Ägyptischer Megastar Abdel-Wahab: Die Frau und der Vormund

Fast jeder in der arabischen Welt kennt Sherine Abdel-Wahab. Bekannt wurde die ägyptische Sängerin, die alle bei ihrem Vornamen nennen, in den frühen nuller Jahren, als ihre Single „Ah ya Leil“ in allen Musikcharts der arabischen Welt ganz oben platziert war. Ihr Song „Sabry Alil“ ist aktuell ein TikTok-Hit.

Der Sound von Sherine ist deutlich von westlicher elektronischer Popmusik beeinflusst. Doch, was den Gesang angeht, basieren ihre Songs eindeutig in der ägyptischen Sing-Tradition. Die charakteristische melismatische Form des Gesangs wird kombiniert mit einer tiefen und emotional direkten Ansprache in ihren Songtexten. Sherines Texte handeln oft von Herzschmerz, Sehnsucht und Versöhnung – wegen solcher Themen verlieh man ihr den Status einer „Königin der Gefühle“. Böse Zungen behaupten zwar, dass es ihr an einem eigenständigen Stil beim Songwriting fehlt und ihre Musik vor allem durch die emotionale Ebene angetrieben wird.

Aber: Ihr Repertoire steht fest in der Tradition der balladesken ägyptischen Liedeslieder. Und dabei zählen nun mal die intime Geständnisse und der expressive Gesangsstil mehr als technische Vollkommenheit oder musikalische Komplexität. Die meisten Songs sind im ägyptischen Arabisch gesungen. Dabei hat Sherrine inzwischen einen erkennbaren zeitgenössischen Sound angenommen, der mit der allgemeinen Entwicklung des Arabpop Schritt hält, digital produziert und medienaffin inszeniert wird.

Bei aller Professionalisierung, fußt ihre künstlerische Identität immer noch auf einer glaubwürdigen Offenheit – Sherines Songs klingen weniger nach Glamour und künstlerischer Raffinesse und eher nach Bekenntnis. Daraus wird ersichtlich, dass Sherine nicht nur ein Star ist – sondern auch eine Künstlerin mit einem gewissen gesellschaftlichen Freimut. Und damit steht sie auf verschiedene Arten im Rampenlicht.

Immer wieder kritisiert sie den Staat

Geboren im Armenviertel Al-Qala’a in Kairo wirkt Sherines Geschichte zunächst wie ein Art Märchen: Ihre Grundschullehrerin überzeugte die Eltern, sie dem Dirigenten des Kairoer Orchesters vorstellen zu dürfen. Der mochte ihre Stimme, nahm sie als Mitglied seines Chors auf. Danach wirkte sie in erfolgreichen Duetten mit prominenten Sängern mit, veröffentlichte später eigene Hit-Singles, gefolgt von acht Soloalben.

Wie in allen Märchen folgte auf den Erfolg aber Ärger. Und im Image des Vorzeigestars traten Risse auf. Im März 2019 wurde Sherine beschuldigt, den ägyptischen Staat gedemütigt zu haben. Ein Fan hatte ihr zugerufen: Sie solle das Lied „Mashrebtesh Men Nilha?“ (Hast du nicht aus dem Nil getrunken?) singen. Sie antwortete: Das Wasser werde „Bilharziose bescheren; trink lieber Evian.“ Die Folge: Ein Urteil über sechs Monate Gefängnis wegen Beileidigung des Staates und der Verbreitung von Fake News.

Später spielte sie während eines Festivals in Bahrain auf den Vorfall an, indem sie sagte: „Ich kann hier sagen, was ich will, anders als in Ägypten“. Ein bekannter ägyptischer Anwalt verklagte Sherine dann erneut wegen Beleidigung des Staates.

Allein durch diese Vorfälle lässt sie sich in der ägyptischen Gesellschaft als labile, unkontrollierbare Frau darstellen. Ein Bild, das sich dadurch untermauern lässt, dass sie – Skandal – zweimal verheiratet war. Zunächst mit dem Komponisten Mohamed Moustafa, mit dem sie zwei Kinder hat und von dem sie sich 2012 scheiden ließ. Im Jahr 2018 heiratete die Sängerin erneut, diesmal den ägyptischen Sänger Husam Habib, selbst ein Star. Die Ehe erregte viel Aufmerksamkeit, 2021 ließen sie sich scheiden.

Das Boulevard lässt sie nicht in Ruhe

Arabische Boulevardzeitungen schrieben ihr nach der Trennung die Aussage zu: „Ich bin jetzt frei“. Im Dezember 2021 erschien sie nach einer Pause wieder auf der Bildfläche, mit rasiertem Kopf und mehr Gewicht. Und sagte, sie habe sich die Haare abgeschnitten, um sich selbst zu bestrafen – für all das Leid, das sie sich wegen ihrer Liebe zu Habib zugefügt habe.

Doch das Paar heiratete 2022 erneut. Kurz nachdem Sherine in den sozialen Medien gepostet hatte, dass sie und ihr Ex-Mann sich versöhnt hätten, wurde berichtet, dass sie in eine psychiatrische Klinik verlegt worden sei. Es gab Vorwürfe, sie sei von ihrem eigenen Bruder körperlich misshandelt worden. Ihr Bruder erklärte wiederum, er habe seine Schwester aufgrund ihres Drogenkonsums zusammen mit ihrem Ehemann in eine Reha-Einrichtung eingewiesen. Angeblich, um sie vor ihm zu retten. Wieder ein Skandal.

Dass Frauen von den Männern in ihrem Leben kontrolliert werden ist gerade in arabischen Gesellschaften weit verbreitet. Frauen sind Tochter eines Mannes, Schwester eines Mannes, dann Ehefrau eines Mannes und schließlich – vielleicht – Mutter eines Mannes.

Das Ägyptische Zentrum für Frauenrechte warnt etwa: Die Geschichte Sherines sei die vieler ägyptischer Frauen, „denen das Recht verwehrt wird, sich innerhalb der patriarchalischen Familienstruktur selbst zu vertreten“. Das Zentrum forderte Schutzmaßnahmen, um Sherines Rechte, sowohl als Patientin als auch als Frau zu schützen.

Die Ähnlichkeit zum Fall Spears ist frappierend

Im vergangenen Januar wurde Sherine erneut das Ziel von Tratsch: Zunächst gab es Behauptungen, sie liege in einer Klinik, später wurde berichtet, sie lebe nun unter der Aufsicht ihrer Familienangehörigen. „Ich habe das Gefühl, dass Sherine langsam verschwindet. Ich weiß nichts über sie – mit wem sie zusammen ist, wie es um ihre Gesundheit steht oder wie ihr soziales Leben aussieht“, sagte TV-Persönlichkeit Amro Adib damals. Und forderte die Ägypterinnen und Ägypter auf: „Helft mir, gemeinsam mit mir nach Sherine zu suchen.“

Die Ähnlichkeiten zwischen Sherines Fall und dem der US-amerikanischen Sängerin Britney Spears sind unübersehbar. Vielleicht davon inspiriert überschwemmten damals Sherines besorgte Fans das Internet mit dem Hashtag „#Where_Is_Sherine“.

Nun ist sie zurück: Mit zwei Singles und TV-Interviews – in denen sie erklärte, sie habe sich erholt. Von etwas, das sie als „die Szene in Titanic“ beschrieb, „in der Kate Winslet auf einem Holzbrett liegt, während das Wasser gefriert und sie fast am Rande des Todes steht“.

Sherines Geschichte ist kein Einzelfall: Popkultur ist voller Diven, die unter Gewalt litten. Und das insbesondere in Gesellschaften, in denen das Leiden von Frauen üblicherweise als „Privatsache, in die man sich nicht einmischen sollte“ betrachtet wird. Gesellschaften, die von ihren Frauen – und gerade denen im Rampenlicht – erwarten, dass wie makellos und wohlerzogene Puppen sind.

Die Gewalt gegen sie eskaliert manchmal bis zum Mord – wie im Fall der tunesischen Sängerin Thikra, die 2003 von ihrem Ehemann in ihrer Kairoer Wohnung getötet wurde. Oder der libanesischen Sängerin Susan Tamim, die 2008 mit deutlichen Spuren von Gewalt an ihrem Körper in ihrer Wohnung in Dubai tot aufgefunden wurde.

Doch heute, auch dank der sozialen Medien, bekommen ihre Schicksale mehr Aufmerksamkeit. Und die Fans sind wachsam. Online werden emotionale Interviews, plötzliches Verschwinden, seltsame Instagram-Posts, Handgesten oder kryptische Bildunterschriften diskutiert, vermeintliche Hilferufe daraus abgeleitet.

Geschichten wie die von Sherine und anderen bekannten Frauen in Not spiegeln die Gesellschaft. Und wenn sie und ihre Fans immer mehr ihre Geschichte für sich reklamieren, wächst daraus Bewusstein. Und vielleicht eine Veränderung der Gesellschaft.

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