalter niedriger lag“, sagt Brussig. „Doch jetzt, mit dem höheren gesetzlichen Renteneintrittsalter, werden die Unterschiede sichtbar.“ In den Bauberufen, in Verkehr und Logistik, in den Reinigungsberufen sei das Risiko der vorzeitigen Berufsunfähigkeit besonders hoch, berichtet Brussig.

Eine Studie der Stiftung Eurofound über die EU-Länder listete die Bedingungen dafür auf, wann Ältere überhaupt durchhalten bis zur Rente und wann nicht. Körperliche Beanspruchungen wie schweres Heben, ungünstige Arbeitshaltungen, Lärm, chemische Ausdünstungen und eine hohe Arbeitsgeschwindigkeit wie etwa auf dem Bau, in der Reinigungsbranche oder in der Pflege, erhöhen laut Studie das Risiko, früh schon aus dem Erwerbsleben auszuscheiden. Emotionale Belastungen wie etwa in den helfenden Berufen kommen dazu. Auch Schichtarbeit schlaucht. Ältere Frauen haben eine „schlechtere Jobqualität“ als ältere Männer, heißt es in der Studie.

Chance auf Erwerbsminderungsrente steht schlecht

Könnte man besonders belastete Berufsgruppen abgrenzen und dann beim Renteneintritt bevorzugen? Der Arbeitswissenschaftler Hans Martin Hasselhorn von der Universität Wuppertal vertrat diese Ansicht in der taz. Aber es gibt Gegenmeinungen.

Belastungen hängen auch von den einzelnen Arbeitsbedingungen ab, so die Studie von Eurofound. Kann man selbst im Job nicht über die Arbeitsmenge bestimmen und hat keinen Ermessensspielraum, hält man nicht so lange durch. Pfle­ge­r:in­nen und Pa­ket­zu­stel­le­r:in­nen etwa scheiden oftmals wegen chronischer Überforderung vorzeitig aus. Ist die individuelle Gesundheit ohnehin schon angeschlagen, wird es noch schwieriger.

Im Grunde seien „alle Berufe betroffen“, meint Brussig „es kommt ja nicht nur auf die Tätigkeit an, sondern auch auf den konkreten Arbeitsplatz und die Belastbarkeit der Menschen. Es mag Lehrer geben, die mit 68 noch an ihrer Schule unterrichten können, wo die Belastbarkeit und das Umfeld stimmen. Aber die kann man doch nicht als Kronzeugen dafür nehmen, dass nun alle Lehrer und Lehrerinnen mit Ende 60 noch arbeiten können.“

Schaffen es Menschen nicht bis zum Renteneintrittsalter, können sie derzeit eine Erwerbsminderungsrente beantragen. Doch damit gibt es empfindliche Abschläge bei der Rente im Alter und die Kriterien der Erwerbsminderungsrente sind eng: Wer zwar nicht mehr in seinem Beruf arbeiten kann, aber noch als Portier oder Wachmann einen leichten Job ausüben könnte, jedenfalls theoretisch, der bekommt die Erwerbsminderungsrente nicht, auch wenn sie oder er gesundheitlich angeschlagen ist. Etwa die Hälfte der Anträge auf eine solche Rente werden abgelehnt. Rund 171.000 Menschen gingen im Jahre 2024 erstmals in eine Erwerbsminderungsrente.

Eine Möglichkeit bestünde darin, die Kriterien für diese Rente abzuwandeln. Brussig schlägt vor, über „individuelle medizinische Gutachten eine Berufsunfähigkeit festzustellen und damit frühere Renteneintritte zu ermöglichen“. Dann würde es ausreichen, im bisherigen Beruf nicht mehr aus gesundheitlichen Gründen arbeiten zu können, um vor dem gesetzlichen Renteneintrittsalter in den Ruhestand wechseln zu können. Der Verweis auf andere Jobs irgendwo als Pfört­ne­r:in wäre dann im Unterschied zu heute gegenstandslos.

Eine Frage der Würde

Die Grünen haben kürzlich einen ähnlichen Antrag in den Bundestag eingebracht mit dem Vorschlag, dass Berufsunfähige mit einer sogenannten „Überlastungsschutzrente“ zwei Jahre vor dem gesetzlichen Rentenbeginn ausscheiden können. Dies soll möglich sein, wenn die Angeschlagenen „im bisherigen Beruf oder dem bisherigen Beruf ähnlichen Betätigungsfeldern wegen Krankheit oder Behinderung“ nicht mehr arbeiten können, heißt es in dem Antrag.

Doch damit wird der frühe Renteneintritt immer abhängiger von individuellen medizinischen Gutachten. Das ist heikel.

„Es ist auch eine Frage der Würde“, sagt eine Lehrerin in Berlin, die wegen gesundheitlicher Probleme früher in den Ruhestand ging und wie Jochen H. nicht mit vollem Namen in der Zeitung stehen will, „wenn du nach vielen Jahrzehnten Arbeit zum Gutachter musst und dein Körper und dein Kopf durchexaminiert werden, ob du auch ja schwach und angeschlagen genug bist, um etwas früher als andere in Rente zu gehen, dann ist das demütigend. Umso trauriger, wenn sowas dann zur Regel werden könnte.“

  • informationsspiegel

    Related Posts

    Erinnerung an Stalins Opfer: Kreml schafft Gulag-Museum ab
    • February 25, 2026

    Nur wenige Orte in Russland erinnern an die Opfer der Stalin-Herrschaft. Ein Museum soll künftig an den „Völkermord am sowjetischen Volk“ erinnern. mehr…

    Weiterlesen
    Brandmauer in Brandenburg eingerissen: Hennigsdorfer CDU stimmt mit AfD für Bürgerwehr
    • February 25, 2026

    Das Stadtparlament von Hennigsdorf beschließt den Aufbau einer „Sicherheitspartnerschaft“. Beantragt hatte das die AfD, die CDU und andere zogen mit. mehr…

    Weiterlesen

    Nicht verpassen

    Erinnerung an Stalins Opfer: Kreml schafft Gulag-Museum ab

    • 4 views
    Erinnerung an Stalins Opfer: Kreml schafft Gulag-Museum ab

    Brandmauer in Brandenburg eingerissen: Hennigsdorfer CDU stimmt mit AfD für Bürgerwehr

    • 2 views
    Brandmauer in Brandenburg eingerissen: Hennigsdorfer CDU stimmt mit AfD für Bürgerwehr

    Reform des Heizungsgesetzes: Ein bisschen Grün muss sein

    • 3 views
    Reform des Heizungsgesetzes: Ein bisschen Grün muss sein

    Sicherheit im Straßenverkehr: Weit weg von Vision Zero

    • 4 views
    Sicherheit im Straßenverkehr: Weit weg von Vision Zero

    SPD-Minister vor Rheinland-Pfalz-Wahl: „Wir leben nicht unbedingt in einem progressiven Mainstream“

    • 4 views
    SPD-Minister vor Rheinland-Pfalz-Wahl: „Wir leben nicht unbedingt in einem progressiven Mainstream“

    Reform des Heizungsgesetzes: Gesetz mit vielen Lücken

    • 4 views
    Reform des Heizungsgesetzes: Gesetz mit vielen Lücken