Die Nöte der Menschen sehen: Missmut zeigen

M ecker doch nicht immer“, gibt der Liebste der Fußgängerin auf der Suche nach Kolumnenthemen einen gut gemeinten Rat: „Du erlebst doch auch Schönes bei deinen Spaziergängen durch die Stadt!“ Ja, das kommt vor, und dann schreib ich auch drüber. Erst neulich erfreute mich ein Graffiti, das einfach aus einem schönen Wort bestand: „Gnaddeln“ leuchtete da in bunten Buchstaben durch den grauen Wintertag und versetzte mich sofort in gute Stimmung. Gnaddeln, das klang nach der norddeutschen Heimat meiner Mutter, wo ich nie gelebt habe, der ich mich aber dennoch verbunden fühle: vor allem durch das stets liebevoll klingende Plattdeutsch meiner Oma. Ich sah nach, was das Wort bedeutet; es ist tatsächlich Platt, auf Hochdeutsch heißt es missmutig sein und dem Ausdruck verleihen.

Tja, liebe Leser:innen, das ist dann wohl Schicksal, und da müssen wir jetzt gemeinsam durch bzw. ich muss und Sie möchten, das hoffe ich jedenfalls.

Denn ich verstehe meinen Kolumnentitel ja schon auch als eine Art Klassenbegriff: Als Fuß­gän­ge­r:in zählt man nicht zu jenen, die sich einfach ein Taxi nehmen können, wenn die BVG, Berlins öffentlicher Nahverkehr, streikt – jene, die eben Kuchen essen, wenn das Brot mal alle ist. Dabei könnte ich mir das durchaus ab und zu leisten, seit ich einen Arbeitgeber habe, der seine Beschäftigten nach dem Ländertarif für den öffentlichen Dienst bezahlt. Was übrigens heißt: Erstreiken die BVG-Kolleg:innen höhere Löhne, profitiere ich irgendwann auch davon.

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wochentaz

Dieser Text stammt aus der wochentaz. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.

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Aber trotzdem, liebe Leser:innen: Haben Sie das mitbekommen? Als Berlins Krankenhäuser bei tagelangem Glatteis auf schlecht geräumten Gehwegen wegen der vielen Sturzverletzten den Notstand ausrufen mussten, fuhren Anfang Februar während des BVG-Streiks Straßenbahnen leer durch die Stadt – leer vorbei an denen, die nun zu Fuß zur Arbeit mussten, Streik hin, Glatteis her. Das Bild dieser leeren „Geisterbahnen“, die hell erleuchtet, sicher und beheizt an Menschen vorbeifahren, die bei Minus 9 Grad am noch dunklen Berliner Morgen über glatte Gehwege stolpern, geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Wer fällt so eine menschenfeindliche Entscheidung? Und wo blieb der Aufschrei dagegen, der Protest?

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Es erschreckt mich, wenn sich meine Gedanken mit denen Rechter überlappen

Deutschland werde zunehmend zu einer „Untertanen-Demokratie“, lese ich in einer Berliner Zeitung, die mal links war und sich seit langem in AfD-Richtung bewegt. Die These des Autors, gleich in den ersten Zeilen des Textes zu lesen: Da der Staat trotz hoher Steuerlasten in Bereiche wie Infrastruktur oder Gemeinwesen kaum noch investiere, sinke das „Grundvertrauen“ in die Demokratie. (Warum das in eine Untertanen-Demokratie führen soll, bleibt mir schleierhaft; für das Tor durch die Paywall zum ganzen Text mochte ich nicht zahlen.)

Doch es erschreckt mich, wenn sich meine Gedanken mit denen Rechter überlappen: Ich bin eine Linke ohne jedes Vertrauen in das Demokratieverständnis insbesondere rechter Parteien. Dennoch: „Die AfD ist da!“, klagt eine Freundin, die zu rechtsextremen Strategien forscht. „Die machen Bürgerarbeit, sind da ansprechbar für Leute, wo sich sonst kein Politiker blicken lässt.“

Genau da beginnt das Problem, fürchte ich. Wenn politische Amts­trä­ge­r:in­nen zu häufig kranke Arbeitnehmende, zu faule Eltern, „Lifestyle-Teilzeit“ anprangern, zeigt das nicht nur, dass sie null Ahnung davon haben, wie viele Menschen in diesem Land darum kämpfen müssen, ein halbwegs gutes Leben organisieren und bezahlen zu können. Es ebnet auch den Weg für politisches Handeln, das die Nöte und Bedarfe dieser Menschen ignoriert. Sie werden zu „Untertanen“, die zwar ab und an wählen dürfen, sich dann aber bloß nicht mehr mucken sollen: eine ganz schlechte Basis für Demokratievertrauen.

Und: Nein, ich bin keine dieser „Wutbürger:innen“. Ich gnaddel bloß gern.

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