Wer auf die Webseite des Zementproduzenten Heidelberg Materials geht, sieht vor allem erst mal viel grüne Farbe und Gerede von Nachhaltigkeit. Dass der Konzern nun trotzdem im Mittelpunkt einer ganzen Aktionswoche von Klimaaktivist*innen steht, liegt daran, dass diese Darstellung mit der Realität wenig zu tun hat.
Denn die Zementindustrie ist weltweit für gigantische CO₂-Emissionen verantwortlich: 8 Prozent des globalen Treibhausgasausstoßes sind auf sie zurückzuführen. Unter allen DAX-Konzernen ist Heidelberg Materials seit Jahren der größte Luftverpester überhaupt.
Doch anders als etwa in Frankreich, wo die inzwischen verbotene Gruppe Aufstände der Erde (Les Soulèvements de la Terre) schon länger mit spektakulären Aktionen gegen die Zementindustrie kämpft, gab es in Deutschland bisher vergleichsweise wenig Protest gegen die Branche. In Heidelberg will das ein breites Bündnis aus lokalen Initiativen ändern. Unter dem Motto „It’s time to end cement“ mobilisiert das Bündnis für die kommende Woche zum inzwischen zweiten Protestcamp „gegen die dreckigste Industrie, über die niemand spricht“.
Darya Sotoodeh, Aktionsbündnis
Überall prägt der Konzern in Heidelberg das Stadtbild, erzählt Bündnissprecherin Darya Sotoodeh der taz: Beim großen klassischen Musikfestival „Heidelberger Frühling“ tritt der Konzern als Sponsor auf, wer ins städtische Theater geht, stößt im Programmheft auf großflächige Werbung.
Bauwende gefordert
„Wir wollen uns gegen diese Normalisierung stellen“, sagt Sotoodeh. Dafür hat die Gruppe Aktionen und Proteste angekündigt. Am Donnerstag sind Blockadeaktionen am Zementwerk geplant, am Samstag eine satirische Demonstration. Im Camp wird bei Workshops und Vorträgen mit einer dreistelligen Zahl von Aktivist:innen gerechnet.
Derart klimaschädlich ist Zement, weil bei der Herstellung zwangsläufig CO₂ entsteht: Bei der Umwandlung von Kalk zu Klinker wird das Treibhausgas chemisch freigesetzt. Und weil dafür Temperaturen von über 1.400 Grad nötig sind, verschlingt die Produktion enorme Energiemengen. Für Heidelberg Materials gibt es für all das aber technische Lösungen. Man setze auf alternative Brennstoffe, schreibt eine Konzernsprecherin der taz. Zudem investiere der Konzern in Carbon Capture and Storage (CCS) – will also ausgestoßenes CO₂ auffangen und tief unter der Erde einlagern.
Foto: 5 Vision News/imago
Das Problem laut Ulrich Wohland von End Cement: Weder seien erneuerbare Energien bisher in der Lage, den Kalk auf die nötigen Temperaturen zu erhitzen – noch sei CCS eine verlässliche Lösung. Denn CCS sei nicht nur extrem aufwändig und teuer. „Eigentlich wäre neben jedem Zementwerk ein fast ebenso großes CCS-Werk nötig“, sagt Wohland. CCS sei teurer als die Zementproduktion selbst. Großflächig eingesetzt sei es deshalb wohl schon aus ökonomischer Sicht für den Konzern kaum tragbar.
Menschenrechtsverbrechen weltweit
„Es führt kein Weg daran vorbei, die Zementproduktion insgesamt zu reduzieren“, sagt Wohland deshalb. Kleinere technische Optimierungen würden nichts bringen, wenn die Produktion insgesamt immer weiter wächst. Notwendig sei deshalb eine gesamtgesellschaftliche klimagerechte Bauwende. Heißt konkret: Sanierung statt Abriss und Neubau und der verstärkte Einsatz von alternativen Baustoffen wie Holz und Stein.
Immer wieder werden gegen die Tochterunternehmen von Heidelberg Materials auch Vorwürfe erhoben, in weltweite Menschenrechtsverbrechen verwickelt zu sein. Sie betreiben etwa Ressourcenabbau in der von Marokko besetzten Westsahara sowie im israelisch besetzten Westjordanland. Proteste gegen die Praxen von Konzerntöchtern gibt es auch in Indonesien, Togo und Australien.
Die Konzernsprecherin schreibt der taz, man habe „Managementprozesse“ eingerichtet, um entlang der Lieferkette auf die Einhaltung der Menschenrechte zu achten. Grundsätzlich bekenne man sich zur „Achtung der Menschenrechte, einschließlich des Selbstbestimmungsrechts der Völker in allen Ländern, in denen wir tätig sind“.
Den Aktivist:innen reicht das nicht. Sie fordern einen unabhängigen Menschenrechtsbericht und einen Menschenrechtsfonds, der direkt aus der Dividende des Konzerns finanziert wird. „Das wird der Konzern nicht freiwillig machen. Dafür braucht es politischen Druck und öffentliche Aufklärung“, sagt Sprecherin Sotoodeh.






