Jale Richert musste noch einer verletzten Maus von der Straße helfen, deshalb schaltet sie sich etwas später in unseren Termin. Ein guter Grund, der schon vor dem Gespräch etwas über die Modedesignerin verrät: Sie ist umsichtig und nimmt sich Zeit für das, was ihr wichtig ist. Gerade kommt sie aus Berlin-Kreuzberg, wo im Mai das erste Richert-Beil-Geschäft eröffnen wird. Keine typische Modeboutique. „Es geht uns darum, einen Ort zu haben, an dem man auf einfache Art Menschen zusammenbringen kann“, erklärt Richert.
Hauptsächlich anonymes Arbeiten und dann alle halbe Jahre ein Riesenevent auf der Berliner Modewoche, das entspreche ihr nicht, sagt sie. Vielmehr wünsche sie sich einen regionalen Anlaufpunkt, an dem sie der Kundschaft begegnen könne, Austausch stattfinde und Werk und Leben zusammentreffen. „Wenn man so viel arbeitet, sucht man natürlich auch innerhalb der Arbeit irgendwann nach Ruhe.“
Zwölf Jahre lang schon gibt es das Berliner Modelabel Richert Beil. Jale Richert und Michele Beil sind beruflich wie privat ein Paar und agieren als gleichgestellte Kreativdirektoren. Die Konzepte stammen oft von Richert, die Feinarbeit von Beil. „So kommt man sich nicht in die Quere.“ Statt Trends folgen sie bei der Entwicklung ihrer Kollektionen selbst definierten Werten. So kompromisslos wie möglich. Auch aus diesem Grund sind sie zu einer Konstante der Berliner Modeszene geworden. „Ihnen könnte, glaube ich, der Zeitgeist nicht egaler sein“, erklärt Léon Romeike, der sowohl Freund als auch immer wieder Stylist für Richert und Beil ist.
Präzise Schneiderkunst, Verpflichtung zur Inklusion unterschiedlicher Körpertypen und höchste Qualität sind das Grundgerüst der Marke. Die Looks haben oft etwas Avantgardistisches und werden gebrochen durch ein überraschendes Comic Relief. So trug kürzlich bei ihrer Modenschau das erste Model einen exquisiten Couture-Mantel um die Hüften gebunden und dazu ein mit Ketchup bekleckertes Tanktop. „Es gibt immer diese Spannung zwischen dem Commitment to Excellence und dem Raum für alberne Ideen. Daraus entsteht eine gewisse Magie“, so Romeike.
Zwischen Witz und hohem Anspruch
„Ohne Humor würde alles nicht funktionieren“, erklärt auch Jale Richert. Sich selbst nimmt sie nicht so wichtig, ihre Kunst dafür umso mehr. „Ich habe einen sehr hohen Anspruch an mich, an die Verarbeitung der Kleidungsstücke und an meine Arbeit allgemein.“ Jeder Kragen muss exakt sitzen, wird zur Not noch einmal neu genäht. Man sieht, dass sie das Handwerk liebt.
Als Modedesignerin begegnet sie oft Menschen, die, verunsichert durch den oberflächlichen Ruf der Modewelt, eine direkte Bewertung ihrer Outfits erwarten. Richerts Verständnis von Mode ist ein anderes. Gerade das Zusammenspiel unterschiedlicher menschlicher Charaktere und der von ihnen gewählten Kleidung fasziniert sie. „Wie Menschen im Alltag mit ihrer Kleidung leben, was sie dadurch aussagen und unterstreichen, darin sehe ich etwas, das ich sehr schön finde“, verrät die Designerin. Und auch die Mode von Richert Beil wirke ihrer Ansicht nach am stärksten, wenn man vor der Show das Model studiere, das den Look tragen soll, und sich von dessen Garderobe und Persönlichkeit inspirieren lasse.
Richert Beil produzieren sehr kleine, hochwertige Kollektionen und haben eine eigene, genderneutrale Größentabelle entwickelt. Dem offiziellen, schnellen Modesystem entspricht das nicht. Schritt für Schritt haben sich die beiden Modedesigner in eine Position gearbeitet, die ihnen diese Arbeitsweise erlaubt. „Für unsere Mode muss man vielmehr ein Mindset mitbringen als den richtigen Körper. Man muss verstehen, dass das Kleidungsstück einem entsprechen muss und dadurch gut aussieht“, erklärt Richert.
Dieser individuelle Blick, verbunden mit der unabdingbaren Qualität, macht ihre Mode zu einem Luxusprodukt. In der heutigen Luxusmodeindustrie, in der immer schlechtere Ware zu einem immer höheren Preis angeboten wird, sei Richert Beil das Gegengift, findet Léon Romeike.
Der Raum als Universum
Ihr neuer, betretbarer Raum ist als Weiterführung der Idee zu verstehen, luxuriöse Mode zugänglicher und im wahrsten Sinne des Wortes greifbar zu machen. „Wir möchten einen hochwertigen Ort schaffen, der gleichzeitig immer wieder offene Türen hat“, so Richert. Auch eine kleine Küche gibt es. Sie soll zum gemeinsamen Kochen, sei es mit Freunden oder Geschäftspartnern, genutzt werden.
Neben ihren eigenen Kollektionen möchten die Modedesigner auch Dinge anbieten, die das Richert-Beil-Universum vor Ort erweitern. Produkte, die in ihrer Sparte hochwertig sind, aber aus einem deutlich günstigerem Preissegment stammen. Wie etwa eine edle Suppenkelle oder ein Premium-Tee-Ei. „Dinge, die das Leben verschönern“, nennt es Jale Richert. So wie das auch die Mode tut.
Die Modeindustrie wird oft wegen ihres Zwangs zur ständigen Erneuerung kritisiert. Die Relevanz, die Mode für Menschen habe, dürfe aber nicht vergessen werden, ist Richert überzeugt. Sowohl für die schaffende als auch die tragende Seite. „Ich finde es wichtig, dass weiterhin kreativ gearbeitet wird. Es macht das Leben einfach schöner.“ Gleichzeitig sei dieses Arbeiten oft gesellschaftskritisch und dadurch umso wichtiger, bringe es doch viele Bewegungen nach vorne. „Gerade über Mode kann man sich schnell identifizieren oder mitreißen lassen. Positive Botschaften und Communitys entstehen oft aus der Mode heraus.“
Jale Richert und Michele Beil haben ihre ganz eigene Mission: Trotz der bedingungslosen Exzellenz ihrer Mode soll diese stets nahbar bleiben. Sei es durch ein extravagantes Showkonzept, in denen sich Gäste begegnen, die sich sonst nie über den Weg gelaufen wären. Durch ein Fischbrötchen, das zum Accessoire fürs Latex-Ensemble wird. Oder indem sie ihre Mode in ein Lebensgefühl einbetten, das weit über Kleidung hinausgeht. Richert Beils Mode ist, schon rein größentechnisch, für alle da. Und funktioniert am besten, wenn man sie nicht zu ernst nimmt, sondern sie sich zu eigen macht.






