
K anye West darf nicht nach Großbritannien einreisen, wo er als Headliner eines Festivals auftreten sollte – letztes Jahr veröffentlichte er noch seinen Song „Heil Hitler“. Endlich zeigt mal jemand Grenzen auf.
Der verurteilte Vergewaltiger Andrew Tate und seine Freunde im Van auf dem Weg zur nächsten Party in Miami. Es ist Januar. „All my N** Nazis, N**, Heil Hitler“, hört man Kanye Wests Stimme aus den Boxen rappen. Die Männer lachen sich kaputt und einige zeigen den Hitlergruß. Wo sind wir hier gelandet, fragt man sich da nur kurz.
Aber es ist 2026, rechtsradikale Frauenfeinde und Edgelords haben Millionen Follower, und wenn einer der ehemals prägendsten Rapper der Welt einen vor Rassismus und Antisemitismus triefenden Song releast, dann finden solche Leute das natürlich lustig. Der düsterste Brainrot-Content ist längst Mainstream. Alles kann ein Meme sein. Auch ein Rapper mit einer bipolaren Störung, der „Heil Hitler“ schreit. Passt ja alles irgendwie ins Weltbild. Da kommt zusammen, was zusammen gehört, und die Edgelords (und Queens, Stichwort Dimes Square-Szene) freuen sich, dass die Popkultur auf ihrer Seite ist.
Keir Starmer reicht’s
Der moralische Kompass: längst verloren, längst verrottet. Wo ist denn, fragt man sich da, die viel beschworene, bis aufs Letzte bekämpfte Cancel-Culture? Kanye releast ja trotzdem munter weiter Alben, die dann Millionen Menschen hören, als wäre nichts gewesen. Zuletzt „Bully“ vor einigen Wochen. Cancel-Culture, ein Phantom, klar, wissen wir ja. Denn wer wurde jemals wirklich gecancelt?
Aber halt, Keir Starmer reicht’s. Der britische Premierminister lacht nicht so blöde mit wie Tate und seine Bros. Ihn interessiert weder Kanye Wests bipolare Störung, die seit zehn Jahren als Entschuldigung für all seine Entgleisungen herhalten soll, mit denen er verbrannte Erde hinterlässt und Menschen diskreditiert, noch Kanye Wests einseitiges Entschuldigungsschreiben, das er im Wall Street Journal als Anzeige veröffentlichen ließ. In dem hieß es: „Ich bin weder ein Nazi noch ein Antisemit“.
Kanyes Wahnsinn der letzten Jahre ist aber nun mal online, er muss sich daran messen lassen. Genauso wie am Nazi-Song, zu dem Andrew Tate tanzt, gegen den übrigens auch in Großbritannien wegen Vergewaltigung ermittelt wird. Starmer jedenfalls sagte: Heute leider nicht, und verweigerte Kanye die geplante Einreise ins Vereinigte Königreich.
Der sollte eigentlich als Headliner des Wireless Festivals spielen. Drei Tage hintereinander. Letztes Jahr war noch Schnulzenrapper Drake an seiner Stelle. Diesmal dann „Heil Hitler“ statt „Hotline Bling“ – oder wie haben sich das die Verantwortlichen vorgestellt? War dann wohl doch zu viel für die wendehälsige Entertainmentindustrie. Sogar Pepsi sprang als Sponsor ab, und das Wireless Festival sagte nach Bekanntwerden der Einreisesperre für Kanye gleich die ganze Veranstaltung ab.
Seit 2016 kein gutes Album mehr
Ist das jetzt Cancel-Culture? Eher nicht. Es zeigt viel mehr, dass sich da ein Festivalveranstalter ziemlich damit verschätzt hat, wie sehr der sogenannte „Vibe Shift“ bereits vorangeschritten ist. Denn nicht alle Menschen da draußen sind so verroht wie Andrew Tate und Konsorten. Aber die Kunstfreiheit! hört man’s direkt raunen. Und natürlich ist die hier nicht eingeschränkt, natürlich betreibt Starmer keine Zensur. Jeder Mensch kann sich 365 Tage im Jahr Kanye Wests Musik anhören, auch wenn, sind wir mal ehrlich, seit „The Life of Pablo“ von 2016 kein gutes Album mehr erschienen ist. Und trotz seiner Entgleisungen, seines Trump-Supports, all dem Schwachsinn. Muss man ihn deswegen auch noch drei Tage hintereinander in einem riesigen Park in London auftreten lassen? Nein. Ist es gut, dass menschenfeindliche Aussagen im Pop für millionenschwere Künstler zumindest ein paar kleine Konsequenzen haben? Ja.
Kanye selbst wird es nicht wehtun. Er wird seine Wege finden, um Teil der Öffentlichkeit zu bleiben, Musik zu veröffentlichen. Millionen unkritische Fans, die in ihm immer noch den Innovator sehen, der er mal war, werden mitziehen, werden die Augen verschließen vor dem nächsten Skandal. Aber zumindest Marken und Festivalveranstalter werden sich ab jetzt wieder zweimal überlegen, wie weit sie die Verschiebung der Grenzen des Sagbaren mittragen wollen. Wen sie ins Rampenlicht stellen. Die kleine Denkpause, das kleine Durchatmen, das sich durch die Einreisesperre ergibt, tut allen gut.
Übrigens, Stichwort Cancel-Culture: Kanye West war nicht der erste berühmte Rapper, der nicht nach Großbritannien einreisen durfte. Auch Tierdoku-Kommentator und Dauerkiffer Snoop Dogg war mal Persona non grata – wegen einer kleinen Rangelei am Flughafen. Man muss also gar nicht so schwere Geschütze auffahren wie Kanye, damit die Briten keinen Bock auf einen haben.






