Social-Media-Trend „Becoming Chinese“: Warmes Wasser, heiße Takes

D en „Becoming Chinese“-Trend beobachte ich schon eine Weile. Seit ich selbst durch China reise (gerade bin ich auf dem Rückweg), hat mein Algorithmus offenbar beschlossen, mir das Thema noch einmal richtig nahezubringen. Mein Feed läuft voll mit Influencern, die sich – meist nicht ganz wörtlich gemeint – gerade besonders „chinesisch fühlen“: Sie trinken warmes Wasser, schwören auf TCM, die traditionelle chinesische Medizin, und wirken dabei sehr in sich ruhend.

Nun gibt es, wie für die Reaktionskultur typisch, bereits mindestens genauso viele Videos, die nicht nur partizipieren, sondern sich auf der Metaebene mit dem Phänomen beschäftigen. Das auf den ersten Blick harmlos-fröhliche Meme ist zur geeigneten Schanze für verschiedenste „Takes“ geworden, wie Creator ihre mal mehr und mal weniger originellen Ansichten auf ein Thema bezeichnen.

Ein besonders populärer: Der Trend bediene einen Orientalismus. Das Argument kennt man seit Edward Said: Der Westen konstruiert den Osten als fremd, geheimnisvoll, exotisch, um die eigene Überlegenheit zu behaupten. Dann kam der Cultural-Appropriation-Vorwurf. Der Trend reiße kulturelle Elemente durch Aneignung aus ihrem Zusammenhang, entleere und konsumiere sie bloß. Dem folgte prompt die Gegenbewegung: Dieser Vorwurf sei selbst antiasiatischer Rassismus, verkenne er doch, dass China keine marginalisierte Kultur ist, ja, der Trend sei geradezu Ausdruck wachsender chinesischer Soft Power. Was wiederum sofort den Take provozierte, dabei handle es sich um chinesische Propaganda. Woraufhin ein neuer Take befand, der Trend sei im Gegenteil eine bewusste Abkehr von US-amerikanischer Kulturhegemonie.

All diese Takes sitzen irgendwie, oder? Und für jeden lassen sich in den Weiten des Social Web passende Beispiele finden. Was aber auffällt: Sie berühren einander nicht. Der eine behauptet vielleicht, dass der andere falsch sei, geht ihm aber nicht argumentativ auf den Grund. Vier einander widersprechende Deutungen existieren gleichzeitig, ohne dass eine die andere ernsthaft herausfordert. Aber vielleicht geht es auch gar nicht um Erkenntnis, sondern um Sortierung? Man weiß hinterher, wer wie drauf ist. Über die Sache selbst weiß man nicht viel mehr. Der Orientalismus-Take stellt kulturelle Wachheit aus. Der Appropriation-Take moralische Sensibilität. Der Soft-Power-Take geopolitische Klarsicht. Der Propaganda-Take ideologiekritische Nüchternheit. Der Take ist also nicht bloß Inhalt, sondern auch Habitus.

Keine Thesen im klassischen Sinne

Takes sind jedenfalls keine Thesen im klassischen Sinne. Thesen werden entwickelt, stehen in einem Begründungszusammenhang, der sich bewähren muss. Takes bekunden eine Haltung und formulieren dabei einen Deutungsanspruch – was sie manchmal thesenhaft-essayistisch erscheinen lässt. Doch beim Essayistischen geht es immer auch um Gegenargumente, ums Differenzieren, ums Ausführen eines Gedankens. Im Take ist Differenzierung ein Schwächezeichen. Viele Takes funktionieren nach dem Schema „Alle denken X, aber eigentlich ist Y“. Sie leben von der leichten Reibung mit dem vermeintlichen Konsens.

Takes sind für den Moment gemacht. Der „Hot Take“ ist nicht nur eine Steigerungsform, sondern die eigentliche Logik. Sobald er kalt wird, interessiert sich niemand mehr dafür. Das Wichtigste ist die Pointiertheit! Ein gelungener Take muss nicht vollständig sein, vielleicht nicht einmal stimmen. Er muss zünden. Takes haben den Charakter performativer Intervention. Man hat nicht einen Take, man postet ihn. Das Stilideal ist entsprechend kalibriert: klug, schnell, leicht ironisch, souverän und dabei beiläufig wirkend. „Mein Take“ ist etwas für die Instagram-Story, nicht fürs Feuilleton (das sich freilich gern von Takes inspirieren lässt).

Die Takes über das „Becoming Chinese“-Meme stehen nebeneinander, sie bauen nicht aufeinander auf. Das Ergebnis ist keine Debatte, sondern ein Panorama von Haltungen. Aber hat das nicht auch was für sich?

  • informationsspiegel

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