Nabu kooperiert mit Bundeswehr-Thinktank: Mehr Wildnis wagen, mehr Sicherheit gewinnen

„Wir erleben eine doppelte Zeitenwende: sicherheitspolitisch und ökologisch“, erklärt Malte Siegert die ungewöhnliche Kooperation, die Umweltschutz und Verteidigung künftig zusammendenken will. Der Hamburger Nabu-Chef hat zusammen mit den Nabu-Kollegen in Schleswig-Holstein und dem Hamburger Bundeswehr-Thinktank German Institute for Defence and Strategic Studies (GIDS) ein Ideenpapier unter dem Titel „Mehr Wildnis wagen – mehr Sicherheit gewinnen“ veröffentlicht. Weil: Naturschutz sei „kein Luxus, sondern Grundlage unserer gemeinsamen Sicherheit“.

Ein engerer Austausch zwischen Nabu und Bundeswehr soll künftig Ansätze einer integrierten Sicherheitsstrategie liefern. „Wer heute Sicherheit denkt, muss Natur mitdenken“, betont Siegert. Alles andere greife zu kurz. Die Idee Klimaschutz, Nachhaltigkeit und Verteidigung zusammenzubringen, ist nicht neu. Bereits im November 2023 hatte das Verteidigungsministerium eine solche Strategie vorgestellt.

Nabu und GIDS haben sie nun etwas weiter formuliert. Umweltschutz erhöhe die Verteidigungsfähigkeit von Staaten und Nationen, sagen die Experten. Das klappt etwa beim Schutz von Wäldern. Denn diese können als natürliche Verteidigungsstellungen fungieren – besonders wenn sie alt sind.

Dabei gelte: je größer der Stammumfang der Bäume, desto größer die hemmende Wirkung. Für moderne Fahrzeuge seien Wälder zwar kaum noch ein Hindernis, Truppenbewegungen könnten sie aber durchaus verlangsamen. Waldkampf ist für Militärs annähernd so komplex wie ein Kampf in der Stadt.

Moore als natürliche Verteidigungsstrukturen

Im Fokus von Nabu und GIDS steht auch die Renaturierung von Feuchtgebieten. Besonders Moore könnten im Kriegsfall – wie im Mittelalter ein Burggraben – wichtig werden. Sie würden militärische Bewegungen verlangsamen und gleichzeitig die Resilienz von Landschaften erhöhen. Potenziellen Angriffen werde so das Überraschungsmoment genommen.

„Moore sind dreifach wertvoll. Sie schützen Klima, Artenvielfalt und im Ernstfall auch unsere Sicherheit in Deutschland und Europa“, sagt Alexander Schwarzlose, Landesvorsitzender des Nabu Schleswig-Holstein. Im Ukraine-Krieg werden Moore bereits als natürliche Barrieren genutzt, Finnland, Polen und die baltischen Staaten renaturieren die Feuchtgebiete bereits gezielt als natürliche Verteidigungsstrukturen. Das nützt gleichzeitig auch dem Klimaschutz.

Weiterer Punkt: Die Bundeswehr muss ihre fossilen Abhängigkeiten reduzieren, um widerstandsfähiger zu werden. „Eine Armee, die am Tropf fossiler Lieferketten hängt, ist verwundbar“, sagt Stefan Bayer, Forschungsleiter beim GIDS. Die Abkehr von fossilen Treibstoffen verbessere aber nicht nur die Einsatzfähigkeit der Armee.

Erneuerbare sind auch beim Militär angekommen

Volkswirtschaften könnten ihre Energiesouveränität steigern – das mache sie unabhängiger von Importen und verringere die Treibhausgasemissionen. „Mehr erneuerbare Energie bedeutet mehr Unabhängigkeit, mehr Durchhaltefähigkeit und mehr Sicherheit“, sagt Bayer. So nehme auch die geopolitische Erpressbarkeit der Bundesrepublik ab.

Wasserstoffbetriebene Motoren, Elektromotoren, Hybridantriebe oder E-Fuels könnten in Zukunft zum Beispiel in Panzern an die Stelle von Diesel treten. Das schütze nicht nur das Klima, sondern hätte auch strategische Vorteile. Fahrzeuge mit Elektro- oder Hybridantrieb zum Beispiel seien schwerer zu orten – auch für Drohnen, sagen die Autoren. Wasserstoff sei für Militärfahrzeuge derzeit noch keine Alternative zu fossilen Brennstoffen. Er könne jedoch anderweitig eingesetzt werden, etwa zum Betreiben von Feldlagern.

Mehr Naturnähe wünschen sich die Autoren auch für Kasernen. Diese sollten zu multifunktionalen Standorten mit eigener Energieproduktion und Raum für Natur werden. Beispielsweise könnten auf den Dächern Solaranlagen angebracht werden. „Jede Kilowattstunde vom Kasernendach macht unabhängiger, jede Grünfläche trägt zum Artenschutz bei“, sagt GIDS-Wissenschaftler Bayer.

Die anstehenden Milliarden-Investitionen in militärische Infrastruktur dürften zudem „nicht automatisch mehr Flächenverbrauch bedeuten“, betont Nabu-Chef Siegert. Deshalb benötige es einen „Dialog mit der Bundeswehr, um naturverträgliche Planungen und Alternativen zu entwickeln“.

  • informationsspiegel

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