Alles Bizarre des Menschen und das Unstete, das Verstörende, das ihm eigen ist, ließe sich wohl in zwei Silben zusammenfassen: Garten.
Das schrieb vor einhundert Jahren ein Pariser Surrealist in einem Buch, das „Der Pariser Bauer“ heißt, womit niemand mit diesem Familiennamen gemeint ist, sondern was ein Widerspruch in sich sein soll. Denn wo Stadt, da kein Bauer. Kurzzeitphänomene wie „Urban Gardening“ konnte der Mann mit dem schönen Namen Louis Aragon da noch nicht vorausahnen, und vermutlich hat er den Satz auch ganz anders gemeint, als ich ihn als gegenwärtiger Städter verstehen würde, nämlich als ein Loblied auf den Garten. Auch müsste der Satz heute wohl anders lauten, zumindest am Ende: „Ließe sich wohl in drei Silben zusammenfassen:“ Landleben, so müsste es heute heißen.
Denn ein Garten ist kein Land, wie ein Land kein Garten und eine Ente kein Schlammloch ist. Irgendwie geht es um Natur, also um bezwingbare oder längst bezwungene Natur, und so wird ein Wanderschuh draus: Ein Land ist doch ein Garten, nämlich in Übergröße, ein Land ist gemähte Wiese, schön Asphalt da durch, Bäume in Reih und Glied, ordentlich angebrachtes Totholz, eingehegte Tiere und so weiter. Besonders dort, wo man nicht auf dem Land ist oder an Land, sondern am Land, wie zum Beispiel in Niederösterreich, das nicht so niedrig ist, wie es klingt.
Nun soll man nicht denken, am Land ist es kühler als in der Stadt, nein, nein, die Sonne brennt hier ebenso heiß runter, und wenn einen eine Bremse sticht, dann brennt das auch, sodass die Kinder die Bremsen logischerweise auch Brennsen nennen, schließlich bremsen die ja nicht. Zum Glück kann man naturbaden am Land, zum Beispiel in einem extra angelegten Naturschwimmbecken, so ist das nämlich mit dem Landleben.
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Gelsen wie in Gelsenkirchen
Und natürlich ist da kein Chlor in dem Naturschwimmwasser, und man soll sich natürlich verhalten und in das Wasser hineinbegeben, und natürlich schwimmt nach einem Tag ein Ölfilm auf dem Wasser von all dem natürlich nicht natürlichen Sonnenöl, mit dem sich alle einschmieren in so einem Hitzesommer. Straße von Hummus hin oder her.
Natürlich gibt es auch andere Tiere am Land, nicht nur Brennsen, sondern auch Libellen, die aussehen wie kleine Hubschrauber, und Wespen und Gelsen wie in Gelsenkirchen und Zecken, die politisch eher rechts gerichtet sind, und Fliegen und Blattläuse, die einen ganzen Baum besetzen, was eine Gastfamilie nicht davon abhält, sich darunter einzurichten und tagelang zu kniffeln oder Trivial Pursuit zu spielen.
Mäuse gibt es nicht, aber Katzen – und Marder, die sich nachts über den Baum über den elektrischen Zaun hinwegschleichen, um sich ein paar Hasen zu holen. Zwei Enten, die in einem Tümpel tümpeln und sich das Gehege mit den männlichen Hasen teilen, den Rammlern, die aus Gründen der Geburtenkontrolle nicht zu den Häsinnen dürfen. Oder nur manchmal.
Es gibt Esel und Ponys, die sich über neue Wiesenabschnitte freuen, wenn man sie raus aus ihrem Gehege ausführen möchte, Raumgewinn ungefähr drei Meter. Es gibt Ziegen, das sind wahrhaft freundliche Tiere, und einen Berner Sennhund ohne Fass, der weder auf „Lassie! Hol Hilfe, Lassie!“ reagiert noch auf den Ruf nach der „Bergwacht“, in Bergnot möchte man in seiner Anwesenheit lieber nicht geraten.
Und es gibt Kühe und Hühner, Nutzvieh also, Schweine gibt es nicht, höchstens abends als Schnitzel, Schafe auch nicht, man kann nicht alles haben. Und eine Ruhe ist am Land! Es tuckern die Vögel, es singen die Traktoren, aber am Abend darf man allein in der Bauernstube Fußball gucken, der Rest des Hofs schläft schon, so ein Landleben ist anstrengend.
Hurra, die Wiese brennt
Was es am Land auch gibt, sind Sonnenwendfeiern, das Feuer ist dann echt nicht ohne, da kommt dann trotzdem keine Feuerwehr, weil auch die weiß, was für ein Tag ist, nämlich der der Sonnenwendfeier, egal ob die Wiese brennt oder nicht. Ab jetzt geht es wieder abwärts, nur die Hitze, die bleibt, und drüben in der Stadt gibt es keine Naturschwimmbecken. Dafür gibt es da Busse, die sonntags fahren, und Leute, die man auch ohne Untertitel versteht, was hier am Land freili net so is.
Aber wie schrieb Aragon? „Was Was Was soll’s / Was soll’s Was soll’s“ und so weiter, eines ist nur klar: Verstörend ist die Natur, wenn man aus der Stadt kommt, noch tagelang jucken die Insektenstiche, aber im Naturschwimmbecken, da ist es schön. Das nur so als Tipp.






