Linke und Verbände sind alarmiert: Immer mehr junge Menschen sind wohnungslos

Die Lebenssituation wohnungsloser junger Menschen in Deutschland ist weiterhin besorgniserregend. So verdreifachte sich zwischen 2022 und 2025 nahezu die Zahl der Minderjährigen ohne Wohnung. Das geht aus einer Antwort des Bauministeriums auf eine Kleine Anfrage der Linken hervor, über die zuerst die Rheinische Post berichtete.

Ende Januar 2025 galten demnach bundesweit mehr als 137.100 Menschen unter 18 Jahren als wohnungslos. Viele davon lebten in speziellen Unterkünften, einige gar auf der Straße. Drei Jahre zuvor seien es lediglich rund 47.200 gewesen. Auch junge Erwachsene, also jene zwischen 18 und 25 Jahren, sind verstärkt betroffen. Ende Januar 2025 waren rund 55.700 ohne Wohnung – ein neuer Rekord.

Die Linken-Bundestagsabgeordnete und Sprecherin für soziales Wohnen, Sahra Mirow, sprach gegenüber der taz von „unhaltbaren Zuständen“ und einem „beispiellosen sozialpolitischen Versagen“ der Bundesregierung.

Von einem alarmierenden Signal angesichts des starken Anstiegs sprach Joachim Rock, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes. „Wenn inzwischen mehr als 137.000 Minderjährige ohne eigene Wohnung leben, zeigt das, wie dramatisch sich die Lage für viele junge Menschen und Familien zugespitzt hat.“

Er sieht den Bund, die Länder und die Kommunen in der Pflicht, an der Wohnungslosigkeit von jungen Menschen etwas zu ändern. „Es braucht deutlich mehr bezahlbaren Wohnraum, gezielte Unterstützungsangebote für junge Wohnungslose sowie einen verlässlichen Zugang zu Hilfen beim Übergang in Ausbildung und Arbeit.“ Wer jungen Menschen echte Chancen auf Teilhabe und ein selbstständiges Leben geben wolle, müsse dafür sorgen, dass sie ein sicheres Zuhause haben.

NRW liegt in der Statistik vorn

Die meisten Minderjährigen ohne Wohnung gab es dem Bauministerium zufolge im Januar 2025 in Nordrhein-Westfalen (31.700), Baden-Württemberg (29.500) und Berlin (15.700). Dass NRW als größtes Bundesland Spitzenreiter ist, verwundert nicht. In seinen strukturschwachen Regionen wie dem Ruhrgebiet ist die Armut unter Kindern und Jugendlichen besonders hoch. Viele dieser jungen Menschen benötigen staatliche Leistungen, um überhaupt irgendwie über die Runden zu kommen. Und wer arm ist, findet schwieriger eine bezahlbare Wohnung.

Hinzu kommen, und das gilt natürlich nicht nur für NRW und das Ruhrgebiet, häufig familiäre Probleme, die manche Jugendliche von zu Hause weglaufen lassen, sowie ein angespannter Wohnungsmarkt mit zu wenig Sozialwohnungen.

Die Linke legte einen besonderen Fokus ihrer Kleinen Anfrage auf „Care Leaver“. Das sind junge Erwachsene, die aus stationären Hilfen zur Erziehung, etwa Wohngruppen oder Pflegefamilien, ausscheiden. „Sie haben ein überdurchschnittlich hohes Risiko, wohnungslos zu werden“, heißt es in der Anfrage. Während junge Menschen in Deutschland das Elternhaus im Schnitt mit fast 24 Jahren verlassen, sind „Care Leaver“ oft bereits mit 18 Jahren auf sich allein gestellt – häufig ohne den sozialen und finanziellen Rückhalt einer Familie.

Regierung handelt offenbar nicht

Die Bundesregierung teilte mit, dass ihr dieses Problem bewusst sei. Ein wirkliches Gegensteuern ist indes nicht zu sehen. Die Regierung stellt hierzu lediglich fest, dass junge Menschen „in einer Zeit tiefgreifender Krisen aufwachsen und sich soziale Ungleichheiten verfestigen“. Besonders alarmierend sei die Situation bei der Wohnraumversorgung.

Der starke Anstieg der Anzahl wohnungsloser Minderjähriger und junger Erwachsener sei zum Teil auf eine Verbesserung der Datenmeldung durch die beteiligten Stellen zurückzuführen, heißt es von der Bundesregierung. Eine weitere Ursache des Anstiegs ist, dass 2023 erstmalig Ukrainer in der Statistik erfasst wurden, die in Folge des russischen Angriffs nach Deutschland kamen.

Im Schnitt seien wohnungslose Menschen auch länger als früher in kommunalen Einrichtungen verblieben. Wohnungslose Minderjährige zwischen 14 und 18 Jahren seien im vergangenen Jahr im Schnitt fast 150 Wochen untergebracht gewesen. 2023 seien es noch 117 Wochen gewesen.

Die Linke kritisiert, dass gerade Jugendliche so lange in solch prekären Verhältnissen feststecken: „Wir dürfen nicht zulassen, dass junge Menschen in Notunterkünften vergessen werden, wo sie im Schnitt prägende Jahre ihres Lebens verlieren.“ Wer einen so großen Teil seiner Jugend in Unterkünften verbringen müsse, die häufig nur auf Erwachsene ausgerichtet seien, dem verwehre der Staat auf fatale Weise gleiche Entwicklungschancen.

  • informationsspiegel

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