Mit dem Rauchen aufhören: Diese Lust daran, mich schleichend zu vergiften

M eine geliebte Zigarette, jetzt stehe ich hier mit dir und frage mich: Warum?! Warum bin ich schon wieder bei dir gelandet, obwohl du so toxisch bist? Ich inhaliere deinen Qualm, er brennt im Mund. Ja, du schmeckst nicht mal gut, aber machst mich glücklich. Du bist meine Zuflucht in schwierigen Zeiten und meine Belohnung nach einem stressigen Tag. Ich habe dich gerne dabei, wenn ich Kaffee trinke oder ausgehe. Du bringst mich nach oben, wenn ich down bin, und runter, wenn meine Emotionen hochkochen. Ich kenne dich, seit ich 15 bin. Es war Sommer, wir saßen am See, jemand bot mir einen Zug an, ich probierte: Igitt! Der süße A. war stinksauer, ich war sauer, dass er sauer war, und zog deshalb gleich noch mal und noch mal und noch mal.

Was haben wir nicht schon alles miteinander erlebt: Umzüge, Trennungen, durchzechte Nächte am WG-Küchentisch. Eigentlich kenne ich dich sogar noch länger. Mein Vater war dein größter Fan, er rauchte zeitweise drei Schachteln von dir, im Arbeitszimmer, das wir Kommandozentrale nannten, oder im Auto auf dem Weg zum Eishockey mit heruntergelassenen Scheiben, damit wir Kinder nicht so viel davon abkriegten. Als Kind wollte ich dich zerstören, habe dich auch mal entzweigebrochen, aber irgendwann hast du dich auch in mein Leben geschlichen und ich habe dich bereitwillig hereingelassen. Denn ich wollte draufgängerisch sein, dazu gehören. Mehr Skatergirl als Pferdemädchen, mehr französischer Filmstar als Marienhof.

Irgendwer sagte mal: Wir Millennials seien ein wissenschaftliches Experiment. Im Teenageralter begonnen, haben viele von uns bis mindestens Ende 20, Anfang 30 durchgetrunken und -geraucht. Im Großen und Ganzen haben danach die meisten von uns die Kurve gekriegt, nur manche Sucht, die bleibt. Ich war wegen dir schon beim Lungenarzt. Der hat mir gesagt, wenn ich weiter mit dir abhänge, lebe ich zehn Jahre kürzer.

Ach ne! Auf jeder Zigarettenschachtel sieht man, was du mit unseren Organen anstellst. Und ja, es macht mir Angst. Ist da etwa ein Knubbel? Scheiße, da spüre ich doch was. Wenn dieser Rauchfrei-Bestseller nicht so verdammt schlecht geschrieben wäre, ich hätte dich schon längst aus meinem Leben geworfen. Und drei, vier, fünf, ja vielleicht sogar zehnmal habe ich es ja auch schon geschafft. Nur dann kommt wieder der Moment, in dem ich schwach werde. Ach, heute mache ich mal ‘ne Ausnahme, denke ich dann. Oder bei jeder nächsten Katastrophe: Jetzt ist es auch schon egal.

Immerhin rauche ich mittlerweile nur noch sehr wenig. Aber dennoch: Woher kommt diese Lust daran, mich schleichend zu vergiften? Ist es eine Aggression gegen mich selbst? Oder die Realisation, dass irgendetwas mich irgendwann sowieso umbringen wird, und ich in der Zwischenzeit ja auch ein bisschen auf die Kacke hauen kann? Denn als Raucherin macht mir Rauchen Spaß.

Ein Kollege sagte mal, dass man ja auch eine Mischkalkulation anstellen könne. Ein bisschen zu rauchen, ist auf lange Sicht vielleicht tatsächlich besser, als es sich ganz zu verbieten und deshalb ständig gestresst und schlecht gelaunt zu sein, sagt die Sucht in mir – oder bin ich es? Andererseits ist es schon irgendwie bitter, ausgerechnet den bösen Tabakkonzernen auf den Leim gegangen zu sein. Da wäre ein niedliches Weingut in romantischer Hanglage stilvoller. So, ich mache Schluss. Dieses Mal wirklich. Meld dich ja nie wieder bei mir! Wenn es noch etwas zu klären gibt, weiß ich ja, wo ich dich finde.

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