Erste Runde Kommunalwahlen in Frankreich: Links gegen links?

Es rumort im linken politischen Lager in Frankreich am Morgen nach der ersten Runde der Kommunalwahlen, und eines ist jetzt schon klar: Die Strategie der gemäßigten Linken, der Sozialisten (PS) und der Grünen (EELV), sich in den vergangenen Wochen und Monaten immer deutlicher von der Linkspartei La France insoumise (LFI) zu distanzieren und politische Allianzen auszuschließen, hat sich nicht ausgezahlt.

Stattdessen überraschten LFI-Kandidat*innen in mehreren Städten mit starken Ergebnissen. Dass auch die rechtsextreme Partei Rassemblement National (RN) Zugewinne erzielte, zeigt, dass sich das Erstarken der Ränder ein Jahr vor den Präsidentschaftswahlen weiter fortsetzt.

Im Pariser Vorort Saint-Denis, der 150.000 Einwohner zählt, wurde der LFI-Kandidat Bally Bagayoko bereits in der ersten Runde knapp zum neuen Bürgermeister gewählt. Schon in der Wahlnacht feierte man ihn wie einen Helden und Vorboten kommender Siege. Noch in der Nacht änderte er seine Selbstbeschreibung auf Instagram in „Bürgermeister“, so, als wolle er seinen Mitstreiter zurufen: Wir sind wieder wer!

Besonders neugierig aber blicken die Ana­lys­t*in­nen im Moment in den Norden Frankreichs, nach Lille und Roubaix. In der „Hauptstadt von Flandern“, traditionell von den Sozialisten regiert, schloss die LFI-Kandidatin Lahouaria Addouche unerwartet mit nur 3 Prozent Punkten Unterschied zum amtierenden Bürgermeister Arnaud Deslandes (PS) auf. Erst vor ein paar Tagen war die Führungselite der Partei nach Lille gereist, um sie zu unterstützen.

In der angrenzenden Stadt Roubaix, die als eine der ärmsten Gemeinden Frankreichs gibt, schrammte der LFI-Kandidat David Guiraud mit 46,7 Prozent nur knapp an der absoluten Mehrheit vorbei, hat aber sehr gute Aussichten, am kommenden Sonntag Bürgermeister zu werden. Und noch etwas hat er geschafft: Die Wahlbeteiligung stieg in Roubaix um 10 Prozentpunkte – auf immer noch geringe 38 Prozent.

Zweifelsohne kam Guiraud zugute, dass der amtierende, konservative Bürgermeister erst vor drei Monaten ins Amt nachrückte, weil sein Vorgänger wegen Steuerhinterziehung verurteilt worden war. Aber das allein erklärt nicht den kometenhaften Aufstieg Guirauds, dem auf der Plattform Tiktok über 700.000 Menschen folgen.

Im Wahlkampf suchte er sich Unterstützung lokaler Persönlichkeiten, die sonst kaum mit Politik in Berührung kommen: muskelbepackte Jungs eines Boxclubs oder einen lokalen Comedy-Content-Creator. Vor allem aber appellierte er an den Stolz der Roubaisiens, wie man die Ein­woh­ne­r*in­nen nennt: Er wolle der Stadt ihr Würde zurückgeben, aller Armut und Tristesse zum Trotz.

Auch wenn Guiraud im Wahlkampf vom Label LFI möglichst wenig Gebrauch gemacht hat, wird er von seinen Parteikollegen wie ein Heilsbringer gesehen. Das liegt auch daran, dass die Partei – gelinde gesagt – zuletzt viel um die Ohren hatte.

Linkes Mit- oder Gegeneinander?

Zum einen, weil der Partei vorgeworfen wurde, Antisemitismus in ihren Reihen zuzulassen – gerade Parteigründer Jean-Luc Mélenchon hat wiederholt ambivalente Anspielungen gemacht und den Vorwurf genährt. Zum anderen aber führte der Tod des rechtsnationalen Quentin Deranque, in den LFI-nahe Ak­ti­vis­t*in­nen verwickelt sein sollen, zu einer noch deutlicheren Abkehr seitens der Sozialisten. Von der Einigkeit des Nouveau Front Populaire (Neue Volksfront), der zusammengeschlossenen Linken, die 2024 die Parlamentswahl für sich entschied, ist schon lange keine Rede mehr.

Nun geht es darum, welche Bündnisse bis zum Dienstagnachmittag für die Stichwahl geschmiedet werden, denn die Mehrheitsfindung wird umso schwieriger, je mehr Listen in der zweiten Runde noch gegeneinander antreten. Gerade mehrere linke Listen pro Gemeinde könnten den Rechtsextremen in die Hände spielen. Deswegen appelliert LFI an die traditionelle Brandmauer: „Wir reichen den anderen Listen, die sich an diesen Wahlen beteiligen, die Hand, um eine antifaschistische Front zu bilden“, forderte der Parteikoordinator Manuel Bompard.

In Toulouse und Avignon fand sein Ruf bereits Gehör, dort will ein Linksbündnis verhindern, dass die Stadt in die Hände des RN fällt. Doch an der Strategie, sich generell von den Insoumis (den Unbeugsamen) fernzuhalten, wollen die Sozialisten auf nationaler Ebene festhalten. In Lille laufen indes die Gespräche mit den Grünen, die sowohl von PS als LFI umgarnt werden und das Zünglein an der Waage werden könnten. Bis kommenden Sonntag heißt es nun: Spielchen, Charmeoffensiven und Schachereien. Wenn sich das linke Lager für die Präsidentschaftswahlen 2027 empfehlen will, täte es gut daran, sich nicht jetzt schon unheilbar zu zerfetzen.

  • informationsspiegel

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